Außergewöhnliche Bestattungen aus Sachsen-Anhalt gewähren Einblick in Leben und Tod in der Bronzezeit
Leben und Tod in Mitteleuropa während der späten Bronzezeit: Neue Erkenntnisse aus archäologischer und biomolekularer Forschung
Eine aktuelle interdisziplinäre Studie liefert erstmals detaillierte Einblicke in das Leben der Menschen in Mitteleuropa während der späten Bronzezeit (ca. 1300–800 v. Chr.), auch bekannt als Urnenfelderzeit. Durch die Analyse alter DNA, stabiler Isotope und osteoarchäologischer Daten von nicht brandbestatteten Personen sowie den Vergleich mit Strontiumisotopendaten aus Brandbestattungen konnten Forscher neue Erkenntnisse über Abstammung, Mobilität, Ernährung und Bestattungspraktiken gewinnen. Die Untersuchungen konzentrierten sich auf die Fundstellen Kuckenburg und Esperstedt in Mitteldeutschland, wo das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Ausgrabungen durchführte.
Genetische Kontinuität und regionale Veränderungen
Die genetischen Analysen zeigen, dass die Bevölkerung in Mitteldeutschland über weite Strecken der späten Bronzezeit hinweg weitgehend kontinuierlich blieb. Erst in den späteren Phasen dieser Epoche traten Abstammungslinien aus dem mittleren Donaugebiet hinzu. Dies deutet darauf hin, dass neue kulturelle Einflüsse und Ideen vor allem durch Kontakte und Austausch verbreitet wurden, nicht durch großflächige Migration. „Die späte Bronzezeit war keine Zeit abrupten Wandels, sondern eine Phase schrittweiser Anpassungen“, erklärt Eleftheria Orfanou, Doktorandin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Erstautorin der Studie. Die Gemeinschaften blieben eng mit ihrer Region verbunden, waren aber gleichzeitig in überregionale Netzwerke eingebunden.
Flexible Ernährungsgewohnheiten
Ein bemerkenswerter Befund betrifft die Ernährung: In der frühen Phase der späten Bronzezeit begann man, Rispenhirse als Grundnahrungsmittel zu nutzen – eine Getreideart, die kurz zuvor aus Nordostchina nach Europa gelangt war. Diese Umstellung erfolgte vermutlich als Reaktion auf ökologische oder wirtschaftliche Herausforderungen. Später kehrte man jedoch wieder zu traditionellen Getreidesorten wie Weizen und Gerste zurück. Die genetischen Daten belegen, dass dieser Wechsel innerhalb bestehender Gemeinschaften stattfand, ohne dass es zu einem Bevölkerungsaustausch kam. „Die Menschen experimentierten mit neuen Anbaumethoden, ohne ihre kulturelle Identität aufzugeben“, so Orfanou.
Gesundheit und Lebensbedingungen
Die Skelettfunde liefern zudem Hinweise auf die gesundheitlichen Bedingungen der damaligen Zeit. Zwar fanden die Forscher Spuren von Bakterien, die mit Zahnerkrankungen in Verbindung stehen, jedoch keine Anzeichen für weit verbreitete Epidemien. Degenerative Gelenkerkrankungen und gelegentliche Traumata deuten auf ein körperlich anstrengendes Leben hin. Dennoch scheinen die meisten Menschen insgesamt gesund gewesen zu sein. Anzeichen für Mangelernährung in der Kindheit und Stressphasen waren vorhanden, aber nicht flächendeckend.
Vielfältige Bestattungskultur
Die Studie zeigt, dass in der späten Bronzezeit eine vielfältige Bestattungskultur existierte. Neben der vorherrschenden Brandbestattung gab es weiterhin Körperbestattungen, Schädeldepots und mehrstufige Bestattungsriten. Diese Praktiken waren kein Randphänomen, sondern Teil eines breiten kulturellen Repertoires. „Die Menschen wählten aus verschiedenen Bestattungsformen aus, die mit Vorstellungen von Erinnerung und Identität verbunden waren“, erläutert Orfanou. Die Bestattungspraktiken spiegeln somit die dynamischen sozialen Welten der späten Bronzezeit wider, in denen Tradition und Innovation nebeneinander existierten.
Eine Zeit des Wandels und der Anpassung
Die Ergebnisse der Studie unterstreichen, wie die Gemeinschaften der späten Bronzezeit Veränderungen aktiv gestalteten. Neue Ideen und Techniken wurden in bestehende Traditionen integriert, ohne diese zu verdrängen. Wolfgang Haak, Projektleiter am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, fasst zusammen: „Diese Gesellschaften waren resilient und anpassungsfähig. Sie schufen hybride Praktiken, die lokal verankert und gleichzeitig Teil einer zunehmend vernetzten Welt waren.“
Publikation
Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses
Nature Communications. 24.02.2026
DOI: 10.1038/s41467-026-69895-y
https://www.nature.com/articles/s41467-0...












