Zur Farbigkeit von antiken Objekten

von: Dr. Dr. Peter Kurzmann , Dr. Dr. Peter Kurzmann
veröffentlicht am
ForschungMethodenAntikeKunstNaturwissenschaften

Ab dem frühen 19. Jahrhundert rückte die Farbigkeit der griechischen Skulpturen immer stärker in das Bewusstsein. Die Glyptothek München nahm eine Vorreiterrolle ein wegen der dort aufbewahrten Skulpturen des Aphaia-Tempels aus Ägina und der guten Erhaltung der Farbreste auf ihnen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts fand die Tatsache der Polychromie eine zögernde Annahme. Zunächst wurde jedoch noch die Idee der Dichromie Blau/Rot oder auch Weiß/Gold vertreten. Ab etwa 1900 wird die Farbigkeit als Tatsache akzeptiert. Die „Farbe“ im (deutschen) doppelten Sinn des Wortes findet ein zunehmendes Interesse.

Heute zweifelt niemand mehr, dass in der Antike nicht nur Götter, sondern Skulpturen aller Art und herausragende Bauten farbig gefasst waren. Über die „Art“ der Farben wird dagegen noch immer heftig diskutiert – leider mit oft geringer archäochemischer Sachkenntnis. Ziel dieses Beitrages ist, hier Ordnung in die Bezeichnungen zu bringen, chemische Fehler (besonders in dem Katalog „Bunte Götter“, herausgegeben von V. Brinkmann und R. Wünsche) klar zu benennen und die modernen Untersuchungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Zunächst muss festgestellt werden, dass die Bezeichnung „Farbe“ im Deutschen doppeldeutig ist. Sie bezeichnet zum einen den subjektiven Farbeindruck wie rot oder grün, zum anderen aber auch das Anstrichmittel oder den Anstrichstoff (Bezeichnungen, die zwar nicht besonders schön, aber genormt und eindeutig sind). Ein Anstrichmittel besteht im Wesentlichen aus dem Bindemittel und dem Farbmittel. Unlösliche Farbmittel werden „Pigmente“ genannt; mit ihnen haben wir es im vorliegenden Falle überwiegend zu tun. Farbstoffe sind lösliche Farbmittel, also z. B. Textilfarbstoffe oder die Farbstoffe in lasierenden Anstrichstoffen. Die folgende Tabelle zeigt diese Zusammenhänge, die im Interesse der Vermeidung von Missverständnissen streng beachtet werden müssen.

1. Pigmente

Die in der Antike verwendeten Pigmente sind überwiegend anorganischer Natur. Da ihre Erkennung und Analytik relativ einfach sind, befassten sich die Bearbeiter zunächst hauptsächlich mit ihnen. Es handelt sich meist um natürlich vorkommende Mineralien, die bereits in der Natur durch ihre Farben auffallen und relativ einfach gewonnen werden können. Meist stellen sie begehrte Handelsgüter dar. Hierzu zählen die Ocker mit ihren gelben, braunen und roten Farbtönen, der blaue Azurit, der blaue Lapislazuli, der grüne Malachit, der dunkelgrüne Chrysokoll, der rote Zinnober, weiße Kreide. Schwarzer Ruß kann leicht aus rußenden Flammen gewonnen werden; er stellt in der Entwicklungsgeschichte das erste künstlich gewonnene Pigment dar. Sehr früh konnten altägyptische Technologen ein sehr schönes blaues Pigment, das weithin verhandelte Ägyptisch Blau, herstellen. Durch eine geringe Variation des Prozesses konnte auch ein schönes Ägyptisch Grün gewonnen werden. Der rote Krapplack ist ein weiteres sehr früh hergestelltes synthetisches Pigment. Die antiken Maler lernten sehr bald, die verschiedenen Pigmente zu mischen oder in Malschichten übereinander zu legen, so dass eine Vielzahl von Zwischentönen erzeugt werden konnte.

