Neues von der Schnippenburg

Keltische Einflüsse und kultische Aktivitäten im nordwestlichsten Mittelgebirgsraum

von: Sebastian Möllers M.A.
veröffentlicht am
DeutschlandEisenzeitWehrbauten

Die Ausgangssituation

Seit Ende 2000 untersucht die Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück die eisenzeitliche Befestigungsanlage Schnippenburg bei Ostercappeln im Landkreis Osnabrück. Anlass für das denkmalpflegerisch orientierte Forschungsprojekt waren Neufunde aus dem Jahr 1999, die durch Sondenprospektionen eines ehrenamtlichen Mitarbeiters zu Tage gefördert wurden.

Schon die ersten Nachuntersuchungen der Prospektionsfundstellen erbrachten weiteres umfangreiches Fundmaterial aus dem 3. und 2. Jh. v. Chr..

Neben zahlreichen Eisenfunden gehörten u.a. verschiedene bronzene Schmuckstücke der mittellatènezeitlichen Frauentracht zum Fundspektrum. Es folgten systematische Sondenprospektionen und umfangreiche Flächengrabungen, die im Frühjahr 2005 abgeschlossen wurden.

Ziel des Vorhabens war es, die Funktion des Fundplatzes näher zu untersuchen und gleichzeitig das hochwertige Fundmaterial dem Zugriff von illegalen Schatzsuchern zu entziehen. Des weiteren war eine Modellstudie zum Schutz von Flächendenkmalen in Waldgebieten Projektbestandteil, die von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert wurde.

Zur Lage der Schnippenburg

Die Schnippenburg liegt in der Gemarkung Schwagstorf, Gemeinde Ostercappeln, Landkreis Osnabrück, auf einem Geländesporn des Wiehengebirges, als dem nordwestlichsten Ausläufer des Weserberglandes. Der Sporn geht im Westen in den Kamm über und fällt nach Osten flach ab. An der Nord- und Südseite flankieren Bachläufe mit teils ausgedehnten planen Bachterrassen die Hänge und stellen ein zusätzliches natürliches Annäherungshindernis dar.

Das Gelände innerhalb der 1,46 ha großen, ovalen Anlage mit einer Ausdehnung von ca. 170x110 m, fällt nach Osten leicht ab (125 auf 115 m ü. NN). Der Nordhang des Sporns ist künstlich terrassiert. Ein moderner Waldweg (Koppelweg) sowie verschiedene Rückewege durchlaufen das Gelände in Ost-West-Richtung. Eine weite Geländeübersicht besteht vom Sporn aus nicht, da der Sporn tiefer als der nördliche und südliche Wiehengebirgskamm gelegen ist.

Ausschlaggebend für die Platzwahl ist vermutlich die Nähe zum »Bremer Heerweg« gewesen, einer bis in die Vorgeschichte zurückreichenden Fernverbindung die über den »Frankfurter Heerweg« das nordwestliche Hessen mit dem Nordseeküstenraum verband und mit dem Wiehengebirge, in etwa 500m Entfernung von der Schnippenburg, den letzten Höhenzug vor dem Eintritt ins norddeutsche Flachland überwindet. Am Nordhang des Wiehengebirges kreuzt diese Nord-Südachse eine weitere Fernverbindung, welche in Ost-Westrichtung vom Elb-Weserraum über Hase und Ems bis in die Niederlande reichte. Daraus ergibt sich für die Schnippenburg eine äußerst prägnante verkehrsgeographische Situation.

Die Forschungsgeschichte

Die Schnippenburg ist bereits in den Kartenwerken von DuPlat aus den Jahren 1786/87 mit der Flurbezeichnung „Auf der Schnippen-Burg“ erfasst. Eine erste Vermessung wurde durch den Heimatforscher Hartmann im Jahr 1889 vorgenommen, dessen Plan auch Einzug in das Burgenregister von von Oppermann und Schuchhardt fand. Hartmann publizierte den Plan 1889 in den Mitteilungen des historischen Vereins Osnabrück mit den Hinweisen, „Schnippe“ sei eine alte Bezeichnung für einen Bergsporn und dass bei Anlage des sog. Koppelweges, der die Anlage in Ost-West-Richtung durchquert und im Zuge der Markenteilungen angelegt wurde, eiserne Streitäxte und bronzenes Pferdegeschirr gefunden worden seien. Die erwähnten Funde sind nicht überliefert, entsprechende Skizzen fehlen ebenfalls.

