Denkmalpflege auf dem Dach der Welt

Das Nako Research und Preservation Project zur Erforschung und Erhaltung des buddhistischen Tempelkomplexes von Nako im nordindischen Himalaja

von: Dipl.-Restauratorin Susanne Beseler
veröffentlicht am
DenkmalschutzSüdasienMittelalterArchitektur

Das kleine Bergdorf Nako liegt im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh nur wenige Kilometer von der tibetischen Grenze entfernt inmitten einer unwirklichen Felslandschaft auf einer Höhe von 3700 m. Durch die Abgeschiedenheit hat sich eine kaum vergleichbare Ursprünglichkeit erhalten, die sich deutlich in der Dorfstruktur und Architektur sowie in der Lebensweise der ca. 400 Einwohner widerspiegelt. Auf dem höchsten Platz am Dorfrand erhebt sich der Tempelkomplex. Schlicht und bescheiden wirken die vier unterschiedlich großen Lehmbauten. Ihre Entstehung geht auf die jahrtausendealten Pilger- und Handelwege zurück, die diese Region durchzogen, und reicht bis in das 11. Jahrhundert.

Die Bedeutung und künstlerische Dimension dieser Tempel erschließt sich erst beim Betreten der dunklen, fensterlosen Innenräume. Wenn das Auge sich nach dem Eintreten durch die kleine Tür, langsam an die geheimnisvolle Finsternis gewöhnt hat, beginnen erdige Farben zögernd zu leuchten. Konturen werden im Schein der flackernden Lämpchen sichtbar. Detail für Detail entdeckt man nun die Pracht der Ausstattung und ist gefangen von der Fülle: wunderschöne klein- und großformatige Wandmalereien mit vergoldeten Mandaladarstellungen; zahllose, teilweise fast lebensgroße, bunte skulpturale Gottheiten; textile Bemalungen auf geschnitzten Holzdecken – ein Gesamtkunstwerk.

Wenn die Restauratoren das gleißende Licht der mitgebrachten Schweinwerfer einschalten, geht der Zauber der Ausstattungen nicht verloren, jedoch wird der schlechte und teilweise bedrohliche Erhaltungszustand der jahrhundertealten Kunstwerke gnadenlos sichtbar. Erdbeben, Klimaveränderungen und mangelnde Pflege haben neben den natürlichen Alterungsprozessen den verschiedenen Materialien zugesetzt und deutliche Spuren hinterlassen: Dächer sind undicht, Holzteile morsch, Wände gerissen, der Putz mit den Wandmalereien bröckelt ab und Gottheiten sind durch fehlende Kronen oder Hände entstellt.

Bereits seit mehreren Jahren bemüht sich das Nako Research und Preservation Project, das von Prof. Dr. Deborah Klimburg-Salter (Universität Wien, Institut für Kunstgeschichte) initiiert wurde, um die Erhaltung dieses kunst- und kulturgeschichtlich bedeutenden Tempelkomplexes. Seit 2004 arbeiten die Restauratoren des Instituts für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst Wien unter der Leitung von Prof. Dr. Gabriela Krist an diesem Projekt mit.

Jedoch nicht nur die Umsetzung der aktuell dringenden Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen ist das Ziel des internationalen und interdisziplinären Arbeitsteams aus österreichischen Kunsthistorikern und Restauratoren sowie Architekten und Restauratoren aus Indien.

Vielmehr soll die wissenschaftliche Erforschung der Bau- und Kunstgeschichte der Tempel mit der Entwicklung und Umsetzung langfristiger Erhaltungsstrategien verbunden werden. Hierbei steht die Gesamtheit der Tempelanlage im Vordergrund und nicht die Totalrestaurierung einzelner Objekte.

Bei der Ausführung von baulichen Erhaltungsmaßnahmen kommt dem Einbezug der Dorfbevölkerung eine wesentliche Rolle zu. Die Tempel sollen auch nach dem Projektabschluss als zentrale Pilger- und Anbetungsstätte genutzt werden. Und gerade hier liegt die besondere Herausforderung: auf die lokalen Bedürfnisse in spezieller Weise Rücksicht zu nehmen und dabei dennoch internationale Standards der Konservierung und Restaurierung einzubringen.