Die verschiedenen Pigmente haben naturgemäß unterschiedliche Eigenschaften in Bezug auf Farbton (auch von Teilchengröße und Kristallform abhängig), Farbtiefe, Verarbeitbarkeit (Verteilung im Bindemittel) und Beständigkeit (Korrosionsempfindlichkeit). Verunreinigungen der mineralischen Pigmente durch Gangart (Begleitmineralien) führen zu Farbabweichungen, z. B. bei Lapislazuli oder Azurit, und schlechterer Verarbeitbarkeit.

Gelbe und rote Pigmente

Die wichtigsten gelben und roten Pigmente sind die Ocker. Unter der Bezeichnung „gelber Ocker“ verbirgt sich eine Vielzahl von wasserhaltigen Eisen(III)-oxiden (Fe2O3·aq), die sich in Kristallform, Wassergehalt sowie Beimengungen und somit auch im Farbton unterscheiden. Goethit ist eines der hierzu gehörenden gelben bis dunkelbraunen Mineralien, das nach dem Dichterfürsten benannt wurde. Ein Mineral Geothit, wie bei Brinkmann zu lesen, gibt es nicht. Roter Ocker (Pompeianisch Rot, Venetianisch Rot) ist ein praktisch wasserfreies Eisen(III)-oxid, je nach Korngröße hell- bis dunkelrot. Ein Purpurton entsteht durch beigemischtes schwarzes Eisen(II,III)-oxid Fe3O4, das durch Glühen bei 1200°C durch Sauerstoffabspaltung entsteht. Alle Ocker sind extrem stabil; roter Ocker fand sich in Neanderthaler-Gräbern, wo er offenbar eine gewisse kultische Bedeutung besaß. Es gibt keinen „flüchtigen Ocker“, wie bei Brinkmann zu lesen. Ocker sind durch ihre Farbe und den Nachweis von Eisen relativ leicht zu identifizieren.

Zinnober (chemisch: rotes Quecksilbersulfid) ist ein sehr schönes rotes Pigment mit guten Verarbeitungseigenschaften, aber leider nicht sehr stabil. Es verfärbt sich im Licht unter Bildung von elementarem, wegen seiner feinen Verteilung schwarz wirkendem Quecksilber, was einer ursprünglich schön roten Fläche eine violettstichige Tönung verleiht. Bereits Vitruv (ca. 55 v. Chr. – 14 n. Chr.) kannte diese Eigenschaft und empfahl, Zinnober nur in Innenräumen zu verwenden. Quecksilber ist analytisch leicht nachzuweisen.

Krapplack, genauer Aluminiumkrapplack, ist ein rotes Pigment, das aus Inhaltsstoffen der Wurzel der Krapp-Pflanze (Rubia tinctorum u. a. Rubia-Arten) in einem chemischen Prozess gewonnen wird. Die gepulverte Wurzel wird mit heißer Alaunlösung extrahiert. Anschließend wird das Pigment mit Sodalösung gefällt und abfiltriert. Es stellt die an Aluminiumhydroxid komplex gebundenen Farbstoffe Alizarin, Purpurin und Pseudopurpurin dar, die in dieser Form eine leuchtend rote Farbe besitzen. Die nicht an Aluminiumhydroxid gebundenen Farbstoffe besitzen nur eine schmutzig-rote, unattraktive Färbung. Jeder Chemiker kennt die “Alizarin-Reaktion“ zum Nachweis von Aluminium. Es ist erstaunlich, dass dieser Prozess bereits in der Antike bekannt war.

Farbige Bleiverbindungen wie Mennige (rot) und Bleiglätte (gelb bis rotgelb) müssen erwähnt werden. Sie sind auch synthetisch zugänglich (Bleiglätte ist ein Nebenprodukt bei der Silbergewinnung) und leicht nachzuweisen.

Blaue Pigmente

 

Blaue Pigmente sind schwieriger zu bestimmen. Die hauptsächlich in Frage kommenden anorganischen Verbindungen sind in Tabelle 2 zusammengestellt.

