Alexandria am Tigris: vergessen und wiederentdeckt

Alexandria am Tigris war einst ein bedeutendes Zentrum des Handels zwischen Meer und Binnenland im antiken Mesopotamien. Lange Zeit vergessen, wurde die Stadt erst jüngst durch moderne archäologische Methoden neu verortet und erforscht. Ein internationales Forschungsteam hat ihre beeindruckende Größe und zentrale Rolle im Fernhandel rekonstruiert – trotz schwieriger politischer Rahmenbedingungen vor Ort.

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Säulen des Palastes in Alexandria am Tigris
Säulen des Peristylhofs des Palastes in Alexandria am Tigris. Foto © Charax Spasinou Project 2022 (Robert Killick, 2018)

Eine Stadt zwischen Fluss und Meer

In der Antike war Alexandria am Tigris ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in Vorderasien – vergleichbar mit seinem ägyptischen Namensvetter, Alexandria. Die Stadt entstand dort, wo sich maritime und kontinentale Handelsrouten kreuzten: zwischen dem offenen Meer und den Flusssystemen des Tigris. Ihre strategische Lage machte sie über rund 550 Jahre hinweg zu einem zentralen Umschlagplatz für Waren und kulturellen Austausch.

„Uns wurde nun klar, dass wir hier wirklich das Äquivalent haben zu Alexandria am Nil“, sagt der Konstanzer Archäologe Stefan Hauser. „Die Situation ist eigentlich dieselbe: Man gründet dort eine Stadt, wo das offene Meer und die Flusssysteme, also die weiteren Transportsysteme ins Inland, aufeinanderstoßen.“

Neuverortung durch moderne Technik

Trotz ihrer einstigen Bedeutung war Alexandria am Tigris lange Zeit nahezu vergessen. Der heutigen Ruinenort trägt den Namen Jebel Khayyaber und liegt im Nordirak – nur wenige Kilometer von der iranischen Grenze entfernt. Die politische Instabilität der Region, insbesondere der Erste Golfkrieg und später die Kontrolle durch den sogenannten Islamischen Staat, erschwerte archäologische Forschungen erheblich.

Erst seit 2016 arbeitet ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Stefan Hauser sowie den britischen Kolleg*innen Jane Moon, Robert Killick und Stuart Campbell an der Wiederentdeckung der Stadt. Durch den Einsatz geophysikalischer Methoden, tausender Drohnenaufnahmen und intensiver Feldarbeit konnten sie eine umfassende Rekonstruktion der antiken Metropole vornehmen. Die Erkenntnis: Alexandria am Tigris war eine Großstadt mit weitreichender urbaner Infrastruktur und überregionaler Bedeutung.

Vom Aufstieg zum Untergang

Warum ist diese bedeutende Stadt in Vergessenheit geraten? Erste Hinweise liefern Umweltveränderungen: Geologische Prozesse könnten zu einem veränderten Flussverlauf geführt und damit die zentrale Lage der Stadt untergraben haben. Auch die lange Forschungslücke spielt eine Rolle – die Blütezeit Alexandrias fiel in eine Periode, die archäologisch lange vernachlässigt wurde.

„Abgesehen davon, dass die Blütezeit dieses Alexandrias in eine Periode fiel, die in der historisch-archäologischen Forschung lange vernachlässigt wurde, war die Lage des Ortes, der modern Jebel Khayyaber heißt, für die Erforschung sehr unglücklich“, erläutert Hauser.

Ein neues Kapitel der Vorderasiatischen Archäologie

Die Forschungen rund um Alexandria am Tigris eröffnen neue Perspektiven auf den antiken Fernhandel und die Stadtplanung in Mesopotamien. Sie zeigen zugleich, wie moderne Technik und interdisziplinäre Zusammenarbeit vergessene Kapitel der Geschichte wieder ans Licht bringen können. Wer mehr über die Entdeckung und die Hintergründe erfahren möchte, findet weitere Informationen im Digitalmagazin der Universität Konstanz im Artikel Das vergessene Alexandria.