Die vier Elemente

von: Peter Kurzmann
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Jeder kennt die vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Schwieriger ist schon die Frage zu beantworten, wer sie zuerst benannte und auf welche Vorstellungen sie zurückgehen. Überraschend ist, dass man sich bei der Beschäftigung mit dieser Frage weit zurück in die Zeit der griechischen Mythologie begeben muss und dass es sogar einen archäologischen Fund dazu gibt. Die vorliegende Arbeit will darüber berichten, und sie beginnt mit heute noch sichtbaren Befunden auf der Akropolis von Athen.

Erichthonios, Erechtheus und das Erechtheion

Seit grauen Vorzeiten wohnte in einer Felsspalte auf dem Burgberg von Athen, den wir heute „die Akropolis“ nennen, Erichthonios, das schlangenfüßige „göttliche Kind chthonischer Mächte, die später Hephaistos und Gaia benannt wurden“ [Gruben 1986]. Die Schlange wachte über das Wohl Athens, und als sie im Laufe des Perserkrieges verschwand, wussten die Athener, dass sie ihre Stadt würden verlassen müssen. So geschah es denn auch, als die Perser sich im Jahre 480 v. Chr. der nicht ummauerten Stadt bedrohlich näherten und keine Aussicht auf wirksame Verteidigung bestand. Die Einwohner Athens verließen ihre Stadt, die meisten begaben sich auf die Insel Salamis. Einige Verteidiger zogen sich auf die durch eine nur unzureichende Mauer geschützte Akropolis zurück. Die Perser eroberten die Burg, die Bauten, darunter der alte Athena-Tempel (er stand neben dem Vorparthenon), wurden in Brand gesetzt und völlig zerstört, ebenso die Stadt mit ihren Bauten. Im weiteren Verlauf des Krieges (die Perser eroberten und zerstörten allerdings nochmals Athen) wurden die Perser schließlich besiegt: die Flotte in der Seeschlacht von Salamis 480, das Landheer in der Schlacht von Plataiai 479.

Athen geht aus diesem Krieg gestärkt hervor, es steigt zur politisch und kulturell führenden Macht Griechenlands auf. Als Kampfbund gegen Persien wird der Delisch-Attische Seebund unter Führung Athens gegründet, die Bundeskasse befindet sich zunächst auf Delos unter attischer Verwaltung, wird aber später nach Athen verlegt. Der Wiederaufbau Athens ist mit dem Namen des Perikles verknüpft, wobei man mit dem Wiederaufbau, der prächtigen Neugestaltung der Akropolis noch 30 Jahre wartete – die Ruine des zerstörten Tempels war ein Mahnmal gegen die persische Gefahr. Zur Finanzierung bediente sich Perikles großzügig der Kasse des Seebundes, so dass dessen z. T. unter Zwang rekrutierte Mitglieder die Bauten mitfinanzierten. 447 wurde mit dem Bau des Tempels der Athena Parthenos, des heute noch stehenden Parthenon, begonnen, 437 mit dem Bau der Propyläen, etwa 420 dem Bau des Erechtheions. Dieser merkwürdig verschachtelte, aus den drei miteinander verbundenen Bauten Tempel, Nordhalle und Korenhalle bestehende Komplex wurde an einer Stelle errichtet, die mit den ältesten Mythen Athens und Attikas verbunden ist, so auch dem Mythos von der Schlange Erichthonios. Die Gestalt des Erechtheus ist von ihr kaum zu trennen; vielleicht waren sie ursprünglich identisch und wurden erst in späteren Fassungen des Mythos getrennt; Erechtheus wurde hiernach zu einem mythischen König von Athen. In der Nähe des Erechtheions liegen die Gräber der mythischen Könige; die Korenhalle sitzt auf dem Stylobat des alten Athena-Tempels, dessen Fundamente wiederum „auf dem mykenischen Palast der attischen Urkönige“ ruhten [Gruben 1986]. Dieser ehrwürdige, heilige, von uralten Mythen geprägte Ort verlangte einen besonderen Tempelbau, eben das in manchen Aspekten noch rätselhafte Erechtheion.

Für die umfassende Neugestaltung der Bebauung des Akropolis-Felsens war eine Vergrößerung der Hochfläche erforderlich. Dazu wurden Stützmauern unter Verwendung von Architekturteilen der Ruinen errichtet – als weithin sichtbares und bleibendes Mahnmal, das die Zerstörung Athens den Einwohnern immer vor Augen führen sollte. Der Raum hinter den Mauern wurde mit dem Schutt der zerstörten Bauten, dem sog. Perserschutt, aufgefüllt, wodurch die Hochfläche planiert und vergrößert wurde. Abbildung 1 zeigt einen Blick von der Plaka, der Altstadt Athens, also von Nordwesten, auf den Akropolis-Felsen. Links oben sind Säulentrommeln vom Vorparthenon zu sehen, die einen Teil der Stützmauern bilden. Rechts davon und etwas höher ist die Nordhalle des Erechtheions zu erkennen.