Tabelle 2: Die wichtigsten anorganischen Blaupigmente
AzuritBlaues KupferhydroxidkarbonatCu3(OH)2(CO3)2
Ägyptisch BlauCuprorivaitCaCuSi4O10
Lapislazuli (Lasurit)Mittlere Zusammensetzung etwa(Na,Ca)8[S2(AlSiO4)6]

 

 

Azurit und Ägyptisch Blau verdanken ihre Farbe dem Kupfer Cu; der teure und seltene Lapislazuli dem Schwefel S. Lapislazuli kann hier außer Betracht bleiben; er wurde besonders in der Email-Malerei auf islamischen Gläsern verwendet.

Azurit und Ägyptisch Blau sind nicht sehr stabil. Sie neigen je nach Umgebungseinflüssen zum „Vergrünen“, was insbesondere in der Ägyptologie häufig zu beklagen ist. Besonders das im Vorderen Orient fast allgegenwärtige Chlorid im Boden ist für die Grünfärbung ehemals blauer Flächen verantwortlich.

Zur Identifizierung eines blauen Pigments genügt es also nicht, Kupfer nachzuweisen. Man muss auch im Hinblick auf die im Ägyptisch Blau vorhandenen Elemente Kalzium und Silizium untersuchen, dazu auch noch auf das beim Herstellungsprozess zugefügte Chlor. Da diese Elemente allgegenwärtig sind, erfordern sie eine besondere Untersuchungstechnik. Eine von ihnen besteht in der Aufnahme von Elementverteilungsbildern unter dem Rasterelektronenmikroskop mit einer Einrichtung zur Röntgenfluoreszenzanalyse. Man sucht dazu unter dem Rasterelektronenmikroskop auf dem zu untersuchenden Objekt eine charakteristische Stelle, z. B. eine besonders geformte Pigmentanhäufung, und rastert sie mit dem Elektronenstrahl ab. Dabei emittieren die erfassten chemischen Elemente ihre charakteristische Strahlung, die für die einzelnen relevanten Elemente, in unserem Falle also für Kupfer, Kalzium, Silizium und Chlor, registriert und zu getrennten Bildern, den Elementverteilungsbildern, verarbeitet werden.

Abbildung 2a zeigt das mit einem Auflichtmikroskop aufgenommene Bild einer charakteristischen Stelle, hier eines Farbläufers, auf einem kleinen, ehemals gelb und blau bemalten antiken Bleiobjekt; Abbildung 2b zeigt als Beispiel das dazu gehörige Elementverteilungsbild für Kupfer.

In gleicher Weise werden die Elementverteilungsbilder für Silizium, Kalzium und Chlor ausgewertet. Erst wenn alle Elementverteilungsbilder die gleiche Struktur zeigen, kann man sicher sein, das alle diese Elemente in der untersuchten Struktur vorhanden sind, d. h., dass tatsächlich Ägyptisch Blau vorliegt und nicht Azurit. Im vorliegenden Beispiel war dies der Fall, so dass tatsächlich der Beweis für das Vorliegen von Ägyptisch Blau erbracht war.

Diese Untersuchungstechnik ist natürlich recht aufwendig und verlangt vor allem, dass das zu untersuchende Objekt unter ein Rasterelektronenmikroskop gelegt werden kann. Wenn dies nicht der Fall ist, besteht nur die Möglichkeit, eine kleine Probe mikrozerstörend abzunehmen und zu untersuchen.

Die Gewinnung des Blaupigments Azurit (und genau so Lapislazuli) ist recht mühsam: die das Pigment enthaltenden Mineralien müssen nach dem Zerkleinern von Hand ausgelesen werden, um die begleitenden Mineralien zu entfernen. Abbildung 3 zeigt zur Verdeutlichung dieses Problems Azurit neben Malachit auf einem Begleitmineral. Je nach der Qualität des Vorkommens gelingt das Auslesen mehr oder minder gut, die Folge ist ein mehr oder weniger gutes, d. h. gut deckendes, farbkräftiges Pigment. Ägyptisch Blau wurde schon in der Antike synthetisch hergestellt, ist daher reiner und besitzt ein besseres Verarbeitungsverhalten und ein schöneres Blau. Es wurde in der Antike bevorzugt verwendet.

