Ötztaler Alpen: 6.000 Jahre altes Gletscherarchiv schmilzt rasant

Ein 6.000 Jahre altes Gletscherarchiv auf der Weißseespitze schmilzt rasant: Seit 2019 halbierte sich die Eismenge. Forschende warnen vor dem Verlust wertvoller Klimadaten – ein Wettlauf gegen die Zeit, um das Eis zu retten.

Gletscher auf der Weißseespitze
Die Tiroler Weißseespitze. © Andrea Fischer

6.000 Jahre altes Gletscherarchiv in den Ötztaler Alpen schmilzt rasant

Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat auf der Weißseespitze in Tirol einen Eisbohrkern gewonnen, der ein einzigartiges Klima- und Umweltarchiv der letzten 6.000 Jahre birgt. Doch das Archiv ist akut bedroht: Seit 2019 hat sich die Eismenge am Gipfel halbiert – ein alarmierendes Zeichen für die Geschwindigkeit des Gletscherrückgangs in den Ostalpen.

Auf 3.499 Metern Höhe konserviert der Gletscher der Weißseespitze seit Jahrtausenden Spuren von Klima, Wetterextremen, Föhnstürmen, Waldbränden und sogar früher Umweltverschmutzung. Die jüngsten Untersuchungen zeigen, dass die nur noch knapp fünf Meter dicke Eiskappe am Gipfel ein wertvolles Archiv darstellt, das von der Römerzeit bis zur Frühen Neuzeit reicht. Doch dieses Archiv schmilzt in Rekordzeit: Seit der letzten Bohrung im Jahr 2019 sind weitere Meter Eis verloren gegangen. Experten warnen, dass das Archiv in wenigen Jahren vollständig verschwunden sein könnte.

Ein einzigartiges Klimagedächtnis

Eisbohrkerne fungieren als natürliche Speichermedien der Atmosphäre.  »Im Eis sind alle Stoffe gespeichert, die mit der Luft transportiert werden – plus Niederschlag und Schnee«, erklärt Andrea Fischer, Glaziologin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW. »Wir können daraus viele Informationen gewinnen, zum Beispiel: Woher der Niederschlag kam, aus welchem Ozean er verdunstet ist und wie viel Niederschlag es gab. Auch lassen sich Rückschlüsse auf Makrostoffe wie Sand, Saharastaub und Holzkohle, Wetterlagen und die Einflüsse des Klimawandels ziehen.«. Diese Daten ermöglichen es, historische Wetterlagen, Dürreperioden und sogar menschliche Einflüsse wie Bergbau und Metallverarbeitung nachzuvollziehen.

Spuren menschlicher Aktivität

Die chemische Analyse des Eises offenbart nicht nur natürliche Einträge, sondern auch frühe menschliche Umweltbelastungen. So zeigen sich ab etwa 950 n. Chr. erhöhte Konzentrationen von Arsen, Blei, Kupfer und Silber – ein Indiz für intensive Bergbau- und Schmelztätigkeiten im Mittelalter. Diese Ergebnisse bestätigen und ergänzen ältere Pollenprofile aus Mooren der Region.

Rettung im letzten Moment

Die Weißseespitze gilt als besonders günstiger Standort für Eisarchive, da ihre abgeflachte Gipfelkuppe eine symmetrische Eisschicht ermöglicht. Doch die Zeit drängt: »Wir sind am letzten Drücker unterwegs, um die Archive zu retten, bevor uns die gespeicherte Information zerrinnt«, warnt Fischer. Seit 2019 ist die Eisdicke von knapp zehn auf nur noch 5,5 Meter geschrumpft – ein dramatischer Verlust in nur wenigen Jahren.

Die Studie unterstreicht die Dringlichkeit, solche Archive zu bewahren, bevor sie für immer verschwinden. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Frontiers in Earth Science veröffentlicht.

Publikation

Spagnesi, A., Wachs, D., Fischer, A. et al.

New chemical signatures from Weißseespitze ice cores (Eastern Alps): pre-industrial pollution traces from Roman Empire to early modern period

Frontiers in Earth Science, Cryospheric Sciences. 13.06.2026
DOI: 10.3389/feart.2026.1680019
https://www.frontiersin.org/journals/ear...

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