Naturkatastrophe in den Alpen

Der Untergang der Mondseekultur

von: Dipl.Geol.Univ. Alexander Binsteiner
veröffentlicht am
ÖsterreichNeolithikumUmwelt & KlimaSeeufersiedlung

Die Frühjahrsstürme im Jahr 2008 wüteten auch im Salzkammergut. An den Südhängen des Mondsees legte ein Windbruch mehrere Hektar Waldboden frei. Zum Vorschein kamen die Überreste eines verheerenden Bergsturzes, der, offenbar schon in vorgeschichtlicher Zeit, weite Teile des Südufers am Ausgang des Mondsees zum Attersee verschüttet hatte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt lebte die Diskussion um den Untergang der jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlung von See am Mondsee wieder auf, die am gegenüberliegenden Ufer errichtet, durch ein katastrophales Ereignis in prähistorischer Zeit mehrere Meter überflutet worden war.

Nach anhaltenden Regenfällen brachen 2009 erneut instabile Bereiche der Kalkwände unterhalb des Schafberges ab, rissen die Zufahrtsstraße zu einem alten Steinbruch in die Tiefe, und machten weitere Teile des alten Bergsturzareales zugänglich. Fast drei Jahre dauern die Forschungen am Mondsee jetzt an. Mittlerweile steht fest: Der alte Bergsturz und die Überflutung der Pfahlbausiedlung von See sind wahrscheinlich ein Ereignis gewesen.

Der archäologische Befund - Pfahlbauten am Mondsee

Bereits im Jahre 1872 entdeckte Matthäus Much die Pfahlbausiedlung von See am Mondsee, von der er berichtet, dass noch etwa 5000 Holzpfähle auf einer Fläche von rund 3000 Quadratmetern im Seeton gut erhalten waren. Bei einer Wandlänge von 8 Metern, die er noch feststellen konnte, ließen sich etwa fünfzig lehmverputzte Holzbauten rekonstruieren. Das könnte hochgerechnet der Wohnraum für etwa 500 Erwachsene, Jungendliche und Kinder gewesen sein.

Heute liegt die jungsteinzeitliche Siedlungsfläche zwei bis vier Meter unter Wasser. Die Bauweise der Pfahlbauhütten am Mondsee zeigt aber mit aller Deutlichkeit, dass die Siedlungen an Land errichtet worden waren. Aufwendige Pfahlroste als Unterbauten der Hütten oder Grundschwellen für die aufgehenden Wandkonstruktionen, welche die Tauchgrabungen zeigten, ergeben unter Wasser keinen Sinn.

Die ungewöhnlich hohe Zahl von Einzelfunden, die Matthäus Much und seine Helfer vom Boot aus mit Stangen und Schaufeln aus dem Wasser bargen, zeugen unmittelbar vom Leben der steinzeitlichen Siedler am Mondsee. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass diese Bergungsmethode nur die oberen Schichten des Siedlungshorizontes erreichte. Besonders eindrucksvoll belegt das ein kleiner Silexdolch aus alpinem Plattenhornstein. Das Oberteil wurde schon von Matthäus Much geborgen, während die abgebrochene Spitze erst in den 1980-Jahren bei einer Tauchgrabung des Bundesdenkmalamtes zum Vorschein kam. Beide Teile passen perfekt zueinander. Der Dolch war übrigens schon in der Steinzeit zu Bruch gegangen. Das wurde bei den mikroskopischen Untersuchungen klar.

Das Einzelstück ist in seiner Machart und Größe ein Ebenbild der italienischen Dolche, die durch die Zeitgenossen des Ötzi über den Alpenhauptkamm in das nördliche Alpenvorland gelangten. Das zeigt die Kontakte der Siedler am Mondsee zu den Besuchern aus dem Süden, und belegt überdies die Fertigkeiten der ortsansässigen Steinschmiede, die italienischen Vorbilder mit ihren eigenen Rohstoffen nachzubilden.

Hunderte von Steinbeilen, Knaufhammeräxten und Keulen schliffen die versierten Handwerker aus alpinen Gesteinen wie dem edlen Serpentinit. Auch die Zahl der Feuersteingeräte, Klingen, Erntesicheln und Pfeilspitzen geht mittlerweile in die Tausende.

Zum Fundgut gehörten zudem eine Unmenge von Keramiken, oftmals vollständig erhaltene Gefäße, die reich mit Spiral- und Kreismustern verziert waren. Auch sie vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von den Möglichkeiten der Keramikmeister von See.

Als Beleg für die Kupferverarbeitung fanden sich gut ein Dutzend der kostbaren Kupferbeile, Schmuck, selbst Angelhaken, dazu die Gusslöffel und Formen aus Ton.

Die Entdecker stocherten die verschiedensten Utensilien aus Holz, Knochen und Geweih aus dem Schlick. Auch Kunst- und Kultobjekte, wie Steinperlen oder die kleinen Tonplastiken von Schweinen, die vielleicht als Glücksbringer in den Hütten aufbewahrt wurden, waren unter den Funden. Selbst Nahrungsmittel, wie Getreideähren, Haselnüsse oder inkohlte Apfel- und Birnenhälften blieben in der Tonschicht des Seegrundes erhalten.

