Ein Stück Stadtmauer in Hattuša

von: Dr. Jürgen Seeher
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Jeder Archäologe denkt daran, einmal eine ausgegrabene Ruine als Bauwerk wiedererstehen zu lassen. Bei verfallenen Gebäuden aus Stein wird das öfter praktiziert, wenn genug Bauteile erhalten sind. Anders ist das bei Bauwerken, die aus vergänglichem Material errichtet wurden. Das betrifft die meisten vor- und frühgeschichtlichen Bauten in Europa ebenso wie diejenigen des Vorderen Orients: Während erstere meist aus Holz, Flechtwerk und Lehm bestanden, baute man im Orient seit vielen tausend Jahren mit luftgetrockneten, also ungebrannten Lehmziegeln. Dieses Material ist leicht herzustellen und äußerst stabil, aber wenn man die Bauten sich selbst überlässt, zerfallen die Wände früher oder später zu Staub bzw. zu amorphen Erdmassen.

Auch in Hattuša, der Hauptstadt des hethitischen Reiches in Zentralanatolien (ca. 1650-1200 v. Chr.), war das so: Man findet auch hier meist nur die steinernen Fundamente und Sockelmauern der Gebäude. Nur in einigen Brandruinen haben sich Reste der Lehmwände erhalten – in der Hitze des Feuers sind sie verziegelt und hart gebrannt worden. Daher weiß man auch, dass die Hethiter mit großen quadratischen Ziegeln, die durchschnittlich 45 x 45 cm maßen und etwa 10 cm dick waren, gearbeitet haben. Dennoch sind diese Mauerreste kaum aussagekräftig genug, um damit ganze Baurekonstruktionen vornehmen zu können.

Für das Aussehen der Stadtmauern gibt es jedoch zusätzliche Informationen, über die die Gestalt dieser Anlagen einigermaßen verlässlich zu erschließen ist. Es gibt nämlich einige Modelle aus Ton, die einst die Ränder von großen Tongefäßen zierten. Besonders auffällig sind die dreieckigen Zinnen auf den Mauern und Türmen, aber es lassen sich auch Fenster und sogar die Köpfe der Holzbalken für die Geschoßdecken in den Türmen erkennen.

Unter Berücksichtigung dieser Quellen hat das Deutsche Archäologische Institut in den Jahren 2003-2005 einen 65 m langen Abschnitt der Lehmziegel-Stadtmauer in Hattuša rekonstruiert. Drei 7-8 m hohe Kurtinenabschnitte und zwei 12-13 m hohe Wehrtürme geben einen Eindruck davon, wie wehrhaft diese Stadt war und wie imposant ihre Lehmziegelarchitektur einst auf den Besucher gewirkt haben muss. Als Sponsor unterstützte Japan Tobacco International die Arbeiten.

Bei diesem Projekt sollte aber nicht nur ein Bauwerk rekonstruiert werden. Gleichzeitig handelt es sich dabei um einen Beitrag zur experimentellen Archäologie. Es wurde versucht, möglichst mit den auch vor 3500 Jahren zur Verfügung stehenden Materialien und Methoden zu bauen – oder zumindest zu wissen, wie es damals gemacht worden sein könnte.

Die Dokumentation der Arbeitsabläufe und Zeitspannen war von Anfang an Teil des Projekts, und auch die Art und Menge der verwendeten Materialien wurde genau registriert. So bekommt man eine Vorstellung vom Arbeitsaufwand in hethitischer Zeit. Und der war gewaltig, wenn man sich vor Augen hält, dass die verschiedenen Stadtmauerabschnitte von Hattuša über 9 km lang waren.

Allein für das jetzt rekonstruierte 65 m lange Mauerstück, d.h. nur rund 0,7 % der hethitischen Befestigungen, wurden 64000 Lehmziegel benötigt. Zusammen mit Mörtel- und Verputzmaterial bedeutet das 2700 t Lehmerde, die zu beschaffen und zu verarbeiten war, zusammen mit 100 t Stroh als Magerung und rund 1500 t Wasser. Dazu kommen größere Mengen von Steinen für den Mauersockel, Bauholz und çorak, einem Grus aus verwittertem Serpentinit, mit dem die Dächer gedeckt wurden.

