Auf den Spuren mittelalterlicher Grenzwälle

Landwehren sind spätmittelalterliche Wehranlagen, deren Überreste heute noch vor allem die Landschaft in und um Westfalen prägen. Nachdem sie schon Thema einer Fachtagung der Altertumskommission für Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) waren, hat die LWL- Kommission den Landwehren nun ein ganzes Buch gewidmet.

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Landwher im Digitalen Geländemodell
Der ehemalige Verlauf einer Landwehr in Warendorf-Milte lässt sich im digitalen Geländemodell gut nachvollziehen. Am Computer können die Rohdaten zusätzlich mit einem Maßstab und farbigen Höhenunterschieden versehen werden. Foto: Geobasis NRW

»Diese eigentlich spröden Relikte mittelalterlicher Defensivtaktik«, wie Herausgeberin Dr. Cornelia Kneppe sie mit einem Augenzwinkern nennt, dienten einst zum Schutz von Land, Hab und Gut. Die Zahl der Gefahren, die es abzuwehren galt, war groß: Wegelagerer, Viehdiebe, Raubzüge und alle anderen Formen der Verwüstung, die das mittelalterliche Fehdewesen zu bieten hatte.

Landwehren bestanden aus mindestens zwei Gräben und bis zu drei Wällen, die stets bepflanzt waren. Hier fanden sich unter anderem Hasel, Eiche und Birke sowie sogenannte Dörner, zum Beispiel Weißdorn, Brombeere und Schlehe. Oft wurde den Anwohnern einer Landwehr deren Pflege übertragen. Hierzu gehörte vor allem das regelmäßige Zurückstutzen des Bewuchses, so dass sich über die Jahre ein undurchdringliches Geflecht auf den Wällen ergab.

Das neue Buch behandelt historische und archäologische Grundlagen zu Landwehren, u. a. an den Beispielen von Münster, Paderborn, Höxter oder auch aus dem Raum Coesfeld. Eine Besonderheit sind Landwehren in den Bergbauregionen des Sauerlands, denn hier sicherten sie als Wegesperren wirtschaftliche Interessensgebiete. Zahlreiche weitere Aufsätze zu entsprechenden Anlagen in Niedersachsen, Hessen und im Rheinland beleuchten ähnliche Themen in Westfalens Nachbarregionen.

Landwehren wurden um ganze Kirchspiele, Städte oder Territorien herum oder auch nur als Teilstücke an besonders gefährdeten Punkten errichtet. Um den Verkehr in einer Region kontrollieren zu können, gab es nur wenige Durchlässe. Diese Passierstellen, in vielen Fällen geschützt durch einen Wartturm, waren mit einem Schlagbaum versehen, der von einem sogenannten Wartmann bedient wurde.
Heute sind Teile der Landwehren noch immer oberirdisch sichtbar, wenn auch meistens deutlich abgeflacht. Besonders Waldstücke, die für eine landwirtschaftliche Nutzung ungeeignet waren, haben größere Abschnitte als Relikte einer längst vergangenen Zeit konserviert. Noch lange nach der Aufgabe ihrer eigentlichen Funktion dienten sie der Holzgewinnung. Dr. Aurelia Dickers, Vorsitzende der LWL-Altertumskommission, betont, dass die Landwehren durch die Jahrhunderte hindurch zu wichtigen Bestandteilen der Kulturlandschaft geworden sind, anhand derer sich historische Abläufe und Entwicklungen erschließen lassen.
Dort, wo die Landwehren als solche nicht mehr sichtbar sind, geben alte Karten oder auch umliegende Flur-, Hof- und Familiennamen Hinweise. Nachdem die regelmäßige Pflege des Bewuchses eingestellt worden war, entfalteten sich die Bäume zu ihrer vollen Höhe. In der Folge bekamen die niedrigeren Dörner und Sträucher nicht mehr genug Licht und verkümmerten.

Solche als Bewuchsmerkmale bezeichneten Spuren, aber auch die Grabenverläufe heben sich auf Luftbildern deutlich von der übrigen Vegetation ab. Moderne Methoden wie das Airborne Laserscanning (ALS) bringen zusätzlich nur schwach erhaltene Reste von Landwehren ans Licht. Bei diesen Verfahren scannt ein Laser beim Überfliegen das Terrain ab und registriert die Entfernung zu allen erfassten Objekten. Diese Daten werden dann am Computer ausgewertet und weiterverarbeitet. Mit einem Filter lassen sich Bewuchs und Bebauung entfernen, sodass nur die bloße Bodenstruktur bestehen bleibt. Reste von Landwehren können auf diese Weise auch unter dichten Wäldern oder in unwegsamem Gelände gefunden werden. Die unterschiedlichen Methoden machen bei der Landwehrenforschung eine Zusammenarbeit mehrerer Fachdisziplinen - es waren neben Archäologen auch Historiker und Sprachforscher beteiligt -unerlässlich.

Herausgeberin Kneppe, selbst ausgewiesene Expertin zum Thema Landwehren, hat die unterschiedlichen Ansätze von 21 Autoren in 25 Beiträgen gebündelt und dafür gesorgt, dass sämtliche Aspekte der Landwehrenforschung in grundlegender Art und Weise vorgestellt werden. Entstanden ist ein Kompendium, das auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes alle wesentlichen Merkmale dieser Befestigungsform darstellt und gleichzeitig auf ihre Funktion und Bedeutung zu ihrer Bebauungszeit und bei der späteren Nutzung eingeht.

»Wer sich einmal ausgiebig mit den kleinräumigen Grenzen des Mittelalters befasst hat, der wird in besonderem Maße zu schätzen wissen, heute in einem weitgehend grenzenlosen Europa leben zu dürfen«, so Prof. Torsten Capelle, stellvertretender Vorsitzender der Altertumskommission und einer der Autoren.

Publikation

Cornelia Kneppe (Hrsg.): Landwehren.
Zu Erscheinungsbild, Funktion und Verbreitung spätmittelalterlicher Wehranlagen. Veröffentlichungen der Altertumskommission 20 (Aschendorff Verlag, Münster 2014)
350 Seiten, zahlreiche farbige und schwarz-weiße Abbildungen
ISBN 978-3-402-15008-5, 39,00 Euro

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