Varus und seine Universallegionäre

von: Alexander Zimmermann
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„2000 Jahre Varusschlacht" – der Termin für dieses »Jubiläum« stand schon lange fest. In der Römer- und Germanenszene laufen seit mehreren Jahren die Vorbereitungen zum großen Spektakel. Zahlreiche Fernsehdokumentationen widmeten sich bereits der Thematik um die missglückte Besetzung Germaniens durch die Römer. Die Großveranstaltung am Ort der Varusschlacht wurde im Juni 2009 abgehalten. Man könnte begeistert sein, mit welch großem Aufwand den Leuten Geschichte näher gebracht werden soll!

Man könnte! Doch wenn man sich anschaut, was einem da all zu oft als „Römer" oder „Germane" vorgeführt wird, ist es einem eher zum Weinen zumute. Wieso wird es nicht für notwendig erachtet, die Sache so zu präsentieren, wie es der aktuelle Forschungsstand zulässt? Ist es nicht machbar, bei einer Thematik, die ins Jahr 9 n. Chr. passen soll, die Akteure mit Material, das dieser Zeit zugeordnet werden kann, auszustatten? Ist es sinnvoll, einem Massenpublikum ständig einen Epochenmix an Ausstattungen zu präsentieren? Das wird sicher nicht zu einem besseren Geschichtsverständnis führen.

Dabei wäre es kein allzu großes Problem, das Ganze mit etwas mehr Niveau zu gestalten – und das mit demselben Aufwand, wie er für die veraltete bzw. falsche Version notwendig ist. Ein wenig mehr Sorgfalt bei der Recherche und etwas mehr Kompetenz bei der Auswahl und Begutachtung der Akteure und Ausstattung würde einem Verantwortungsbewusstsein dem Publikum gegenüber Rechnung tragen.

Aber ist das überhaupt „wichtig", Themen der Geschichte zumindest ansatzweise mit „richtiger" bzw. passender Ausstattung darzustellen? Wir meinen, dass dies eine Grundvoraussetzung für den Erhalt der Glaubwürdigkeit der Archäologie als Wissenschaft und der Museen als Bildungsstätten sein muss.

Oder würden Sie es akzeptieren, wenn Ihnen in einem Beitrag über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan die Soldaten mit Pickelhauben ausgestattet und im Kübelwagen auf Patrouille fahrend gezeigt würden? Sicher nicht!
Für die „Römer" scheint es aber unwichtig zu sein, dass in einer Geschichtsdokumentation über Hannibal einige der Legionäre mit Helmen vom "Typ Weisenau" aus dem Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts ausgestattet sind. Ein anderes Mal wird suggeriert, dass sowohl zur Zeit Caesars wie auch in der Spätantike römische Soldaten mit Schienenpanzern vom "Typ Corbridge" ausgestattet waren – wohl damit sie für jeden auf den ersten Blick als „Römer" erkennbar sind.

Traut man dem Publikum so wenig Kompetenz zu, dass man ihm solch einen Geschichtsmüll vorsetzen kann? Für die Präsentation im musealen Rahmen müssen dringend Mindeststandards festgelegt werden, damit sie nicht in die Beliebigkeit abdriftet. Dies sollte sich nicht nur auf die Ausstattung beschränken, sondern auch eine entsprechende Qualität des Hintergrundwissens und des didaktischen Konzepts der Akteure einfordern.

Im Projekt GENERATIONES wird versucht, eine Hilfestellung für Verlage, Schulen, Ausstellungsdesigner, Museumsleute, Filmemacher, Römergruppen und andere Interessierte zu geben, damit diese sich ein realistischeres Bild des römischen Militärs in der jeweiligen Epoche machen können. Wir sind uns bewusst, dass es sich bei den präsentierten Ausstattungen im Projekt GENERATIONES nur um „Möglichkeiten" handelt, die bei aktualisiertem Forschungsstand eventuell schon wieder korrigiert werden müssen.

Als Beitrag zum Varusjahr, im Auftrag für das Archäologische Museum Freiburg und als Exponate in der Ausstellung „GENERATIONES – die Soldaten Roms", die derzeit auf der Saalburg zu sehen ist, haben wir mehrere Ausstattungen recherchiert und gebaut, die Soldaten aus der Zeit um die Zeitenwende zeigen – also „varustaugliche" Römer.

  • Helm vom Typ Hagenau, nach Funden aus Haltern/Xanten
  • Kettenpanzer mit Schulteraufdoppelung, Brustschließhaken nach einem Fund aus Kalkriese
  • Militärgürtelgarnitur nach einem Fund aus Kalkriese.
  • Dolch (Pugio) nach einem Fund vom Titelberg/Luxemburg Wurfspeer (Pilum) nach Funden aus Oberaden/Kalkriese
  • Schild (Scutum) vom Übergangstypus mit Schildbuckel nach einem Fund aus Mainz
  • Kurzschwert (Gladius) nach einem Fund aus Mainz
  • Helm vom Typ Weisenau der frühen Variante, nach einem Fund aus Nijmegen
  • Schienenpanzer mit Beschlägen nach Fundstücken aus Kalkriese
  • Militärgürtelgarnitur wie 1. Soldat
  • Dolch (Pugio) nach einem Fund aus Dangstetten
  • Wurfspeer (Pilum) wie 1. Soldat
  • Schild (Scutum) wie 1. Soldat
  • Kurzschwert vom Typ Mainz nach einem Fund aus Mainz

© Beide Fotos von Michael Böttler, Projekt GENERATIONES

Man muss bedenken, dass man bei der römischen Armee nur bedingt von einer Uniformität ausgehen darf. Komplette Einheiten in derselben Ausrüstung waren wohl die Ausnahme. In der Ausstellung GENERATIONES ist der Thematik „Uniformität?" ebenso ein wichtiger Platz eingeräumt wie der „Evolution/Revolution" in der Ausrüstungsentwicklung. Im Klartext: Ein und dieselbe Ausrüstung, sozusagen eine Standardausstattung des römischen Soldaten, hat es weder durch die verschiedenen Epochen, noch zeitgleich gegeben!

Das Fundmaterial zeigt ein großes Spektrum an Varianten - natürlich auch deshalb, weil die Bezeichnung „römischer Soldat" sowohl einen Angehörigen der Legionstruppe als auch einen angeworbenen Provinzbewohner in einer Hilfstruppe meinen kann. Auf Spezialtruppen, wie die syrischen Bogenschützen, Hilfstruppenreiter, Schleuderer von den Balearen, Germanen in ihrer einheimischen Bewaffnung in römischen Diensten oder gar Panzerreiter aus dem Osten möchten wir gar nicht eingehen, da dies den Rahmen des Projekts GENERATIONES – und im Übrigen die Möglichkeiten einer privat finanzierten, sich semiprofessionell in der Geschichtsvermittlung betätigenden Gruppe von interessierten Geschichtsbegeisterten sprengen würde.

Es wird auch zukünftig Anlässe für „Jubiläen" wie das Varusjahr 2009 geben, die ein großes Publikum ansprechen – das mit realistischen Darstellungen und fundiertem Wissen versorgt werden möchte.

VEX.LEG.VIII.AVG


GENERATIONES – die Soldaten Roms

Eine Ausstellung der VEX.LEG.VIII.AVG im Saalburgkastell Bad Homburg v.d.H. vom 25. April 2009 bis 31. Januar 2010

Vorstellung des Projektes GENERATIONES mit interaktiver Galerie der Legionäre im Wandel der Zeiten