Es stellte sich bereits an dieser Stelle die Frage, warum die Siedler vom Mondsee nichts von alledem mitgenommen haben, als sie ihr Heim verließen.

Der geologische Befund – Der Bergsturz am Mondsee

Rudolf Much hielt eine Hebung des Wasserspiegels um einige Meter, wodurch die Pfahlbauten unter Wasser geraten wären, nur dann für möglich, wenn durch Bergstürze, Muren oder Ablagerung von Geröll ein natürlicher Staudamm gebildet worden wäre.

Er war zudem schon bei der Entdeckung der Ansicht, dass aufgrund der außergewöhnlich hohen Zahl von Funden die Siedlung von See wahrscheinlich infolge einer Katastrophe bei plötzlich eintretenden Wasserstandsänderungen unvorhergesehen und rasch aufgegeben werden musste.

Auch in Seewalchen am Attersee stieg der Seespiegel nachweislich um mindestens 2 Meter an. Legt man moderne Beobachtungen zugrunde, erreichen die jahreszeitlich bedingten Seespiegelschwanken auch unter Einbeziehung der durchschnittlichen Höchstwasserstände an Mond- und Attersee etwa einen halben Meter. Nur in extremen Ausnahmefällen konnte am Mondsee ein Wasserstand von etwas über 1,80 Meter über dem Mittelwert gemessen werden. Dadurch wäre etwa die Hälfte des Pfahlbauareals in See überschwemmt worden. Ob man die heutigen Verhältnisse allerdings ohne Einschränkungen auf die Jungsteinzeit übertragen kann, bleibt ungewiss.

Der Schweizer Pfahlbauforscher Urs Leuzinger sieht die klimatischen Veränderungen am Alpenrand um 3.370-3.350 v. Chr. als eine der möglichen Ursachen für die Überflutung von Seeufersiedlungen an. In diesem Zeitraum wurde das Klima in den Sommermonaten kühler und feuchter. Auch in Arbon.Bleiche am Bodensee betrug der Anstieg des Seespiegels mehrere Meter. Die Siedlung selbst ist allerdings bei einem Brand untergegangen. Der anschließende Wasseranstieg war sicher kein plötzliches Ereignis, sondern zog sich möglicherweise über Jahre hin.

Die eigentliche Dimension der Bergstürze am Südufer des Mondsees wurde im Detail erst nach den heftigen Stürmen im Frühjahr 2008 klar. Ein Windbruch hatte zuvor große Teile des Baumbestandes an den Uferhängen unterhalb des Schafberges umgelegt und eine etwa sechs Hektar große Fläche mit teils kubikmetergroßen Gesteinsblöcken freigelegt. Im Gelände sind noch heute die Auswirkungen der Naturkatastrophe klar zu erkennen.

Erste Hochrechnungen ergeben eine abgehende Gesteinsmenge von rund 37,5 Millionen Kubikmeter nur für den Bereich des Mondseeufers und den Verlauf der Seeache. Hinzu kommt mindestens die gleiche Menge an den Bruchzonen des Attersees.

Die Ursache könnte ein tektonisches Erdbeben gewesen sein, ausgelöst an der Überschiebungszone des Schafberg-Tirolikums auf die Formationen des Flysch, das eine etwa 150 m hohe Felswand zum Einsturz brachte.

Die geomorphologischen Zusammenhänge des Bergsturzareals an Mond- und Attersee standen schon einmal im Blickpunkt der landschaftlichen Entwicklung des Mondseelandes, als der Linzer Geograph Vinzenz Janik in den 1960er Jahren die ersten Untersuchungen am Ausfluss des Mondsee in die Seeache vornahm. Das Ergebnis seiner Bohrungen erbrachte in 5,60 m Tiefe, das war etwa 3,20 m unterhalb des heutigen Mondseespiegels, einen deutlichen Sedimentwechsel im alten Bett der Seeache. In den oberen Schichten durchteufte die Bohrung ein von großen Steinblöcken durchsetztes und mit braunem Erdmaterial vermischtes, völlig unsortiertes Schichtpaket. Danach wechselte das Bohrgut in ein hellgraues, toniges mit Gesteinsgrus vermengtes Material, das den Sedimenten des ehemaligen Flussbettes der Seeache entsprach. Zusammen mit der nachgewiesenen Verlagerung der Abflussrichtung der Seeache in den Attersee zeigt auch dieser Befund zweifellos die Verschüttung von Teilen des Mondsees durch einen Bergsturz an.

Der schlagartige Murenabgang am Südufer löste eine mit Schlamm und Geröll versetzte Flutwelle aus, die auf das Gegenufer auflief und die Pfahlbausiedlung von See überflutete. Die dadurch ausgewaschene Bucht ist heute noch gut im Gelände zu sehen.