Grüne Pigmente

Natürlich vorkommende grüne Pigmente sind Malachit und Chrysokoll. Sie sind nicht sehr farbkräftig und wurden seltener verwendet; sie können durch Mischung gelber und blauer Pigmente ersetzt werden. Malachit hat die dem Azurit sehr ähnliche chemische Zusammensetzung Cu2(OH)2CO3 und ist das für das Vergrünen des Azurits bei Abwesenheit von Chlor verantwortliche Umwandlungsprodukt (kein Zerfallsprodukt, wie bei Brinkmann angegeben). Chrysokoll ist ein etwas mattgrünes Kupfersilikat der Zusammensetzung CuSiO3·nH2O und also nicht mit Malachit identisch. Sein auf das Griechische zurückgehender Name bedeutet „Goldleim“, was auf seine Verwendung als Löthilfsmittel bei Goldarbeiten hinweist. Seine Rolle bei der Herstellung der bewundernswerten antiken Goldgranulationsarbeiten, z. B. der Etrusker, wurde in einer umfangreichen, sehr genauen Arbeit (bis auf den Fehler der Gleichsetzung von Malachit mit Chrysokoll) von Nestler und Formigli, aufbauend auf frühere Arbeiten anderer Autoren, geklärt und beschrieben.

Abb. 4a| Herstellung einer Granulationsarbeit:
Schritt 1: Aufkleben der Goldkügelchen mit einer klebrigen Suspension von Chrysokollstaub (grün).
Schritt 2: Erhitzen in einer reduzierenden Flamme, dadurch Bildung einer Gold-Kupfer-Legierung (rot).
Schritt 3: Zusammenschmelzen bei weiterem leichten Erhitzen, da die Legierung niedriger schmilzt als das reine Gold.

Abb. 4b| Eine im Experiment hergestellte Flächengranulationsarbeit Durchführung des Experiments: Nestler und Formigli.


 

Abbildung 4a veranschaulicht den von diesen Autoren beschriebenen Prozess. Die feinen Goldkügelchen (0,1 bis 0,4 mm Durchmesser) werden auf ihrem ebenfalls goldenen Träger mit einer klebrigen, suspendiertes Chrysokoll-Pulver enthaltenden Flüssigkeit fixiert (Schritt 1). Beim Erhitzen in einer reduzierenden Flamme wird das im Chrysokoll gebundene Kupfer zu metallischem Kupfer reduziert, auch der hierbei aus der klebrigen Substanz entstehende Kohlenstoff wirkt reduzierend. Das so entstandene Kupfer legiert sich mit dem Gold in dünner, oberflächlicher Schicht (Schritt 2). Diese Legierung schmilzt bei niedrigerer Temperatur als das reine Gold, so dass bei weiterem Erhitzen die winzigen Goldkügelchen oberflächlich mit dem Trägergold verschmelzen, ohne ihre Form im Wesentlichen zu verlieren (Schritt 3). Abbildung 4b zeigt einen Ausschnitt aus einer von Nestler und Formigli im archäochemischen Experiment hergestellten Flächengranulationsarbeit.

Auch bei Scheibler findet sich die fehlerhafte Gleichsetzung von Chrysokoll und Malachit. Die bei Brinkmann zu lesende Erklärung des Namens Chrysokoll „... hat man den grünen Farbton als Grund verwendet, um dem darauf gelegten Gold einen kälteren Ton zu geben“ – ist völlig unsinnig.

Übrigens können auch Malachit oder andere Kupferverbindungen als Löthilfsmittel für Gold verwendet werden.

Metallfolien

Zur Erzielung besonderer Effekte wurden Gold- und Silberfolien appliziert.

Zur Analytik der Pigmente

In glücklichen Fällen gelingt eine vorläufige Identifizierung schon unter dem Auflichtmikroskop. Da diese Mikroskope transportabel sind, kann mit ihnen im Feld auch an großen Objekten gearbeitet werden.

