Eine Maya-Stadt im Regenwald wird von deutsch-mexikanischem Team auferweckt

von: Ewald Graf
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AmerikaPräkolumbisches Amerika

Constitución ist ja nun wirklich nicht der Nabel der Welt: ein ödes Dorf an der schnurgeraden, meist menschenleeren Piste quer durch den Regenwald des mexikanischen Bundesstaats Campeche. Wer Geld oder Benzin braucht, sollte sich rechtzeitig eindecken. Immerhin: das einzige Restaurant im Ort hat 24 Stunden geöffnet.

Für die Archäologen des Bonner Altamerika-Instituts allerdings ist Constitución das Tor zur Zivilisation. Auch in diesem Jahr geht es für sie hier erst richtig los, wenn sie zu ihrem Ausgrabungsprojekt im alten Reich der Maya aufbrechen: 120 Kilometer mehr oder weniger im Schritttempo durch den tropischen Regenwald des Biosphärenreservats Calakmul, auf einer oft felsigen, buckligen Piste. Wenn der Regen wieder einsetzt, kommt die nächsten neun Monate keiner mehr rein.

"Uxul" heißt das Ziel der Fahrt, was in der Maya-Sprache „am Ende“ bedeutet. Ein treffender Name für die heutige Lage der einst blühenden und nun vom Wald überwucherten Provinzmetropole des Maya-Reiches, sechs Kilometer vor der Grenze nach Guatemala. Bevor das Bonner Team dieses Forschungsprojekt in Angriff nehmen konnte, mussten erst einmal die letzten 20 Kilometer Weg frei geschlagen werden, damit Uxul von einem Grabungsteam mitsamt Ausrüstung überhaupt erreicht werden konnte.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte seit 2009 die ersten Kampagnen zur Ausgrabung der Dornröschenstadt Uxul, die von den Archäologen Dr. Iken Paap aus Bonn und Antonio Benavides Castillo aus Mexiko wieder auferweckt wird. Die Projektleitung hat Professor Nikolai Grube, einer der führenden Maya-Forscher weltweit. Der Leiter des Altamerika-Instituts der Universität Bonn verspricht sich auch von der Entzifferung der Maya-Glyphen auf den 18 noch erhaltenen Stelen und sechs Altären in Uxul wertvolle Aufschlüsse.

Zum Beispiel den wirklichen Namen Uxuls. Möglicherweise nannte sich die Stadt „Naah-k'a-Naah“. Gesichert ist dies jedoch noch nicht: „Der alte Name von Uxul ist immer noch ein Rätsel“, schränkt Grube ein. „Am Ende“ lag Uxul jedenfalls nicht während der Blütezeit der Maya-Kultur, vielmehr mitten drin in einem Netz von Städten, Handels- und Herrschaftsbeziehungen. Das Maya-Tiefland von Mexiko, Guatemala, Belize bis nach Honduras war vom 3. bis 9. Jahrhundert nach Christus, wie die Forscher vermuten, so dicht besiedelt, dass es auch keinen Urwald mehr gab – das Land brauchten die Maya schlicht, um sich zu ernähren. Und viele Materialien für den täglichen Gebrauch, das Kriegshandwerk oder den Schmuck der Adligen und Priester mussten von weit her importiert werden.

Beispielsweise das Obsidian – vulkanisches Glas, das es im Tiefland gar nicht gibt, aber von den Maya für Waffen und Messer dringend benötigt wurde, denn Metalle kannten sie nicht. Und gerade Obsidian fand sich bereits zur Überraschung der Bonner Archäologen in Uxul so zahlreich, dass es über bessere Handelsbeziehungen als das nur 30 Kilometer entfernte und viel mächtigere Calakmul verfügt haben musste. „Wir haben“, berichtet Grabungsleiterin Iken Paap, „große Mengen an Obsidianklingen und Produktionsabfällen gefunden. Die Menge ist außergewöhnlich und übersteigt z.B. das, was aus Calakmul bekannt ist, bei weitem.“

Auch die ersten Analysen der ausgegrabenen Keramik von Uxul legen für das Forscherteam den Schluss nahe, dass die Bevölkerungen von Uxul und Calakmul je eigene handwerkliche Traditionen hatten. Doch die Steleninschriften mit ihren exakten Kalenderangaben belegen noch eine andere historische Tatsache : 636 n. Chr. geriet Uxul unter die direkte Herrschaft von Calakmul, der eigene Name verschwand und Statthalter wurden eingesetzt.