1983 fanden die ersten archäologischen Untersuchungen statt, da der Koppelweg erweitert worden war und dabei die Wallreste erneut zerstört wurden. Die Dokumentation eines Wallprofils erbrachte eine erste Vorstellung von der Wallkonstruktion sowie Holzkohlereste, welche eine Erstdatierung der Anlage ermöglichten. Einzelne Lesefunde aus verschiedenen Begehungen durch Dr. Peter Glüsing mit Studenten der Universität Münster stützen den Datierungsansatz. Aufgrund des Forschungsstandes in den 1980er Jahren und einer Interpretation des Platzes als Fluchtburg erfolgten keine weiteren Untersuchungen im Bereich der Anlage, bis 1999 im Rahmen der Vorbereitung einer Burgenausstellung für Stadt und Landkreis Osnabrück die oben erwähnten Sondenprospektionen vorgenommen wurden.

Erste Ergebnisse der Ausgrabungen 2000 bis 2005

Die systematischen Prospektionen auf der Schnippenburg erbrachten mit über 1500 Metallfunden ein umfassendes Fundmaterial aus dem 3. und 2. Jh. v. Chr..

Neben zahlreichen eisernen Werkzeugen und Waffen, bronzenem Trachtzubehör, Glas- und Bernsteinperlen, Gebrauchs- und Feinkeramik, Spinnwirteln, Webgewichten und Mahlsteinfragmenten komplettieren verschiedene Steingeräte das außergewöhnliche Fundspektrum. Die Funde streuen bei überwiegend geringer Fundtiefe (bis ca. 40 cm) flächig über die gesamte Befestigung und darüber hinaus.

An Befunden konnten neben vereinzelten Pfosten und Feuerstellen, die keinem Gebäude zugeordnet werden können, vor allem Gruben festgestellt werden, die als Opfergruben zu interpretieren sind. Die ungewöhnlichen Grubenbefunde sind kegelförmig, bis zu 3 m tief und reichen teilweise, abhängig von der stark wechselnden Strategraphie, bis zu 2 m in das sehr kompakte und stauende saaleeiszeitliche Geschiebe hinein. Das Fundmaterial sowie bodenkundliche Untersuchungen schließen eine Funktion als Abfall- oder Vorratsgruben aus. Die Tatsache, dass sich keine der dicht nebeneinander liegenden Befunde überschneiden, deutet eine obertägige Kennzeichnung an.

Neben zerscherbten Gefäßen, Spinnwirteln und Webgewichten, liegen aus den Gruben Fundensembles vor, die sich aus Bronzeschmuck, Waffen, Glas- und Bernsteinperlen sowie vollständig erhaltenen Gefäßen zusammensetzen. Während die Metallobjekte immer am Boden der Gruben angetroffen wurden, konnten teilweise vollständig erhaltene Gefäße festgestellt werden, die auf verschiedenen Niveaus beim verfüllen der Grube niedergelegt wurden.

Zudem gibt es Ensembles von Bronzeschmuck und Glasperlen, die in 40-50 cm tiefen, vermutlich von Hand gegrabenen Löchern deponiert wurden. Einzelbronzen stellen auch im Spektrum der Prospektionsfunde eine absolute Ausnahme dar. Die Eisenfunde streuen dagegen überwiegend als Einzelobjekte über den gesamten Fundplatz. Offen bleiben muss bis dato die Frage, warum die hochwertigen Objekte an dem Fundplatz liegen geblieben sind und nicht beim Verlassen der Anlage mitgenommen oder nach einem Angriff geplündert wurden. Fest steht, dass die gesamte Befestigung systematisch niedergebrannt wurde. Der Hintergrund dieser Zerstörung kann jedoch bisher nicht abschließend geklärt werden. Entweder wurde die Anlage nach einem Angriff vollständig eingeäschert, damit sie nicht schnell wieder errichtet werden konnte, oder die Bewohner/Nutzer selbst haben „verbrannte Erde“ hinterlassen.

Im Fundmaterial fällt die große Anzahl deutlich keltisch beeinflusster Objekte sowie verschiedener Importe aus dem keltischen Kulturraum auf (u.a. punzierte eiserne Schwertketten). Neben typisch nordwestdeutschen Formen wie z.B. Scheibenohrringen mit aufgesetzter blauer Glasperle dominieren massive bronzene Knotengruppenarmreife das Spektrum der Bronzefunde. Die Armreife wurden offensichtlich lokal produziert, weisen allerdings in der Form einen starken keltischen Einfluss auf. Unter den Fibeln ist eine plastisch verzierte figürliche Fibel hervorzuheben (Abb. 4), die ebenso zum Spektrum der Importfunde gehört, wie mehrere blauweiße Spiralaugenperlen. Als regionale Formengruppe, die den Fundplatz eng mit dem ostwestfälischen Burgenraum verbindet, sind zehn Tutulusfibeln vom Typ Babilonie zu nennen.