Zur exakten Identifizierung ist die Bestimmung der charakteristischen Elemente mit Hilfe der Methoden der anorganischen Analytik erforderlich. Die alten, nasschemischen Methoden wird niemand mehr anwenden, da sie zerstörend sind. Die moderne Analytik bedient sich apparativer Methoden, meist der Röntgenfluoreszenz oder ähnlicher Techniken, die auf der Anregung der Elemente durch energiereiche Teilchen (z. B. Protonen) beruhen. Besonders vorteilhaft ist, dass es bereits mobile Geräte zur Röntgenfluoreszenzanalyse gibt, die im Feld angewandt werden können. Es ist fast überflüssig zu sagen, dass diese Analysen nur von besonders ausgebildeten und erfahrenen Chemikern durchgeführt werden können.

2. Bindemittel

Um die Pigmente auf einen Träger, das Substrat, aufbringen zu können, müssen sie in eine mit dem Pinsel verstreichbare Form gebracht werden. Dies geschieht, indem man sie in ein geeignetes Bindemittel einarbeitet. Das Bindemittel hat darüber hinaus aber auch die Aufgabe, die Pigmente nach dem Aufbringen und Trocknen mit dem Substrat zu verbinden. An das Bindemittel werden also erhebliche Anforderungen gestellt: es muss mit dem Pigment und dem Substrat verträglich sein und einen möglichst korrosionsfesten Film auf dem Substrat bilden.

Ein viel verwendetes Bindemittel besteht aus einer Lösung von Kalziumkasein (hergestellt aus Kasein, das aus Milch gewonnen wurde, und gelöschtem Kalk) in Wasser. Da Kasein ein Phosphorproteid (nicht: Phosphorprotein, wie bei Brinkmann zu lesen) ist, kann sein Phosphorgehalt zum Nachweis dienen.
Auch Emulsionen aus anderen Eiweißstoffen (gewonnen aus Eiern oder Knochen) wurden als Bindemittel verwendet.

Weitere in der Antike benutzte Bindemittel stellen die sog. trocknenden (mehrfach ungesättigten, d. h. mehrere Doppelbindungen enthaltenden) Öle dar. Hierzu zählen Leinöl, Nussöl, Mohnöl, Hanföl, die durch Reaktion ihrer Doppelbindungen mit dem Sauerstoff der Luft zu einem Film aushärten. Olivenöl ist ein einfach ungesättigtes Öl und somit hierzu nicht befähigt.

Wachs spielt eine besondere Rolle: auf weißem Marmor erzeugt es eine schöne bräunliche Färbung, die zur Darstellung der Hautfärbung von z. B. Händen und Gesicht (des „Inkarnats“) Anwendung fand. In der enkaustischen Malerei dient es als Bindemittel, das mit den darin suspendierten Pigmenten mit Hilfe eines zuvor erhitzten löffelförmigen Metallgeräts aufgebracht wird.

Die Pigmente müssen sehr sorgfältig in das Bindemittel eingearbeitet werden, man spricht vom „Anreiben“, das in einem Mörser durchgeführt wird. Es kommt darauf an, das Anstrichmittel völlig homogen und frei von Klümpchen und Luftbläschen zu erhalten.

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass der vom Bindemittel beim Trocknen gebildete Film möglichst beständig gegen Umwelteinflüsse sein soll. Diese Forderung ist mit den zur Verfügung stehenden Naturstoffen nur innerhalb gewisser Grenzen zu erfüllen, mit der Zeit altern die Filme, verfärben sich, werden spröde und rissig, blättern ab. Dieser Alterungsprozess erfolgt in erster Linie durch die Einflüsse von Sauerstoff, Wasser, Licht und Wärme. Die dabei entstehenden Abbauprodukte sind z. T. chemisch aggressiv und greifen die Pigmente und das Substrat chemisch an. Auf dem Substrat können sich hierdurch Markierungen ergeben, die auf solche Anätzungen zurückgehen. Außerdem können sich geringe Reste von Abbauprodukten an geschützten Stellen wie Spalten oder Vertiefungen erhalten. Trocknende Öle z. B. bilden einen braunen Film (wie auf alten Ölgemälden), der außerordentlich haltbar ist.

