Wie Stein Geschichte speichert. Neues ERC-Projekt „ConstruEnS“ entschlüsselt römische Monumentalbauten als Quellen

Wie prägten Bauprojekte die Entwicklung des Römischen Reiches? Welche Auswirkungen hatten sie auf Umwelt, Ressourcenmanagement und gesellschaftliche Strukturen? Und welche Rolle spielten monumentale Bauwerke bei der Organisation eines der größten Imperien der Weltgeschichte? Diesen grundlegenden Fragen widmet sich ein neues interdisziplinäres und überregionales Forschungsprojekt des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) und weiterer Institutionen, das in den kommenden fünf Jahren durch einen „ERC Advanced Grant“ des Europäischen Forschungsrats mit knapp 2,5 Millionen Euro gefördert wird.

Porta Praetoria in Regensburg
Mit dem heute noch sichtbaren Torbogen und dem Rest eines Turms ist die Porta Praetoria in Regensburg eine der wenigen erhaltenen römischen Toranlagen nördlich der Alpen. Foto: © Peter Ferstl, Bildstelle der Stadt Regensburg

Das neue Forschungsprojekt »ConstruEnS – Construction, Environment, and Society on the Rhine and Danube Frontiers of the Roman Empire« verfolgt einen neuartigen Forschungsansatz: Erstmals werden die Wechselwirkungen zwischen römischer Architektur, gesellschaftlichen Strukturen, Umweltbedingungen und imperialen Entscheidungsprozessen systematisch untersucht. »Während monumentale Bauwerke bis heute die öffentliche Wahrnehmung des Römischen Reiches prägen, wurden sie bislang vor allem als Zeugnisse architektonischer oder kunsthistorischer Leistungen betrachtet«, erläutert Projektleiter Prof. Dr. Dominik Maschek, am LEIZA Leiter des Kompetenzbereichs »Römische Archäologie« und Stellvertreter der Generaldirektorin. »ConstruEnS versteht die Bauten dagegen als komplexe historische Archive, die Informationen zum Beispiel über Ressourcenströme, Arbeitsorganisation, technologische Innovationen, Umweltveränderungen und soziale Dynamiken bewahren«, so Maschek weiter.

Mit diesem Ansatz strebt das Projekt einen grundlegenden Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften an. Historische Bauwerke werden nicht länger nur als Ergebnisse vergangener Entwicklungen betrachtet, sondern als zentrale Quellen für die Rekonstruktion von Sozial-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte. Dafür entwickelt ConstruEnS innovative digitale Werkzeuge, analytische Methoden und Modellierungsansätze, die neue Maßstäbe für die Erforschung vormoderner Gesellschaften setzen.

Interdisziplinäre Erforschung von Bauten am Rhein und der oberen Donau

Im Zentrum der Untersuchungen stehen römische Monumentalbauten in Xanten, Köln, Mainz, Regensburg und der Römerstadt Carnuntum in Niederösterreich. Entlang von Rhein und oberer Donau entstanden zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert n. Chr. bedeutende Städte und Militärstandorte, deren Entwicklung archäologisch sehr gut überliefert ist.

Methodisch verbindet ConstruEnS Archäologie, Architekturgeschichte, Archäometrie, Geowissenschaften, Alte Geschichte und Informatik zu einem hochgradig interdisziplinären Forschungsprogramm. Die gewonnenen Daten werden mithilfe neu entwickelter digitaler Analysewerkzeuge ausgewertet und in einer frei zugänglichen Online-Datenbank zusammengeführt. »Das Projekt etabliert wegweisende Standards für die Altertumswissenschaften und verdeutlicht anschaulich, wie die Erforschung antiker Monumentalbauten neue Perspektiven auf zentrale Herausforderungen menschlicher Gesellschaften eröffnen kann – von der Organisation komplexer Infrastrukturen bis zum Umgang mit Umwelt und Ressourcen«, zeigt die Generaldirektorin des LEIZA und Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft Univ.-Prof. Dr. Alexandra W. Busch den anspruchsvollen Ansatz des Vorhabens auf. »Wir freuen uns darauf, ConstruEnS am LEIZA anzusiedeln, denn diese Ausrichtung der Forschung spiegelt sehr gut das Bestreben unserer Einrichtung wider, aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft zu lernen«, betont Busch.

Gemeinsame europäische Spitzenforschung

Das Projekt ConstruEnS wird gemeinsam vom LEIZA, der Universität Trier und der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt. Darüber hinaus vereint es führende Denkmal- und Forschungseinrichtungen entlang der ehemaligen römischen Nordgrenzen Europas: den Archäologischen Park Xanten (APX), das Römisch-Germanische Museum (RGM) Köln, die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE), das Amt für kulturelles Erbe der Stadt Regensburg sowie den Archäologischen Park Carnuntum und das Museum Carnuntinum des Landes Niederösterreich.

»Die Einwerbung eines ERC Advanced Grants, der zu den renommiertesten Forschungsförderungen weltweit zählt, ist ein großartiger Erfolg«, gratuliert Clemens Hoch, Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Gesundheit des Landes Rheinland-Pfalz den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. »Die Förderbewilligung zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial in unserer Forschungslandschaft steckt – denn interdisziplinäre und überregionale Vorhaben wie ConstruEnS schaffen nicht nur neues Wissen, sondern haben im hochkompetitiven Wettbewerb auch mit innovativen Forschungsansätzen überzeugt. Damit trägt das Projekt dazu bei, die internationale Sichtbarkeit unseres Landes im Bereich der Wissenschaft weiter zu stärken«, so Hoch.

Förderung durch den European Research Council

Der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) ist eine von der Europäischen Kommission eingerichtete Institution zur Finanzierung von grundlagenorientierter und exzellenter Forschung. Er wird über das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation »Horizon Europe« finanziert. Ziel der ERC-Förderung ist es, die besten und kreativsten Wissenschaftler*innen dabei zu unterstützen, neue Ansätze in allen Fachgebieten zu entdecken und zu erforschen. Besonders interdisziplinäre, die Grenzen ihres Fachbereiches überschreitende Ansätze werden hierbei als innovationsversprechend begrüßt.

Mit Advanced Grants unterstützt der Europäische Forschungsrat exzellente und etablierte Forscherinnen und Forscher, die neue Forschungsgebiete erschließen möchten. Für die Projekte erhalten sie bis zu 2,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren.
Weitere Informationen zum ERC Advanced Grant

Errichtung des Legionslagers Castra Regina (Modell im Historischen Museum Regensburg)
Bauen vor fast 2.000 Jahren: Dieses Modell, zu sehen im Historischen Museum der Stadt Regensburg, veranschaulicht die Errichtung der Mauer des römischen Legionslagers »Castra Regina« im Bereich der Porta Praetoria. Foto: © Michael Preischl, Museen der Stadt Regensburg
Blog-Beiträge durchblättern
Mit unserem kostenlosen Newsletter können Sie sich regelmäßig alle aktuellen Infos von Archäologie Online bequem in Ihr Postfach senden lassen.