»Barbarenmacht«: Spätantike und Völkerwanderungszeit in Halle

Neuer Bereich der Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle eröffnet

Die Dauerausstellung ist das preisgekrönte Herz des Landesmuseums in Halle. Nun kommt mit »Barbarenmacht« ein weiterer Bereich der Dauerausstellung hinzu. Seit dem 3. September 2019 ist der Saal zur Spätantike und Völkerwanderungszeit für die Besucherinnen und Besucher geöffnet.

Germanische Gottheit
Kultfigur eines germanischen Gottes (3.–6. Jh. n. Chr.; Wüstung Wallendorf, Sömmerda, OT Orlishausen, Thüringen. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.

Mit den fast 500 einzelnen Exponaten aus der Spätantike und der Völkerwanderungszeit, also vom 3. bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr., werden weitere archäologische Schätze von über 50 verschiedenen Fundorten aus Sachsen-Anhalt und angrenzenden Regionen präsentiert. »Der 180 Quadratmeter große Raum ist als germanische Versammlungshalle gestaltet und erweitert damit die großartigen Inszenierungen unserer Gestalter, für die das Landesmuseum mittlerweile bekannt ist« betont der Landesarchäologe und Museumsdirektor Prof. Dr. Harald Meller.

»Prunkstück des Landesmuseums ist zweifellos die Himmelsscheibe von Nebra, die Aufschluss über die astronomische Vorstellungswelt der Bronzezeit gibt. Aber auch andere Funde aus dem riesigen Sammlungsbestand sind von weltweiter Bedeutung. Das unterstreicht die kulturelle und touristische Bedeutung des Landesmuseums als Aushängeschild für Sachsen-Anhalt«, hebt der Ministerpräsident des Landes Dr. Reiner Haseloff hervor.

»In der Epoche der Spätantike und Völkerwanderungszeit zogen sich die Römer aus den Gebieten jenseits von Rhein und Donau zurück und Germanen stießen in die Gebiete nach«, sagt der Referatsleiter für die Dauerausstellung Dr. Arnold Muhl. »Für die Besucher wird dies durch einen künstlich gestalteten Mauerdurchbruch – vom Ausstellungsraum des 1. und 2. Jahrhunderts zum jetzigen neuen Raum – deutlich«.

Aufmerksam auf die Ausstellung – u. a. auf dem Banner am Landesmuseum zu sehen – macht eine Kultfigur aus Bronze (3. bis 6. Jahrhundert n. Chr. aus der Wüstung Wallendorf; heute Sömmerda, OT Orlishausen, Thüringen). Die kleine, nur 7,5 Zentimeter hohe Figur ist im mitteldeutschen Raum die früheste germanische Skulptur eines menschlichen Körpers in anatomischer Wiedergabe.

Hauptattraktionen in der Ausstellung sind das Fürstengrab von Gommern (Landkreis Jerichower Land) und vier Adelsgräber aus Leuna (Saalekreis). Die Leunaer Gräber wurden 1917 und 1926 entdeckt. Ausgestellt werden im Römischen Reich angefertigte Luxuswaren aus Silber, Bronze und Glas sowie Attribute des sozialen Standes der bestatteten Personen, dazu gehören silberne Gegenstände der Tracht (Mantelschließen), des Kampfes (Pfeilspitzen) und des Reitens (Sporen). Die besondere soziale Rolle des Bestatteten in der damaligen Gesellschaft bezeugt vor allem der goldene Fingerring aus Grab 2/1917: in der römischen Welt Ausdruck des Ritterstandes. Zwei der Leunaer Personen dienten in den Armeen der römischen Kaiser und Gegenkaiser als Offiziere, entweder bei Söldnertruppen oder in den regulären Verbänden.

Das Fürstengrab von Gommern wurde 1990 von zwei ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern fast unversehrt entdeckt. Die darin bestattete Person stand im sozialen Rang über den Bestatteten aus Leuna. Dies bezeugt die fürstliche Grabausstattung mit einem goldenen, 500 Gramm schweren Halsring sowie zwei goldenen Fibeln. Besonders eindrucksvoll sind zudem der silberne römische Eimer, ein römischer Klapptisch aus Bronze und ein riesiger Bronzekessel. Wie auch schon bei den Leunaer Toten bestanden die persönlichen Ausstattungsstücke aus Silber. »Die Germanen wollten das Geld und den Luxus der Römer, lehnten aber ihre Denkweise und Schriftsprache ab«, sagt Dr. Arnold Muhl.

Um 375 n. Chr. drangen aus den zentralasiatischen Steppen Reiterheere nach Osteuropa vor. Unter ihrem Anführer Attila († 453 n. Chr.) erschütterten sie die bestehenden Strukturen. Einige Germanen, deren Stämme von den Hunnen beherrscht oder beeinflusst waren, griffen die zentralasiatische Sitte der absichtlichen, jedoch schmerzfreien Schädelverformung auf, bei der der Kopf in frühester Kindheit mit Bandagen nach hinten oder hoch gerichtet wird. In der Ausstellung sind derart deformierte Schädel von Frauen aus Gräbern in Obermöllern und Lützen (beide Burgenlandkreis) zu sehen. »Diese kulturelle Eigenheit der Hunnen wurde im 5. Jahrhundert von gewissen Personen der einheimischen Bevölkerung als Ausdruck ihrer sozialen Stellung und Herkunft übernommen«, erklärt Ausstellungskuratorin Anne Wolsfeld.

Schild aus dem Fürstengrab von Gommern
Rekonstruktion des Prachtschildes aus dem Fürstengrab von Gommern. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Karol Schauer.
Schildbuckel aus dem Fürstengrab von Gommern
Schildbuckel (umgearbeitet aus einem römischen Pokal) aus Silber, Gold und Glas aus dem Fürstengrab von Gommern. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.
Turmschädel aus Obermöllern
Sogenannter »Turmschädel« einer 50- jährigen Frau. Körperbestattung aus Obermöllern (ca. 431–492 n. Chr.). © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.
Bandagierung zur Schädeldeformation
Rekonstruktionszeichnung: Bandagierung zur Verformung des Schädels in der Wachstumsphase. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Karol Schauer.
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