Für die Bewältigung dieser Herausforderung bedarf es neben eines leidenschaftlich arbeitenden, vielleicht sogar ein wenig besessenen Teams, nicht unerheblicher finanzieller Mittel. Obwohl versucht wird, lokale Ressourcen bestmöglich zu nutzen, wie beispielsweise das örtliche Baumaterial Lehm, müssen zahlreiche Arbeitsgeräte, Kabeltrommeln, Lampen, Akkus oder speziellen Chemikalien auf die lange und beschwerliche Reise von Wien nach Nako geschickt werden. Dort angekommen wird jede Skalpellklinge oder jedes noch so kleine Werkzeug unbezahlbar und alles was vergessen wurde oder fehlt, unerreichbar… Auch müssen die wenigen Tage, die das Team vor Ort sein kann, maximal genutzt werden. Körperliche Wehwehchen durch die Strapazen der Anreise, Verdauungsprobleme, Leiden unter der dünnen Höhenluft oder das kalte „wenig luxuriöse“ Quartier, treten in den Hintergrund. Der besondere und mit nichts zu vergleichende Ort Nako, die einmalige Stimmung in Dorf und der Tempelkomple, die scheuen, vorsichtigen und dennoch herzlichen Kontakte mit den Bewohner sind Motivation und Dank zugleich und lassen alle Erschwernisse verblassen.

In bereits vier Arbeitskampagnen konnten die Restauratoren seit 2004 erfolgreich an und in den Tempeln tätig werden. Nach ersten Bestands- und Schadenserfassungen wurden Notsicherungen an besonders gefährdeten Bereichen der Putze und Wandmalereien durchgeführt. Für eines der Tempeldächer wurde ein Restaurier- und Sanierkonzept entwickelt und mit tatkräftiger Unterstützung der Einwohner umgesetzt. Reinigung und Konservierung der raumseitigen polychromen Holzdecke sowie der Wandmalereien in diesem Tempel konnten bereits abgeschlossen werden.

Dieses Ergebnis sowie die im Haupttempel durchgeführte Konservierung und Restaurierung der zentralen Göttin der Weisheit (Lehmskulptur) wurde von der Dorfbevölkerung am Ende unseres diesjährigen Aufenthaltes in Nako mit einer festlichen Zeremonie gefeiert. Die überwältigende Reaktion der lokalen Buddhisten war die größte Anerkennung unserer Arbeit und der schönste Dank.

Parallel zu den Arbeitseinsätzen vor Ort laufen konservierungswissenschaftliche Forschungen in Wien. Die historischen Techniken und Materialien sowie ihre Zerfallsprozesse werden untersucht und die Nachhaltigkeit geeigneter konservatorischer und restauratorischer Maßnahmen getestet. Aber auch das Schreiben von Förder- und Projektanträgen zählt derzeit zur zentralen Aufgabe der Restauratoren - bisherige Finanzierungen laufen aus oder decken die enormen Kosten nicht vollständig ab.

Weitere Kampagnen sind dringend erforderlich, um die begonnen Arbeiten fortzuführen und so das kulturelle Erbe von Nako zu wahren. Bereits im Frühsommer 2007 werden sich wieder Restauratoren und Studierende auf den Weg in den Himalaja machen ...

INFO
Das Nako Research und Preservation Project (NRPP)

Projektpartner sind das Institut für Kunstgeschichte, Prof. Dr. Klimburg-Salter an der Universität Wien, das Architekturbüro Romi Khosla, New Delhi (Indien), das National Research Laboratory for Conservation of Cultural Property, Lucknow (Indien) und das Institut für Konservierung und Restaurierung, Prof. Dr. Gabriela Krist an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Die Finanzierung lief bis 2004 über den FWF (Forschung und Dokumentation) und den World Monument Fund (Restaurierung) sowie seit 2006 durch die Austrian Development Agency und während der gesamten Dauer über Sonderprojektmittel und Drittmittel des Instituts für Konservierung und Restaurierung an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Ab Mai 2007 wird das Forschungsvorhaben erneut vom FWF (Wissenschaftsfonds Österreich) für 3 Jahre gefördert.

Links

www.univie.ac.at/fsp-programm/wmf
www.dieangewandte.at/restaurierung
www.olah.at/webgallery/nako/webgallery