Zwischen Ötzi und Neandertaler

Die Plattenhornsteine von Baiersdorf bei Riedenburg im Altmühltal

von: Dipl.Geol.Univ. Alexander Binsteiner
veröffentlicht am
DeutschlandPaläolithikumNeolithikumMontanarchäologie

Kaum ein Rohstoff hat in der Urgeschichte Bayerns mehr Aufsehen erregt als die Plattenhornsteine aus der Donau-Altmühl-Region Niederbayerns. Schließlich zählt Arnhofen nahe Abensberg zu den größten Feuersteinbergwerken Europas. Nur Eingeweihten ist allerdings ein weiteres Abbaugebiet im Landkreis Kelheim bekannt, obgleich die Hornsteinmine von Baiersdorf im Altmühltal aus wissenschaftlicher Sicht nicht weniger bedeutend ist.

Die Hornsteinlagerstätte von Baiersdorf

Das Vorkommen von Plattenhornsteinen auf der Hochfläche zwischen den Ortschaften Keilsdorf und Baiersdorf zählt zum Typ der Verwitterungslagerstätten. Die Kieselplatten waren ursprünglich im geschlossenen Schichtverband mit Plattenkalken des Oberen Jura. Nach langwierigen, geologischen Prozessen lagern sie heute in ausgewittertem Zustand in geringer Tiefe in den Lehmen der Albhochfläche. Ohne großen Aufwand konnten sie dort in mannstiefen Grubenanlagen von den jungsteinzeitlichen Bergleuten in großer Menge ausgegraben werden. An Ort und Stelle stellten sie sofort die ersten Rohformen für großformatige Sichelblätter her. Der entstandene Gesteinsabfall und zahllose bei der Herstellung zu Bruch gegangene Sicheln blieben am Abbau zurück. Die Stückzahl dieser sogenannten Baiersdorfer Artefakte dürfte in die Tausende gehen.

Sichelblätter aus Baiersdorf zählen zum UNESCO-Welterbe

Die Pfahlbausiedlung in der oberösterreichischen Gemeinde See am Mondsee barg ein besonders reiches Inventar an Feuersteingeräten. Rund ein Drittel der Erntesicheln stammten direkt aus Baiersdorf. Sie gelangten über den Handel mit der bayerischen Altheimer Kultur bereits als Fertigprodukte in die Mondseekultur.

Die restlichen zwei Drittel fertigten die ortsansässigen Steinschmiede an Mond- und Attersee nach den Originalen aus Bayern aus eigenen Hornsteinen an, die sie in nahegelegenen Vorkommen bergmännisch gewannen. Allerdings waren diese Platten qualitativ schlechter als die bayerische Ware. Nachahmerprodukte sind also keine Erfindung der Neuzeit. Die Hornsteinlagerstätte von Baiersdorf versorgte die gesamte Altheimer Kultur (3800-3350 v. Chr.) in Bayern mit hochwertigen Plattenhornsteinen für die großformatigen Sichelblätter und Pfeilspitzen. Die jüngsten Forschungen im Grabenwerk von Riekofen zeigten zudem, dass auch in der nachfolgenden Chamer Kultur (3500-2700 v. Chr.) der Abbau noch aktiv war.

Die Vergesellschaftung mit den Feuersteinen der Lessinischen Berge in den Pfahlbau- und Feuchtbodensiedlungen der Schweiz, Süddeutschlands und Oberösterreichs machen ein Zusammentreffen der bayerischen Produzenten von Geräten aus Plattenhornsteinen mit den Zeitgenossen des Ötzi sehr wahrscheinlich. Sie kamen in der frühen Remedello-Kultur (3400-2800 v. Chr.) über den Alpenhauptkamm aus Oberitalien zu uns ins nördliche Alpenvorland wahrscheinlich um Handel zu treiben.

Schon die Neandertaler waren an der Lagerstätte

Nach den jüngsten Untersuchungen waren etwa 5 Prozent der Baiersdorfer Artefakte an der Lagerstätte eindeutig älteren Ursprungs. Offenbar waren sie bei der Anlage des Altheimer Abbaues aus tieferen Erdschichten an die Oberfläche geraten. So gibt es beispielsweise traditionelle Faustkeile kleineren Formats im Zentrum des Baiersdorfer Bergwerkes. Auch Abschläge und Gesteinkerne der sogenannten Levallois-Technik sind im Fundgut enthalten. Diese Methode zur Herstellung von Klingen und Abschlägen gilt als die typische Abschlagtechnik der Neandertaler bei der Bearbeitung von Feuerstein. Benannt wurde sie nach Funden in dem Vorort von Paris Levallois-Perret. Gekennzeichnet ist diese Technologie durch eine aufwendige Präparation des Kernsteins, bevor ein Abschlag durch einen gezielten Schlag hergestellt werden kann.

Die Neandertaler der nahegelegenen Sesselfelsgrotte in Neuessing verwendeten vor rund 50.000 Jahren neben anderen Rohstoffen auch die Baiersdorfer Hornsteinplatten zur Herstellung ihrer Werkzeuge. Ob sie die einzigen Betreiber der Mine waren, oder ob auch andere Neandertaler aus weiter entfernt liegenden Höhlen an die Lagerstätte kamen, ist derzeit noch unklar.

Die Neandertaler standen mit ihrer ausgefeilten Steingerätetechnik den modernen Menschen in nichts nach. Die Entdeckung einer Feuersteinmine aus ihrer Zeit im Altmühltal ist ein weiterer Meilenstein, die Entwicklungsgeschichte unserer ausgestorbenen Artverwandten zu erhellen.

Literatur

A. Binsteiner, Der neolithische Abbau auf Jurahornsteine von Baiersdorf in der Südlichen Frankenalb. Archäologisches Korrespondenzblatt. Bd. 19, Nr. 4, 1989, S. 331–337.

A. Binsteiner, Die Lagerstätten und der Abbau bayerischer Jurahornsteine sowie deren Distribution im Neolithikum Mittel- und Osteuropas. Jahrbuch Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz. Bd. 52, 2005, 43–155.

A. Binsteiner, Homo Sapiens auf neuen Wegen. Geschichten aus der Steinzeit zwischen Neandertaler und Ötzi. Bogner Verlag, Berg/Neumarkt i.d. Oberpfalz 2017.