Einer von ihnen ist bis dato der einzige identifizierte Bewohner von Uxul – Nikolai Grube gelang es, seinen Namen auf den Stelen zu entziffern: Muyal Chaak, der 660 den Thron von Uxul als Provinzfürst bestieg und 20 Jahre regierte. In seine Zeit fällt eine äußerst rege Bautätigkeit in Uxul. Zwei Stelen auf der größten Pyramide von Uxul – von den Archäologen nüchtern D1 genannt – zeigen Muyal Chaak einmal in der Pose eines Tänzers und gegenüber beim „Ausschütten von Tropfen“, wie es lakonisch im beschreibenden Text heißt, das heißt bei einem Blutopfer, wie es die Maya-Könige erbringen mussten, um mit der Götterwelt in Kontakt treten zu können.

Nach über 1300 Jahren, die der Kalkstein mit seinen Inschriften und Darstellungen seither der feucht-heißen Witterung ausgesetzt war, ist für den Laien nicht mehr viel davon zu erkennen. Dem Entzifferer-Auge Nikolai Grubes entgeht jedoch kaum ein Detail. Minutiös und im Maßstab von 1:5 zeichnet er alle Inschriften und Darstellungen von Uxul mit Lineal und Bleistift nach, Strich für Strich. Doch nicht nur dies. Bei der letztjährigen Grabungskampagne rückte der mexikanische Archäologe Carlos Pallán von der Denkmalbehörde INAH mit seiner professionellen Fotoausrüstung an . Nachts – weil dann kein störendes Tageslicht dazukommt, das unter dem Blätterdach des Regenwalds zudem als Streulicht ankommt – wurden alle Stelen und Inschriften mit gezieltem Licht und aus zahlreichen Blickwinkeln aufgenommen. Mithilfe der RFI-Fotografie („Reflective Transformation Imaging“) werden die Aufnahmen im Computer zusammengefügt und zu äußerst detailreichen 3D-Ansichten zusammengesetzt. Zumindest für die Forschung bleibt so die Maya-Bildhauerei erhalten.

Damit auch die Pyramiden und anderen Bauruinen von Uxul nicht noch weiter zerfallen wie ohnehin schon, hat Antonio Benavides Castillo, mexikanischer Co-Direktor des Ausgrabungsprojekts, mit einem erfahrenen Bautrupp damit begonnen, die noch erhaltenen Bauwerke zu stabilisieren. Pyramide D 1, das höchste Bauwerk von Uxul, ist ebenfalls vom Zusammenbruch bedroht und soll dieses Jahr befestigt werden. Ursache hierfür ist nicht nur der wuchernde Urwald, sondern auch die vielen Grabräuberschächte, die der ohnehin schlechten Statik der Maya-Bauwerke stark zusetzen.

Die Grabräuber waren fast überall in Uxul, nachdem in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts ein erster Bericht von amerikanischen Archäologen über Uxul erschienen war und sich Holzfäller und Kautschuksammler lange Zeit in der Region aufhielten. Seit 20 Jahren ist der größte Regenwald Mexikos entsiedelt und als Biosphärenreservat deklariert – für die Archäologen hat das den Vorteil, „dass wir hier in Ruhe arbeiten können“, sagt Iken Paap.

Allerdings nur drei Monate im Jahr. Von Mai bis November ist Regenzeit und dann sind die Wege bis in den Februar hinein nicht mehr befahrbar, bis es wieder trocken genug ist.

Für die Grabungsteilnehmer sind die drei Monate weitab von der Zivilisation allerdings auch lang genug. Sie leisten Puzzlearbeit in tropischer Hitze, die rund 40 mexikanischen Arbeiter, zum Teil Nachkommen der Maya, und die zehn bis fünfzehn Studenten und Jungwissenschaftler, die unter Anleitung der beiden Archäologen in mehreren Teams einzelne Gebäude oder ganze Plätze ausgraben – bis hinunter auf den nackten Fels, wenn es sein muss. Vorsichtig, damit auch keine Scherbe verloren geht.

