Die Pfahlbausiedlung Pfyn-Breitenloo

von: Dr. Urs Leuzinger
veröffentlicht am
Archäologie & GesellschaftSchweizSteinzeitSeeufersiedlung

Vom 25. Juli bis 21. August unternehmen 10 Personen in der Gemeinde Pfyn (Thurgau, Schweiz) eine Zeitreise ins 38. Jahrhundert v.Chr.. Sie wurden vom Schweizer Fernsehen ausgewählt und sollen in einem Pfahlbaudorf mit jungsteinzeitlichem know how versuchen, vier Wochen lang zu überleben. Ziel dieser TV-Produktion ist jedoch nicht, einen big brother im Sumpf in die guten Stuben der Zuschauer zu übertragen; nein – vielmehr geht es darum, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der schweizerischen Pfahlbauarchäologie spannend als living-science Sendung einem grossen Publikum schmackhaft zu machen.

Den Fernsehmachern stehen mehrere Wissenschaftler und experimentelle Archäologinnen tatkräftig zur Seite, um die komplexe Technik und Wirtschaftsweise der jungsteinzeitlichen Pfahlbauer wissenschaftlich korrekt für den TV-Set zusammenzustellen. Nahrungszubereitung, Textiltechnik, Steinbearbeitung, Hausbau, Keramikproduktion, Holzschnitzerei, Kleiderherstellung und Ackerbau sowie Tierhaltung sind einige Themen, die genau recherchiert werden mussten. Dafür galt von Anfang an die jungsteinzeitliche Pfahlbausiedlung Pfyn-Breitenloo als Patenstation für die Fernsehproduktion im Rampenlicht. Diese Fundstelle soll im folgenden etwas genauer vorgestellt werden.

Zur Forschungsgeschichte

Pfyn-Breitenloo liegt 5 Kilometer nordwestlich von Frauenfeld in einem flachen Tal, das von Seitenmoränen des Thurgletschers flankiert wird. Die Siedlung wurde in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts beim Torfstechen entdeckt. Bei Drainagearbeiten während des 2. Weltkriegs kamen erneut Funde und Befunde zum Vorschein, die den damaligen Kantonsarchäologen Karl Keller-Tarnuzzer dazu veranlassten, dort eine Grabung durchzuführen. Wegen des Krieges hatte er Mühe, einheimisches Grabungspersonal zu rekrutieren. Schliesslich gelang es ihm, rund 30 internierte polnische Soldaten – Angehörige der 2. polnischen Schützendivision, die zusammen mit der 45. französischen Armee gegen die deutschen Panzereinheiten im Raum Besançon-Pontarlier gekämpft und sich nach schweren Verlusten im Juni 1940 in die Schweiz abgesetzt hatten – für sein Vorhaben zu verpflichten.

Die Ausgrabung fand vom 8. September bis 23. Dezember 1944 statt; es wurde eine Fläche von etwa 1000 Quadratmetern untersucht. Die Soldaten legten mehrere gut erhaltene Hausgrundrisse, Dorfgassen sowie zahlreiche Fundstücke frei. Obwohl die Fundstelle nie umfassend publiziert wurde, gab sie später der Pfyner Kultur (3900–3500 v.Chr.) den Namen. Das Amt für Archäologie des Kantons Thurgau führte in den Sommermonaten 2002 und 2004 zwei Sondiergrabungen durch, um Ausdehnung, Erhaltung und Zeitstellung des Pfahlbaudorfes genauer abzuklären. Diese Arbeiten waren äusserst erfolgreich – so konnte die Siedlung anhand von Jahrring-Untersuchungen exakt in die Zeit von 3708 bis 3704 v.Chr. datiert werden.

Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit im Jahre 1944

Parallel zu den modernen Grabungen wurden die Altfunde und die Dokumentation von 1944 aufgearbeitet: Nebst der kurzen Beschreibungen im Tagebuch liegen Vermessungsprotokolle, 465 Fotografien, zwei Ordner mit Korrespondenz zur Grabung sowie Umzeichnungen des Pfahl- und Holzplanes vor. Das Vermessungsnetz wurde von dem polnischen Leutnant Henrik Dawid und einem Soldaten, der von Beruf Vermesser war, installiert. Man steckte neun 100 Quadratmeter grosse, quadratische Felder ab und legte diese dann frei.

Geradezu modern mutet die Öffentlichkeitsarbeit von Karl Keller-Tarnuzzer an. Neben vielen Zeitungsartikeln, Vorträgen und Radioreportagen, fanden auch zahlreiche Führungen auf der Grabung statt. Im Tagebuch werden über 50 Schulklassen aus der Region erwähnt, welche die Befunde im Verlaufe der Herbstmonate 1944 besichtigten.

Das Pfahlbaudorf

Anhand der Pläne und Fotos von 1944 sowie der Nachgrabungen wurden 17 ebenerdige Hausgrundrisse nachgewiesen. Diese Gebäude konnten mit der Jahrring-Datierungsmethode (Dendrochronologie) datiert werden. Die Siedlung ist einphasig und nur während weniger Jahre – von 3708 bis 3703±1 v.Chr. – genutzt worden. Die rechteckigen Häuser orientieren sich giebelständig entlang einer Nord-Süd-orientierten Hauptgasse. Die Gebäudelängen variieren zwischen 4 m und 11 m, die Breiten zwischen 3,5 m und 5,5 m. Bretter- und Flechtwände sind nachgewiesen. Die Eingänge zu den Gebäuden dürften sich zur Gasse hin befunden haben.