Die Abbauprozesse führen also zu einer Reihe von Verbindungen, die auf den Substraten Spuren hinterlassen, entweder durch Anätzungen, durch Verfärbungen oder einfach durch Substanzreste. Dies wiederum ermöglicht es, früher farbig gefasste Partien in Umrissen oder sogar flächig zu erkennen, allerdings nur als mehr oder minder deutliche raue, graue, braune Andeutungen der ehemals farbigen Flächen. Die Erkennbarkeit kann gesteigert werden durch Beleuchtung im Streiflicht, durch UV-Fotografie der Fluoreszenz oder Absorption sowie durch IR-Fotografie. Es ist jedoch nicht möglich, auch wenn dies von Brinkmann behauptet wird, aus diesen Andeutungen der früheren farbigen Fassung auf die Farbe und die Pigmente selbst zu schließen. Die Pigmente sind nur durch direkten Nachweis der für sie charakteristischen Elemente zu bestimmen! Wenn sich an besonderen Stellen, meist Vertiefungen, Bindemittelreste oder ihre Abbauprodukte erhalten haben, ist es möglich, sie mit Methoden der modernen apparativen Analytik zu identifizieren.

Zur Analytik der Bindemittel

Die Identifizierung der (organischen) Bindemittel gestaltet sich jedoch recht schwierig. Die zur Verfügung stehenden Mengen sind äußerst gering, nur in dünner Schicht vorliegend, oft schlecht zugänglich in Vertiefungen, gewöhnlich nur in Form von Abbauprodukten vorhanden. Entscheidend ist auch die Größe der zu untersuchenden Objekte und die Frage, ob mikrozerstörend Proben genommen werden können.

Kasein ist relativ leicht an seinem Phosphorgehalt zu erkennen, allerdings ist auf mögliche Kontaminationen durch ebenfalls phosphorhaltige Substanzen (Düngemittel, Fäkalien) zu achten. Kasein-Bindemittel sind besonders für Kalk-Untergründe (Marmor, Poros, Kalksandstein) geeignet. Die in Frage kommenden Untersuchungsmethoden sind die Infrarotspektroskopie, die Gaschromatographie und andere chromatographische Verfahren.

Die Infrarotspektroskopie (IR-Spektroskopie) beruht darauf, dass alle chemischen Verbindungen infrarotes Licht in verschiedener Weise absorbieren. Man erhält bei der Analyse Absorptionsspektren mit Absorptionspeaks, die für die einzelnen Bausteine der Verbindung charakteristisch sind und in ihrer Gesamtheit dem erfahrenen Chemiker eine Aussage über die Art der vorliegenden Verbindung, oft sogar über die genaue Verbindung, erlauben. Besonders aussagekräftig ist die IR-Spektroskopie für organische Verbindungen. Die Spektren können im Durchlicht an besonders hergestellten Presslingen aus Probenmaterial und Kaliumbromid oder in der Reflexion direkt am (kleinen) Objekt aufgenommen werden; die Reflexionsspektren sind recht schwach und bedürfen meist besonderer Aufnahmetechniken. Eine dieser Techniken bedient sich eines (nicht ganz korrekt) „Infrarotmikroskop“ genannten Gerätes, bei dem unter einem Mikroskop ein mikroskopisch feiner IR-Lichtstrahl auf die zu untersuchende Stelle gerichtet wird. Das Spektrum wird mit IR-Lichtblitzen in Form des Fourier-Diagramms (daher die Bezeichnung FTIR, Fourier-Transform-Infrarot) viele Male (z. B. 100 mal) aufgenommen, rechnerisch im Computer übereinander gelegt und in das eigentliche Infrarotspektrum umgerechnet.

Infrarot-Mikroskop

Infrarot-Mikroskop der Firma Thermo Fisher Scientific: links das Mikroskop, rechts das Spektrometer. Nicht gezeigt sind der dazugehörige Rechner mit Bildschirm und Drucker. Auf dem Rechner sind die sehr komplexe Anwendungs- und Auswertungssoftware sowie eine große Spektrenbibliothek installiert.

