Arabien vor Mohammed

Semitist Peter Stein von der Universität Jena erhält renommiertes Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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Dr. Peter Stein mit der Nachzeichnung einer sabäischen Bauinschrift (Foto: Anne Günther/FSU)
Dr. Peter Stein mit der Nachzeichnung einer sabäischen Bauinschrift (Foto: Anne Günther/FSU)

Mindestens einmal im Leben nach Mekka pilgern. Das ist für jeden Muslim eine der religiösen Grundpflichten. "Schließlich ist Mekka das heilige Zentrum des Islam", erläutert Dr. Peter Stein von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit dem 7. Jahrhundert gilt die Stadt im heutigen Saudi-Arabien als Wiege der islamischen Religion. Doch die Geschichte Zentralarabiens sei noch weitaus länger, betont Orientalist Stein. "Selbst die Kaaba - der Würfel mit dem berühmten schwarzen Stein im Herzen Mekkas - bestand bereits lange bevor sich der Islam in Arabien durchsetzte." Doch wie hat die arabische Gesellschaft vor der Zeit des Propheten Mohammed ausgesehen? Ein Bild davon möchte Dr. Stein in den kommenden drei bis fünf Jahren zeichnen. Der Jenaer Semitist wird dabei mit einem renommierten Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt.

Bislang ist über die vorislamische Gesellschaft Zentralarabiens so gut wie nichts bekannt. "Es gibt praktisch keine zeitgenössischen Quellen aus der Region, die uns darüber Auskunft geben könnten", macht Stein deutlich. Die arabische Geschichtsschreibung beginne erst im 8./9. Jahrhundert. Bis zu diesem Zeitpunkt seien sämtliche Überlieferungen ausschließlich mündlich weitergegeben worden. "All diese Quellen, die teilweise bis heute erhalten sind, sind jedoch aus der Rückschau heraus vorgeprägt und spiegeln nicht zwingend ein authentisches Bild wider", so Stein.

Deshalb will der Jenaer Forscher auf andere Quellen zugreifen. Im Gegensatz zu Zentralarabien ist die Geschichte Südarabiens bis zurück ins 10. Jahrhundert v. Chr. reichhaltig überliefert. Eine Vielzahl von Schriftquellen aus dem Süden der Arabischen Halbinsel lagern in den Archiven. Nicht wenige von ihnen wurden von Forschern der Jenaer Universität entschlüsselt und der Wissenschaft zugänglich gemacht.

Dass diese ebenso für die Region Zentralarabiens Gültigkeit haben, davon ist Stein überzeugt. "Es gab in dieser Zeit einen regen Austausch zwischen dem Süden und dem Norden Arabiens", macht der Semitist deutlich. Denn die Weihrauchstraße, einer der bedeutendsten antiken Handelswege, durchquerte die Arabische Halbinsel. Über sie transportierten Karawanen den kostbaren Weihrauch von Südarabien bis ans Mittelmeer und ins Zweistromland. Wie an einer Perlschnur aufgereiht, säumten Siedlungen diesen Weg. "Es ist davon auszugehen, dass über diese Verbindung nicht nur Handel betrieben wurde, sondern dass es ebenfalls zum kulturellen, sozialen und religiösen Austausch zwischen Süden und Norden kam - Mekka liegt da genau in der Mitte", so Stein.

Die schriftlichen Zeugnisse aus vorislamischer Zeit bergen zahlreiche Hinweise auf Institutionen und soziale Strukturen, die später in ganz ähnlicher Form im Islam wieder auftauchen. Eine davon ist die jährliche Pilgerfahrt zu einem Heiligtum in einem festgesetzten Monat. Diese Parallelen kann der Experte für altsüdarabische Sprachen nun dank des Heisenberg-Stipendiums umfassend untersuchen. "Insgesamt liegen aus Südarabien rund 10.000 Texte vor", sagt Stein. Diese seien jedoch von ganz unterschiedlichem Charakter: Da wären auf der einen Seite repräsentative Monumentalinschriften auf Steinblöcken und Gebäuden, die Widmungen an Gottheiten, Tatenberichte von Herrschern oder juristische Erlässe und Verordnungen für eine breite Öffentlichkeit sichtbar machen sollten. Auf der anderen Seite geben nur wenige Zentimeter große Holzstäbchen Einblick in die vielfältige Alltagskorrespondenz jener Zeit. "Neben geschäftlicher Korrespondenz, Mitteilungen über Warenlieferungen sowie Verträge sind vor allem private Briefe auf diese Holzstäbchen geritzt worden", so Dr. Stein, der in einem gerade abgeschlossenen Forschungsprojekt mehrere Hundert dieser jahrtausendealten Inschriften ausgewertet hat. Jetzt erhofft er sich daraus auch Einblick in das soziale Gefüge Zentralarabiens zur Zeit des Propheten Mohammed.

Kommentare (1)

  • Dieter Storz
    Dieter Storz
    am 26.09.2009
    Die Forschungen von Dr. Stein sind m. E. sehr wichtig um die vormohammedanische
    Zeit zu beleuchten. Dass dabei vorallem der Jemen bzw. Südarabien mit seinen Überlieferungen eine Schlüsselrolle spielen können, scheint mir sehr plausibel, denn die Weihrauchstraße, die auch an Mekka vorbei läuft muss ja irgendwie in den südarabischen Archiven und Inschriften einiges für die Früh-geschichte von Mekka und seinem Umfeld preisgeben. Es gab 1972 eine herausragende Entdeckung in der Moschee von Sanaa (Jemen), die möglicherweise auf Wunsch von Muhammad schon in den ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts errichtet worden ist. Darunter fanden sich auch Koranblätter, die
    aus der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts stammen.

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