Auf den Spuren der ersten schwäbischen Bauern

Ausgrabungen in Kirchheim unter Teck

Aufgrund von Hinweisen auf eine neolithische Besiedlung führt das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart seit vergangenem Sommer archäologische Ausgrabungen im Vorfeld von Erschließungsarbeiten für das Gewerbegebiet Hegelelsberg in Kirchheim/Teck (Ldkr. Esslingen) durch. Nun hoffen die Archäologen, den vollständigen Plan eines jungsteinzeitlichen Dorfes dokumentieren zu können. Damit das bis zum für Sommer 2015 geplanten Abschluß der Ausgrabungen klappt, setzen die Forscher auf die Unterstützung durch die mittlerweile häufiger auch auf archäologischen Ausgrabungen anzutreffenden kamerabewehrten Multikopter.

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Die große Kreisstadt Kirchheim unter Teck wird das Gewerbegebiet Hegelesberg mit einer Gesamtfläche von 8,3 Hektar und einer Bauplatzfläche von knapp 7 Hektar erschließen. Die vermutlichen Baukosten für die Erschließung wurden derzeit auf rund 5,1 Millionen Euro berechnet. Mit den voraussichtlich 15 Monaten dauernden Bauarbeiten soll Ende Januar 2015 begonnen werden.

Aufgrund von Hinweisen, dass im Plangebiet eine Siedlungsstelle des älteren Neolithikums vorhanden sein könnte, wurde eine Vorsondierung durch das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart notwendig. Nach ersten Baggersondagen zur Erkundung des Siedlungsgeländes war klar, dass im Areal des geplanten Gewerbegebiets am »Hegelesberg« eine Siedlung aus der Jungsteinzeit liegt, die im Vorfeld der Bau- und Erschließungsmaßnahmen ausgegraben werden muss, berichtete Grabungsleiter Dr. Jörg Bofinger beim Pressetermin am 25. November auf der Grabung.

Das Ziel der im Sommer begonnenen archäologischen Ausgrabungen ist die Dokumentation der Siedlungsstrukturen einer der frühesten bäuerlichen Siedlungen Baden-Württembergs. Auf einer Fläche von 25.000 Quadratmetern wird dabei das gesamte prähistorische Siedlungsareal des ehemaligen Dorfes erfasst. Die Ausgrabung wird voraussichtlich im Sommer 2015 abgeschlossen werden können und kann parallel zu den im Winter 2014/2015 beginnenden Erschließungsbauarbeiten erfolgen.

Einzelne Fundstücke aus diesem Gebiet waren bereits seit den 1930er Jahren immer wieder entdeckt worden und beim Ausbau des Radwegs an der Nürtinger Straße konnte in den 1990er Jahren ein kleiner Ausschnitt der Siedlungsfläche dokumentiert werden.

Bei den aktuellen Ausgrabungen werden modernste Methoden der Feldarchäologie angewendet. Grabungsleiter Dr. Jörg Bofinger erläuterte den innovativen Einsatz von Fotodrohnen zur Dokumentation der Ausgrabungsflächen aus der Luft: »Innerhalb weniger Flugminuten lassen sich aus etwa 20 bis 30 Metern Höhe viele einzelne Fotos aufnehmen, aus denen dann mittels spezieller Computerprogramme millimetergenaue, dreidimensionale Grabungsplänen berechnet werden können.« So wurden bereits mehrere Hausgrundrisse der Siedlung, die im Laufe der zweiten Hälfte des 6. Jahrtausends vor Christus errichtet wurde, aufgedeckt. Der Experte ist optimistisch: »Im Laufe der Ausgrabungen wird es gelingen, den vollständigen Plan des jungsteinzeitlichen Dorfes Stück für Stück zu dokumentieren.«

Im Boden zeichnen sich die Spuren der Holzpfosten der bis zu 30 Meter langen Häuser deutlich ab und es lassen sich die Standorte und Grundrisse der einzelnen Gebäude feststellen. Die stellenweise noch über einen Meter tief erhaltenen ehemaligen Vorrats- und Abfallgruben zwischen den Hausplätzen bargen u. a. auch Reste des Wandverputzes aus Lehm. Diese Funde zeigen, dass die Hauswände aus Flechtwerk konstruiert waren, das zur Abdichtung mit Lehm verschmiert wurde. In verbrannten Stücken des Wandverputzes haben sich Abdrücke der Wandkonstruktion erhalten. Weiterhin können die einstigen Abfallgruben für die Archäologen heute wichtige Erkenntnisse liefern, denn der ehemalige Siedlungsabfall in Form von Keramikscherben, Steinwerkzeugen oder Speiseresten gewährt interessante Einblicke in die Lebensweise vor etwa 7.000 Jahren.

Aufgrund ihrer typischen Machart, Gefäßformen und Verzierungsmuster geben die Keramikscherben Hinweise auf die chronologische Einordnung der Siedlung - so lässt sich das Dorf der frühesten bäuerlichen Kultur in Mitteleuropa, der sogenannten »Linearbandkeramischen Kultur« zuordnen. Die Kultur ist benannt nach der typischen Verzierungsweise der Keramikgefäße mit eingeritzten bandförmigen Mustern und datiert in die zweite Hälfte des 6. Jahrtausends vor Christus.

Die Ausgrabungen im geplanten Gewerbegebiet Hegelesberg werden in enger Kooperation und vielfältiger Unterstützung mit der Stadt Kirchheim/Teck durchgeführt. An den anfallenden Kosten der Rettungsgrabung des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart beteiligt sich die Stadt Kirchheim unter Teck mit 356.000 Euro.

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