Der Dreileibige

Erichthonios, die erdverbundene Schlange, führt zu einem gewissen Verständnis für einen Fund, den Theodor Wiegand und Rudolf Heberdey bei der Untersuchung von Verfüllungsschutt auf dem Akropolis-Felsen machten. Dieser Perserschutt enthielt viele Bruchteile von nicht näher identifizierbaren Tempeln und Schatzhäusern, viele farbig gefasste Skulpturfragmente aus Poros, einem etwas porösen Kalkstein. Darunter befand sich die in Abbildung 2 gezeigte fragmentierte Skulptur, die im Giebeldreieck eines alten Athena-Tempels stand. Sie wird in das 6. Jahrhundert v. Chr. datiert, kann jedoch nicht sicher einem bestimmten Tempel zugeordnet werden, man spricht von einem „Urparthenon“. Das dargestellte Wesen wird in der deutschen Literatur „der Dreileibige“, in der englischsprachigen „Bluebeard“, in der griechischen „Ο Τρισώματος“ (O Trisómatos) genannt. Die antike Bezeichnung ist unbekannt. Die häufiger zu findende Bezeichnung „Tritopatores“ ist abzulehnen, da sie auch für viele andere Gruppen von Göttern, Giganten, Dämonen oder Personifizierungen z. B. von Winden, verwendet wird. Es wird noch eine Reihe anderer Zuordnungen, Typhon, Nereus, Proteus, Triton, diskutiert, worauf hier nicht eingegangen werden kann.

R. Heberdey gelang es, noch weitere kleine Teile der Skulptur zu identifizieren und anzufügen; das für die Deutung wichtigste dieser Teile ist in Abbildung 3 zu sehen: der kleine Vogel in der Hand des rechten Dämons.

Die Skulptur zeigt drei männliche Oberkörper. Links und rechts von den Dämonen, wie ich sie nennen will, sind Federn zu erkennen, die zu Flügeln gehören. Die drei Oberkörper gehen nach rechts in einen unentwirrbar verwundenen, schlangenartigen Körper über, dessen einzelne Windungen anscheinend jedoch getrennt bleiben, nicht erkennbar verwachsen. Die Köpfe zeigen ein volles, sorgfältig gelegtes Haar, einen Schnurr- und einen Spitzbart, die Frisur des rechten Dämons unterscheidet sich etwas von der der beiden anderen Dämonen. Die Gesichter sind voll ausgearbeitet, sie zeigen das berühmte archaische Lächeln, das nichts mit Freundlichkeit zu tun hat, sondern lediglich eine bei archaischen Statuen übliche Darstellungsweise des Gesichts ist. In ihren linken, dem Betrachter zugewandten Händen halten die Dämonen ihre Attribute: der linke ein schräg gehaltenes wellenförmiges Bündel, der mittlere ein senkrecht gehaltenes Bündel und der rechte einen kleinen Vogel. Diese Attribute sind als Symbole für Feuer, Wasser und Luft zu deuten, also als drei Elemente. Das vierte Element, die Erde, wird durch den schlangenförmigen, gemeinsamen Körper symbolisiert. Wohlgemerkt, ich will nicht den Dreileibigen mit Erichthonios identifizieren, den ich nur zur Verdeutlichung des erdverbundenen Charakters der Schlange heranziehe. Die Aussage der Skulptur könnte lauten: die Erde trägt die drei übrigen Elemente Feuer, Wasser und Luft.

Zur Farbgebung der Skulptur ist folgendes anzumerken:

Die Überlieferung der Figur im Boden, also geschützt vor den Atmosphärilien, ließ wesentliche Farbreste auf uns kommen. So kann rekonstruiert werden, dass das Inkarnat braun gehalten ist, das Haar und die Bärte blau-schwarz, ein Farbband auf dem Schlangenkörper rot, ein zweites grün in der Interpretation von Wiegand. Hier dürfte ein Fehler vorliegen, der auf das Vergrünen des ursprünglich blauen Pigments zurückgeht. Schon Heberdey erkannte eine Farbgebung mit braunen, roten und blauen Pigmenten.

Ich will eine Aussage über die für die farbige Fassung verwendete „Farbe“ (genau und besser: den Anstrichstoff) wagen: als Pigmente dienten brauner und roter Ocker, ein schwarzes Pigment wie Ruß oder auch ein schwarzes Eisenoxid(hydrat) sowie Ägyptisch Blau. Als Bindemittel für die „Farbe“ kommt nur Kasein in Frage, das auf dem Kalkstein Poros besonders gut haftet.