(Firma Thermo Fisher Scientific, mit freundlicher Genehmigung)

Infrarot-Reflexionsspektrum

Dunkler Kurvenzug: mit dem Gerät aufgenommenes Infrarot-Reflexionsspektrum eines braunen Fleckes in der Nähe des Farbläufers (vgl. Abb. 2a). Heller Kurvenzug: Vergleichsspektrum von Leinölfirnis aus dem Rechner. Ergebnis: es liegt ein stark oxidierter Film eines trocknenden Öles vor, vermutlich von Leinöl.

(Aufnahme: Werkstofftechnik Daimler AG, Werk Sindelfingen und Autor)

In dieser Weise gelingt es, auch von extrem dünnen Schichten aussagekräftige Spektren zu erhalten. Mit Hilfe dieser Technik gelang es, auf dem oben erwähnten Bleiobjekt den Firnis eines trocknenden Öles, wahrscheinlich Leinöl, nachzuweisen. Die Verwendung eines trocknenden Öles auf einem Träger aus Blei ist besonders sinnvoll, da das auf der Oberfläche vorhandene Bleioxid als sog. Sikkativ wirkt, d. h. die Oxidation des Öles zu einem sehr haltbaren Film katalytisch beschleunigt. Es ist erstaunlich, dass die antiken Handwerker diese Technik der „Ölmalerei“ kannten, freilich, ohne ihre chemischen Grundlagen zu verstehen.

Die chromatographischen Methoden beruhen auf der Trennung von gelösten oder in Gasform gebrachten Proben an Trägermaterialien in Säulen oder auf beschichteten Glasplatten. Die aufgegebenen Gemische, einzelne Substanzen oder ihre Bruchstücke werden unterschiedlich stark festhalten (adsorbiert) und beim Desorbieren (Herauslösen) nacheinander freigegeben. Durch Vergleiche mit bekannten Substanzen ist eine Identifizierung möglich, auch können die Bestandteile anhand ihrer Molgewichte identifiziert werden.

Es liegt auf der Hand, dass alle diese Methoden nur von ausgebildeten and spezialisierten Chemikern in dafür mit den sehr teuren Geräten ausgestatteten Laboratorien durchgeführt werden können.

3. Die Problematik bei der Rekonstruktion

Ein grundsätzliches Problem bei der Rekonstruktion farbiger Fassungen von Skulpturen ist die Frage, ob eine einheitliche (plakative) Farbgebung oder eine Schattierung, die die Plastizität erhöhen sollte, vorlag. Im Gegensatz zu einem Gemälde ändern sich bei einer im Freien stehenden Skulptur die Beleuchtung und ihre Richtung, daher auch der zu erwartende Schatten. Es ist also schwierig, eine vielleicht früher vorhandene Schattierung richtig zu rekonstruieren.

Ein weiteres großes Problem bei der Rekonstruktion der Farbigkeit ist die Notwendigkeit, von kleinen Flächen, kleinen Farbresten auf die gesamte Skulptur zu schließen. Farbschichten können übereinander gelegen haben, farbliche Abstufungen sind wohl kaum mehr zu erkennen, das Verhältnis von Licht und Schatten wird unklar bleiben.

Viele Einzelheiten werden angesichts der geringen Spuren nicht mehr zu klären sein. Man muss sich darüber klar sein, dass eine solche Rekonstruktion Stückwerk bleibt, das nur eine beschränkte Vorstellung von der ursprünglichen Wirklichkeit gibt. Aber dennoch ist ein sorgfältig erarbeitetes Ergebnis die Mühe wert.

Literatur

G. Nestler, E. Formigli, etruskische Granulation. Eine antike Goldschmiedetechnik (Siena 1993).

V. Brinkmann, R. Wünsche (Hrsg.), Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulptur. Katalog zur Ausstellung in der Skulpturhalle Basel3 11. August bis 20. November 2005 (München 2005).

I. Scheibler, Griechische Malerei der Antike (München 1994).