Die Mehrzahl der Häuser hatte einen aufwendig konstruierten Holzboden. Mehrfach wurde ein Lehmestrich über diesen hölzernen Bodenarmierungen beobachtet. Es ist davon auszugehen, dass jedes Wohnhaus eine eigene Feuerstelle hatte. Da weder Schindelbretter noch grössere Rindenstücke, Stroh- beziehungsweise Schilfreste erhalten geblieben sind, kann über die ursprüngliche Dachbedeckung nichts gesagt werden.

Lange, kalte Winter in Pfyn-Breitenloo

Bei der Auswertung der Pfahlbausiedlung waren auch Geologen, Botaniker und Zoologen mit an Bord. Ein spannendes Resultat der paläoökologischen Untersuchungen sei an dieser Stelle kurz erwähnt: Der Botaniker Prof. Dr. J. N. Haas von der Universität Innsbruck hat Sedimentproben aus der Kulturschicht mit dem Mikroskop auf Pollen, Algen und sonstige tierische und pflanzliche Kleinstreste hin untersucht. Dabei wurden auch einige Schneealgen-Dauerstadien (Clamydomonas nivalis) entdeckt.

Der Nachweis dieser Schneealgen-Zysten ist bisher einmalig in Schichten aus einer Pfahlbausiedlung. Sie beweisen, dass es vor 5700 Jahren in Pfyn einen oder mehrere aussergewöhnlich schneereiche Winter mit Schneevorkommen bis weit in den Spätwinter oder ins Frühjahr gegeben haben musste.

Die Pfahlbaufunde

Das Fundmaterial umfangreich. Es fanden sich 891 Feuersteinobjekte, 81 Steinbeile, 126 Steinartefakte, 28 Knochen-, Zahn- und Geweihobjekte, 700 Faunenreste, 26 Holzgeräte, 10 Textilien und genau 17’268 Keramikfragmente. Die Mehrzahl der Objekte befindet sich heute im Depot des Amtes für Archäologie; die wichtigsten Funde sind im Museum für Archäologie des Kantons Thurgau in Frauenfeld ausgestellt.

Die Pfahlbauer von Pfyn im 21. Jahrhundert n.Chr.

Mit dem living-science Projekt des Schweizer Fernsehen werden die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse von Pfyn-Breitenloo einer interessierten Öffentlichkeit vermittelt. Mit den 10 Pfahlbau-Zeitreisenden werden zudem die originalgetreuen Nachbildungen der Artefakte aus den Ausgrabungen von 1944, 2002 und 2004 einem vierwöchigen Praxistest unterzogen. Die Abnutzungsspuren und allfälligen Materialverluste – beispielsweise Töpfe, die in Brüche gehen – dürften nach dem Experiment Rückschlüsse auf die ursprüngliche Herstellung, Verwendung und Tauglichkeit erlauben. Werkplätze, Abfallstrukturen, Wegnetze und Organisation rund um die Siedlung werden moderne Spurenbilder liefern, die direkt mit den steinzeitlichen Befunden verglichen werden können. Dies erlaubt den Archäologen, neue wissenschaftlich verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen.

Ein besonders interessantes Projekt kann mit Geologinnen und Geologen vom Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) der Universität Basel durchgeführt werden. Diese untersuchen die Bodenverhältnisse im Bereich des Dorfes vor und nach der „modern-pfahlbauzeitlichen“ Besiedlung.

Aktivitäten wie Kochen, Werkzeuge herstellen oder auch das Umherlaufen von Mensch und Tier führen zu Veränderungen des sogenannten Gehhorizontes. Anhand von mikroskopischen Dünnschliff-Analysen an Bodenproben können die Fachleute deshalb Aussagen über die Lebensweise und Umweltbedingungen machen. Die modernen Spurenbilder werden einmaliges Grandlagenmaterial für zukünftige Interpretationen von prähistorischen Proben liefern.

Infozentrum Trotte in Pfyn

Seit dem 25. Juli leben die Pfahlbauer von Pfyn in ihrem Dorf. Das Gelände ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wir möchten ja nicht, dass die Steinzeitfamilien in ihrem prähistorischen Biotop gestört werden! Für Interessierte wurde jedoch in der Trotte im Städtli Pfyn ein Informationszentrum mit einer kleinen Pfahlbauausstellung, Filmübertragungen, Infodesk, Festwirtschaft usw. eingerichtet. Dort werden Gäste gerne Willkommen geheissen.

INFO

Orginalfunde aus Pfyn-Breitenloo
im Museum für Archäologie des Kantons Thurgau, Frauenfeld
Di - Sa 14.00 - 17.00 Uhr; So 12.00 - 17.00 Uhr

www.pfahlbauervonpfyn.tg.ch

Das Buch zum Film:
Pfyn-Breitenloo, die jungsteinzeitliche Pfahlbausiedlung