Die Funde aus dem Perserschutt wurden bisher im alten Akropolis-Museum auf dem Felsen aufbewahrt. Sie werden jetzt zusammen mit den anderen Funden im Museumsneubau unterhalb des Akropolis-Felsens ausgestellt. Eine archäochemische Untersuchung in der Zeit des Umzuges wäre äußerst wünschenswert gewesen, aber ich habe trotz Nachforschung nichts dergleichen gehört. So bleibt meine Aussage über den Anstrichstoff als Hypothese zunächst stehen, bis sie eines Tages bewiesen oder widerlegt wird.

Die literarische Überlieferung zu den Vier Elementen

Empedokles von Akragas

Die früheste Erwähnung findet sich bei Empedokles von Akragas (dem heutigen Agrigent auf Sizilien). Empedokles lebte ungefähr von 495 bis 435 v. Chr.. Von seinen Schriften ist leider nicht sehr viel erhalten, einige Fragmente und vor allem Zitate. Das Wenige lässt aber deutlich erkennen, dass er die Lehre von den vier Elementen als Wurzeln aller Dinge prägte und damit spätere Philosophen, besonders Platon und Aristoteles, inspirierte. Empedokles ging von den Urkräften Liebe und Hass (oder Streit) aus, die die vier Elemente zusammenbringen bzw. trennen und so ein immerwährendes Entstehen und Vergehen der Dinge verursachen. Die vier Elemente sind jedoch nicht identisch mit den empirisch erfahrbaren Dingen Feuer, Wasser, Luft und Erde, sondern sind unsichtbare Prinzipien des Glühenden, Flüssigen, Gasförmigen und Festen.

Wenn meine Sicht der Dinge stimmt, griff Empedokles auf viel ältere mythische Vorstellungen zurück, wie sie uns in dem Dreileibigen entgegentreten. Auch die dieser Skulptur zugrunde liegende Vorstellung kann nicht erst beim Bau des sie tragenden Tempels im 6. vorchristlichen Jahrhundert entstanden sein, sondern muss ihrerseits wieder auf noch älteren, von uns nicht mehr fassbaren Gedanken aus mythischer Vorzeit beruhen. – Wir haben es hier mit einer Überlieferungskette zu tun, die große zeitliche und örtliche Entfernungen überbrückt, die aus grauer Vorzeit bis in unsere Gegenwart, von Athen bis nach Großgriechenland und in die gesamte Alte und Neue Welt reicht!

Platon

Platon (427-347 v. Chr.), ein Athener und Schüler von Sokrates, gründete nach vielen Reisen, u. a. auch nach Sizilien, 386 die Akademie in Athen, eine Philosophenschule. Ihr bedeutendster Schüler war Aristoteles. Platon übernahm in seinem Hauptwerk „Timaios“ die Vier-Elementen-Lehre von Empedokles und ordnete den vier Elementen geometrische Körper zu: der Erde den Würfel, der Luft das Oktaeder, dem Feuer das Tetraeder und dem Wasser das Ikosaeder. Seine Schüler ordneten einem fünften Element, dem „Äther“, das Dodekaeder zu. Platon kannte bereits „künstliche Metalle“, die Legierungen, z. B. Kupfer/Zinn (Bronze), Kupfer/Zink (Messing), Kupfer/Silber, Gold/Silber, die später die goldmachenden Alchemisten wegen ihrer Farben verwirrten und zu aus heutiger Sicht unsinnigen Spekulationen veranlassten.

Aristoteles

Als nächstes wichtiges Glied der Überlieferungskette ist Aristoteles (384-324 v. Chr.) zu nennen. Seine Schriften wurden weitgehend von den Arabern in ihre Sprache übertragen und so überliefert. Diese arabischen Übersetzungen wurden später, im 11./12. Jahrhundert, in den medizinischen Übersetzerschulen von Salerno und Toledo, den Vorläufern unserer Universitäten, ins Lateinische übersetzt und so in Europa verbreitet.

Aristoteles fügte den vier Elementen ein fünftes, lateinisch die „quinta essentia“ genannt, hinzu, die das richtige Mischungsverhältnis der Elemente steuert. Seine Naturphilosophie wirkte sich auf die antike, spätantike, islamische und abendländische Naturwissenschaft und Medizin aus – jahrtausendelang.

Die weitere Entwicklung

Die Idee eines idealen Mischungsverhältnisses der Elemente bzw. ihrer Qualitäten spielt eine wichtige Rolle in der mittelalterlichen Alchemie und in der mittelalterlichen Medizin. Sie bildet die geistige Grundlage für die Suche nach dem Stein der Weisen, der menschliche Krankheiten heilen, das ewige Leben schenken und unedle, d. h. kranke Metalle gesunden lassen kann (womit die Verwandlung z. B. von Blei in Gold gemeint ist).