Keramik- und Obsidianfunde erlauben zeitliche Datierungen, auch verschiedene Baustile lassen auf eine lange Besiedlungsgeschichte schließen, Stuckreste zeigen die einstigen mit Stuck belegten Plätze zwischen Pyramiden und Palästen an. Keramikscherben haben die Archäologen sogar auf dem Boden eines fußballfeldgroßen Tümpels, einer „aguada“, entdeckt, mit denen wahrscheinlich der sonst versickernde Wasservorrat länger gespeichert werden sollte. Die Funde und Fundamente belegen, dass Uxul von der Frühklassik bis in die Postklassik bewohnt war, also weit über 1000 Jahre lang.

Das letzte in Stein gehauene Datum Uxuls stammt allerdings schon von 692 n. Chr. Danach scheint auch die Bautätigkeit erlahmt zu sein. Damit fiel die klassische Periode in Uxul recht kurz aus und ging früher zu Ende als in anderen Maya-Städten – vermutlich vom Niedergang Calakmuls mitgerissen, wie Grube annimmt.

Der viel zitierte „Maya-Kollaps“, als die Städte des Tieflandes eine nach der andern verlassen und aufgegeben wurden, fand zwar auch in Uxul statt, allerdings mit Verzögerung, wie die Ausgrabungen belegen. Die Maya-Gesellschaft änderte sich, was an Keramikstil und Bauweise ablesbar ist. „Irgendwann im 10. oder 11. Jahrhundert war die Stadt aber weitestgehend entvölkert“, berichtet Grube, bis auf vereinzelte Bauern vielleicht. Den Bonner Forschern geht es bei ihrem Projekt aber gerade darum, diese gesellschaftlichen Transformationsprozesse zu erschließen. „Wir wollen von der Elitegeschichte wegkommen“, sagt Iken Paap. Und ist optimistisch, was die Erkenntnisse über das Weiterleben der Maya-Kultur betrifft: „Je mehr danach gezielt gesucht wird, desto mehr findet man auch.

Dabei ist auch eine wichtige Frage, wie weit sich die Stadt Uxul erstreckt hat. Denn dazu gehörten ja nicht nur die Tempel und Paläste im Zentrum, die naturgemäß am meisten ins Auge fallen. Über sechs Quadratkilometer haben die Archäologen in Uxul bisher vermessen – mit modernen Instrumenten, die nicht nur eine genaue Höhenkarte ermöglichen, mitsamt Ausdehnung der vielen noch unter Bäumen und Erde versteckten Gebäude, sondern auch 3 D-Ansichten. Aber das Vermessungsteam kam noch gar nicht ans Ende der Stadt. Wer sich zwischen den vielen Bäumen mit dem dichten Blätterdach bewegt, kann sich diese Siedlungsdimensionen kaum vorstellen.

Noch viel Arbeit also für die Maya-Archäologen. Nicht nur im Regenwald, sondern auch in Constitución, wo die Kleinfunde aus Uxul gelagert werden, wie auch an den Computern in Bonn. Im Holzhäuschen in Constitución waren auch die mexikanische Keramikexpertin Sara Dzul und der amerikanische Obsidianspezialist Professor Geoffrey Braswell zu Gast, um die bisherigen Funde aus Uxul nach ihrer Entstehungszeit, ihrem Material und Stil zu beurteilen. In Verbindung mit dem genauen Fundort ergeben sich wieder wertvolle Hinweise zur jeweiligen Besiedlungsphase. Auch die Bodenkundlerin Dr. Nuria Torrescano Valle wurde hinzugezogen, die Bodenproben aus den Sümpfen und Wasserstellen der Umgebung entnahm, um Hinweise auf das frühere Klima und die damalige Vegetation zu erhalten.

Bis zur jährlichen Konferenz in Campeche, wo sich die Bonner Wissenschaftler mit anderen Maya-Archäologen austauschen, werden die neuen Funde und Ergebnisse ausgewertet und zusammengetragen. Aber wenn der Jeep aus Uxul nach sechs Stunden Urwaldfahrt in der Hitze zurück in Constitución anlangt, ist erst einmal ein kühles Bier gefragt – da kommt das kleine Restaurant mit seinem 24-Stunden-Betrieb gerade recht.