Archäologischer Rekord: Mehr als 43.000 beschriftete Tonscherben in Athribis entdeckt
Der archäologische Komplex Athribis liegt zehn Kilometer westlich des Nils gegenüber der antiken Metropole Achmim und war das Kultzentrum der Löwengöttin (Ta-)Repit. Er besteht aus dem Tempelbezirk, der Siedlung, der Nekropole und Steinbrüchen. Die Ausgrabung in Athribis werden unter der Leitung von Professor Christian Leitz vom Institut für die Kulturen des Alten Orients (IANES), Abteilung für Ägyptologie der Universität Tübingen in Kooperation mit Mohamed Abdelbadia und seinem Team vom MoTA durchgeführt.
Ergiebige Quellen für die Sozialgeschichte eines Jahrtausends
Die frühesten Texte sind Steuerbelege aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. in demotischer Schrift, der gängigen Verwaltungsschrift der Ptolemäer- und Römerzeit. Die spätesten Texte sind arabische Gefäßbeschriftungen aus dem 9. bis 11. Jahrhundert n. Chr. »Die Ostraka zeigen uns eine erstaunliche Vielfalt an Alltagssituationen«, sagt Leitz. »Wir finden Steuerlisten und Lieferungen, daneben kurze Mitteilungen über alltägliche Abläufe, Übungen von Schülerinnen und Schülern, religiöse Texte und priesterliche Bescheinigungen über die Qualität von Opfertieren. Diese Mischung macht den Fund so wertvoll«, sagt Leitz. »Dieser Alltagsbezug eröffnet uns einen unmittelbaren Blick in das Leben der Menschen von Athribis und macht die Ostraka zu Quellen für eine umfassende Sozialgeschichte der Region.«
Der überwiegende Teil der Ostraka ist in demotischer Schrift verfasst, gefolgt von einem beträchtlichen Anteil griechischer Inschriften. Einen kleineren, aber bedeutenden Teil bilden figürliche und geometrische Darstellungen. Hinzu kommen seltene Texte in hieratischer, hieroglyphischer, koptischer und arabischer Schrift. Mit inzwischen mehr als 130 überwiegend demotisch-hieratischen Horoskopen gilt Athribis zudem als der weltweit bedeutendste Fundort dieser Textgattung. Die Geburtsprognosen sind wichtige Quellen für die Erforschung der antiken Astronomie und Astrologie.
Wachsende Grabungsflächen, steigende Fundzahlen
Der außergewöhnliche Umfang des Fundmaterials wurde seit 2018 sichtbar, als westlich des Ptolemäus-XII.-Tempels eine 20 auf 40 Meter große Grabungsfläche geöffnet und nach Südwesten erweitert wurde. Die Arbeiten führten in eine großflächige, keramikreiche Deponie, die inzwischen in Teilen zu einer Siedlungsgrabung übergegangen ist. Neben den Ostraka treten auch immer mehr Lehmziegelbauten, Wohnräume und Magazinstrukturen zutage.
Vor etwa drei Jahren wurde die Grabungsfläche noch einmal nach Westen erweitert. Auf der so entstandenen Fläche von insgesamt 40 auf 40 Metern westlich des Tempels wurden rund 40.000 Ostraka gefunden, täglich zwischen 50 und 100 Exemplare. Für jedes einzelne mussten Hunderte Scherben umgedreht und geprüft werden. Weitere Ostraka stammen aus der Räumung eines älteren Tempels, von dem vor 2022 nur der knapp 52 Meter breite Torbau sichtbar war.
»Wir gehen davon aus, dass wir noch viel mehr Ostraka finden werden. Die hohe und steigende Zahl der Objekte ist erfreulich, stellt uns aber auch vor Herausforderungen«, sagt Leitz. So sei die vollständige dreidimensionale Digitalisierung der mehr als 40.000 Scherben im lokalen Magazin arbeitsintensiv und erfordere spezialisierte Ausstattung, hohe Rechenkapazitäten und geschultes Personal. »Prinzipiell besteht die Möglichkeit, die Digitalisierung und Katalogisierung der Ostraka durch die Verwendung von KI-Systemen zu beschleunigen«, so Leitz, »der Aufwand, ein System entsprechend zu trainieren und zu unterhalten wäre allerdings hoch, wenn auch nicht ohne Reiz.«
»Die Funde von Athribis zeigen eindrucksvoll, welche Kraft in gemeinsamer, langfristiger Forschung steckt. Aus unscheinbaren Tonscherben entsteht durch Expertise, Geduld und Leidenschaft ein lebendiges Bild vergangener Lebenswelten«, sagt Professorin Dr. Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen. »Das Athribis-Projekt ist auch ein Erfolg der langjährigen Zusammenarbeit zwischen der Universität Tübingen und den ägyptischen Partnerinstitutionen. Gemeinsam tragen wir Verantwortung für den Erhalt und die Erforschung eines kulturellen Erbes, das weit über nationale Grenzen hinaus Bedeutung hat. Diese Kooperation zeigt auch die gemeinsamen Perspektiven für zukünftige Forschung.«