Lehmziegel waren bis weit ins 20. Jh. in Anatolien ein weit verbreitetes Baumaterial. Inzwischen sind sie in den meisten Gegenden von Fabrikziegeln und Beton verdrängt worden. Ältere Männer kennen jedoch noch aus ihrer Jugend das nötige Know-How. Ihr Wissen und ihre Ratschläge waren nützlich bei der Entwicklung der richtigen Techniken für die Ziegelherstellung, und vor allem auch bei der Suche nach geeigneten Lehmvorkommen in der Umgebung der Hethiterstadt.

Die Bauzeit für den rekonstruierten Mauerabschnitt betrug etwa 11 Monate, in denen 6772 Manntage gearbeitet wurden. Im Durchschnitt waren täglich 27 Arbeiter damit beschäftigt, den Steinsockel zu bauen, Lehmziegel zu produzieren und die Lehmziegelmauern hochzuziehen. Diese Zahlen reichen allerdings noch nicht aus, um den Arbeitsaufwand der Hethiter zu rekonstruieren, denn es gibt einen wesentlichen Unterschied: Um die Kosten nicht in astronomische Höhen steigen zu lassen, wurden bei dem Rekonstruktionsprojekt für die Beschaffung des benötigten Materials Maschinen eingesetzt  – die Lehmerde wurde mit Baggern gegraben und mit Lastwagen transportiert, Steine und Bauholz kamen per Traktor, und das Wasser wurde mit Tankwagen angeliefert. Für diese Arbeitsleistungen lassen sich jedoch Schätzwerte einsetzen, und daraus ergibt sich, das rund 1000 Arbeitskräfte ausgereicht haben dürften, um pro Jahr einen Kilometer Stadtmauer zu bauen, inklusive Beschaffung und Transport des Materials und unter Berücksichtigung längerer Arbeitsausfälle während der Wintermonate.

Das hört sich zunächst nach viel an, aber man muss bedenken, dass sich diese Arbeitermenge auf zahlreiche Arbeitsgruppen verteilt, die an unterschiedlichen Orten eingesetzt sind. So werden als Baumaterial Steine, Lehm, Stroh, Holz und das Dachdeckungsmaterial Serpentinit an ganz verschiedenen Stellen gewonnen, und auch die Wasserbeschaffung (Stauung und Umleitung von Bachläufen) erfordert eigene Arbeitstrupps. Sodann ist die Produktion der Ziegel ein ganz eigenes Arbeitsfeld, das separat vom Mauerbau zu organisieren ist.Hierfür werden riesige Lagerflächen benötigt, weil die Ziegel 10-11 Tage in der Sonne trocknen müssen bevor sie verbaut werden können. Und dann der Mauerbau selber, der auch nicht als eine einzelne Baustelle aufzufassen ist, sondern als eine Reihung von Bauplätzen in der Trasse der Mauer mit ganz unterschiedlichen Bauzuständen. Schließlich ist noch der Personalbedarf für den Materialtransport sowie die Versorgung von Mensch und Tier, also Nahrungsproduktion und Erzeugung der Ausstattung mit Werkzeugen, Wagen etc. zu berücksichtigen.

Es waren also tatsächlich nirgendwo unüberschaubar große Arbeitergruppen im Einsatz. Entscheidend für den Baufortschritt war eine gute Arbeitsorganisation sowie die Gewährleistung eines ununterbrochenen Materialnachschubs – eine Binsenweisheit in unserem heutigen Industriezeitalter.

Mit dem Abschluß der Bauarbeiten ist das Projekt noch nicht beendet. Da bewußt darauf verzichtet wurde, dem Lehm konservierende Zuschläge beizumischen, kann nun das ‚Verhalten’ dieses Großbaus aus ungebrannten Lehmziegeln im rauen Klima Zentralanatoliens beobachtet werden. Seit der Fertigstellung und in den kommenden Jahren wird registriert, welche Teile besonders durch Erosion gefährdet sind und welcher Aufwand in welchen Abständen nötig ist, um die Funktion und Stabilität der Mauern und der Dachdeckungen zu gewährleisten. Damit wird es möglich, auch Fragen der Unterhaltung in hethitischer Zeit nachzuvollziehen, ebenfalls ein Aspekt der experimentellen Archäologie.

 

 

Info

Die Beschreibung des Bauprojekts ist kürzlich in einer ausführlich bebilderten Monographie veröffentlicht worden eFB2015-3_Schachner_Hattusa.pdf.

Einen Überblick über das Projekt bietet außerdem die Webseite des des Deutschen Archäologischen Instituts: www.dainst.org/index_8124_de.html