Die Idee des idealen Mischungsverhältnisses dominiert in der hippokratisch-galenischen Medizin des Mittelalters (benannt nach Hippokrates von Kos, 460-370 v. Chr., griechischer Arzt; Galenos aus Pergamon, 129-199 n. Chr., griechischer und römischer Arzt): Krankheiten des Menschen sind auf eine schlechte, ungünstige Mischung der vier Säfte des Körpers (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim) zurückzuführen (Humoralpathologie, Lehre von den auf die Körpersäfte zurückgehenden Krankheiten). Die Wiederherstellung der ausgewogenen Mischung bedeutet Heilung. Eine Möglichkeit hierzu ist der in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Medizin überaus häufig praktizierte Aderlass, durch den überschüssiges und daher krankmachendes Blut entfernt wird. Er findet aber – merkwürdig genug – in moderner Zeit wieder Anwendung bei der Behandlung der Hämochromatose, der Eisenspeicherkrankheit (das Blutspenden erfüllt allerdings den gleichen Zweck).

Die Humoralpathologie wurde erst von Paracelsus (1493-1541) mit der Einführung der Iatrochemie entthront, die Chemikalien, z. B. Antimonverbindungen, in die Hand des Arztes (griechisch ιατρός = iatrós) gibt.

Ein Beispiel dafür, wie die Gedankengänge der Vier-Elementen-Lehre Eingang in die mittelalterliche Alchemie fanden, wird in Abbildung 4 gegeben. Die Skizze findet sich neben vielen anderen in einem Manuskript aus England in lateinischer Sprache, das in das 14. Jahrhundert n. Chr. datiert ist.

Die Skizze zeigt eine typische Destillationsapparatur mit Alembik und Kolben, wie sie in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Laboratorien üblich war. Die Legende dazu erwähnt ausdrücklich, dass sie u. a. der Destillation der „IIII elementa“ , hier sinngemäß mit „Elementarkomponenten“ übersetzt, dient. So wurde z. B. Blut destilliert und in seine Komponenten aufgetrennt.

Hiermit soll die Andeutung des gewaltigen Gedankengebäudes, das auf den Gedanken der vier Elemente aufbaut, abgeschlossen werden. Noch immer nicht abgeschlossen ist seine Rezeption, die in der Jetztzeit andauert. Wir sprechen immer noch von den vier Elementen und bei extrem schlechtem Wetter vom Tosen der wütenden Elemente.

Schlussbemerkung

Dem Autor ist bewusst, dass er die Dinge bis fast zur Unzulässigkeit vereinfacht und verkürzt hat. Vieles blieb ungesagt, auch sind viele Einzelheiten noch immer ungeklärt. Als Entschuldigung dafür mag dienen, dass es ihm in erster Linie darauf ankam, die Skulptur des Dreileibigen und ihre Aussage in das stärkere Bewusstsein zu rücken, das sie verdient. Wenn die Arbeit darüber hinaus zur Folge hat, dass sich der eine oder andere Leser für die angegebene Literatur interessiert, hat sie ihr Ziel erreicht.

Literatur

Andronicos M., Chatzidakis M., Karageorgis V., Die Museen Griechenlands (Köln 1976).

Brommer F., Der Dreileibige, Marburger Winckelmannprogramm 1947, 1-4.

Buschor E., der Dreileibige, Athenische Mitteilungen 47, 1922, 53-60.

Goette H. R. Athen – Attika – Megaris (Köln 1993).

Gruben G., Die Tempel der Griechen4 (München 1986).

Haage B. D., Alchemie im Mittelalter. Ideen und Bilder von Zosimos bis Paracelsus (Zürich 1996).

Heberdey R., Altattische Porosskulptur (Wien 1919) 53-75.

Kurzmann P., Zur Farbigkeit von Antiken, in: Archäologie online – Magazin – Fundpunkt (2008).

Kurzmann P., Ein Manuskript mit Zeichnungen und Benennungen alchemistischer Geräte aus dem 14. Jahrhundert, Sudhoffs Archiv 89, 2005, 151-69.

Pötsch W., Fischer A., Müller W., Cassebaum H., Lexikon bedeutender Chemiker (Thun 1989).

Wiegand Th., Die archaische Poros-Architektur der Akropolis zu Athen II Tafeln (Cassel 1904) Taf. 1. 4. 5.

Der Autor dankt Herrn Prof. Dr. K. Hitzl, Institut für Klassische Archäologie der Universität Tübingen, für viele Hinweise zu dem Thema.