Gleichzeitig wurden der Ausgang des Mondsees verschüttet und das abfließende Wasser solange aufgestaut bis sich die Wassermassen einen neuen Abfluss in den Attersee geschaffen hatten. Durch die erhebliche Verkleinerung des Seebeckens erhöhte sich aber der Wasserspiegel um einige Meter und setzte so das Siedlungsareal von See dauerhaft unter Wasser. Vor allem die sehr schnell abgelagerte Schlammschicht überdeckte die verbleibenden Siedlungsreste und konservierte so selbst empfindliche Pflanzenreste wie die bekannten Apfelhälften und Getreideähren.

Die Pfahlbauer von See sind mit großer Wahrscheinlichkeit dieser Flut zum Opfer gefallen, und so konnte nichts in Sicherheit gebracht werden. Die Siedlung wurde danach nicht wieder aufgebaut. Sollte es Überlebende gegeben haben, haben sie das Mondseeland für immer verlassen. Überreste der Toten oder die Gräber der Mondsee-Kultur hat man bis heute nicht gefunden. Erst wieder in der Bronzezeit, über 1000 Jahre nach der Flut, gibt es erneut Spuren menschlicher Begehung am Mondsee.

Wie geht das zusammen? – Der neue Datierungsansatz

Sicher bleibt eine Datierung der Naturkatastrophe am Mondsee über die Dendrochronologie oder die C-14 Methode an Hölzern, die der Bergsturz mit sich gerissen und begraben hat, derzeit eine Illusion. Zunächst ist aber festzustellen, dass die Geschehnisse nicht in die Zeit schriftlicher Aufzeichnungen fallen. Denn bei der Größenordnung dieser Katastrophe sollte man davon ausgehen können, dass sich ein Hinweis in einer alten Chronik finden ließe.

Aus geologischer Sicht muss der Bergsturz postglazial erfolgt sein, da die letzten Ausläufer der Gletscher und deren Schmelzwässer die Schuttmassen der Murenabgänge noch beseitigt hätten und außerdem mit großer Wahrscheinlichkeit Moränenmaterial abgelagert worden wäre. Das ist am Südufer des Mondsees aber nicht der Fall.

Somit erhalten wir ein erstes Zeitfenster des Ereignisses, das von etwa 10.000 vor heute, dem Ende der letzten Eiszeit, bis vor den Beginn historischer Aufzeichnungen reicht.

Aus den umfangreichen archäologischen Untersuchungen wissen wir, dass die Siedlungen an Mond- und Attersee am Uferrand und nicht im Wasser errichtet worden waren, wo sie heute liegen. Die ungewöhnlich hohe Zahl und die Qualität der gefundenen Artefakte sind ein überzeugender Indikator, dass die Bewohner der Pfahlbauten ihr gesamtes Hab und Gut in Folge der Überflutung zurücklassen mussten. Das spricht unmittelbar für das Szenario einer Katastrophe. Die erst kürzlich verstorbene Mondsee-Spezialistin Elisabeth Ruttkay sieht um 3.400 v. Chr. den allerletzten Zeitabschnitt für die noch aktive jungneolithische Pfahlbausiedlung von See am Mondsee. In der Zusammenschau aller vorliegenden Befunde wird deutlich, dass die Überschwemmung am Ende dieser letzten Siedlungsphase um das Jahr 3.370 v. Chr stattgefunden haben kann.

Die Untersuchungen Janiks zeigten, dass der Anstieg des Mondsees um 3 bis 4 Meter ursächlich mit dem vorgeschichtlichen Bergsturz im Zusammenhang stand. Den Untergang der Pfahlbausiedlung mit dem Bergsturz in einem Kontext zu sehen, liegt daher auf der Hand.

Die Auswirkungen machten sich übrigens auch in den Nachbarregionen bemerkbar. Die Handelsbeziehungen zur Altheimer Kultur Niederbayerns und an die weiter entfernt liegenden Pfahlbaussiedlungen der Schweizer Seen brachen ab. Das weitverbreitete Mondseekupfer konnte nicht mehr geliefert werden. Auch die Route aus Oberitalien über den Alpenhauptkamm in das nördliche Alpenvorland, die die Zeitgenossen des Ötzi regelmäßig begangen hatten, wurde plötzlich eingestellt. Die Funde von Feuersteingeräten in den Pfahlbauten des Mond- und Attersees aus dem typischen Feuerstein der Lessinischen Berge sind ein sicheres Indiz, dass die Verbindung noch kurz vor der Katastrophe bis in die Lebenszeit des Eismannes hinein intakt war.

Danach brach eine neue Zeit an. Die Chamer Kultur erreichte mit ihren Ausläufern die Kernlandschaften Oberösterreichs und den Alpenrand. Das Mondseeland aber wurde im Jung- und Endneolithikum nicht wieder neu besiedelt. Zu schmerzhaft waren die überlieferten Erinnerungen an Zerstörung und Tod.

Weiterführende Literatur

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