Das Spektrum der Eisenfunde umfasst neben Schwertscheidenfragmenten mit Überresten der Klinge, elf Lanzen- und Speerspitzen sowie drei Lanzenschuhen mit Dorn ein umfangreiches Werkzeugrepertoire. Darunter befinden sie mehr als 40 Tüllenbeile unterschiedlicher Größe, sowohl mit geschlossener als auch mit geschlitzter Tülle, zahlreiche Tüllenbeitel, Sensen- und Sichelblätter, Messerklingen, Löffelbohrer, ein Schürhaken, ein Fleischspieß, eine Backschaufel, Ketten, Beschläge, Bandeisen, Nägel sowie zahlreiche weitere Objektfragmente, die nur bedingt zugeordnet werden können.

Einen indirekten Nachweis auf Reiterei stellt, neben mehreren bronzenen Zierscheiben mit Riemenlasche, eine tordierte eiserne Prunktrense mit Bronzeapplikationen dar, die zusammen mit einem bronzenen, verzierten, bandförmigen Zierbesatz geborgen wurde, welcher vermutlich auf die Lederriemen des Zaumzeugs genietet war.

Das umfangreiche Spektrum an Keramikfunden und sonstigen Geräten, welches auf eine dauerhafte Siedlungsaktivität am Fundplatz hindeutet, wurde bereits kurz erwähnt. Mehrere Schmiedeschlacken bezeugen eine lokale Eisenverarbeitung, deren Hintergrund evtl. auf umfangreichen Raseneisenerzvorkommen im Niederungsbereich nördlich des Wiehengebirges basiert. Ein C14-Datum aus einer Schlackengrube mit Ofenwandresten, die in einem Siedlungskontext in der benachbarten Gemarkung Venne bei Untersuchungen im Zusammenhang mit Sondierungen des Ausgrabungsprojekts in Kalkriese festgestellt wurde, bezeugt mit einem kalibrierten Alter von 111 BC – 3 AD Verhüttungsaktivitäten in vorrömischer Zeit.

Als weitere Besonderheit sind auf der Schnippenburg mehrere antike Lesefunde zu nennen, die alle in Fundvergesellschaftung mit eisenzeitlichen Objekten angetroffen wurden, also nicht Zeugnis älterer Aktivitäten am Fundplatz sind. Neben mehreren Steinbeilen der Trichterbecherkultur und der älteren Bronzezeit gehört dazu eine bronzene Vasenkopfnadel der jüngeren Bronzezeit der Variante Gretesch.

Die Wallkonstruktion der Schnippenburg kann als eine Pfostenschlitzmauer mit Pfostenbohlenwand zur inneren Abstützung rekonstruiert werden. Das ca. 1,40 bis 1,60 m hohe Trockensteinmauerwerk wurde vermutlich durch eine den Eichenspaltbohlen vorgeblendete Brustwehr aus Brettern erhöht. Die innenliegende Bohlenwand, welche überwiegend aus Buchenhölzern bestand, konnte an der Ost- und Westseite der Anlage als Wehrgang genutzt werden. An der Nord- und Südseite diente sie mit einer Breite von lediglich ca. 40 cm vermutlich nur der Abstützung der Mauerfront. Dort wo sie als Wehrgang ausgebaut war (1,2 bis 1,5 m Breite), ermöglichten mit Knüppeln belegte Erdrampen den Zugang. Eine massive Erdaufschüttung als Basis für die Wallkonstruktion fehlt ebenso wie ein vorgelagerter Graben. Teilweise wurde lediglich an der Innenseite der Befestigungskonstruktion Bodenmaterial entnommen, um die Wallbasis auszunivellieren.

Insgesamt betrachtet spricht die Konstruktion eher für ein repräsentatives Bauwerk als für eine Anlage mit primär fortifikatorischer Ausrichtung.

Die verkohlten Überreste der Eichenspaltbohlen aus der Mauerfront ermöglichten glücklicherweise eine dendrochronologische Datierung der Befestigung, deren Bauzeit nun mit 268 ± 10 angegeben werden kann und sich gut mit der archäologischen Datierung des Fundstoffes deckt.

An der Ostseite der Anlage, wo mehrere kleine Hohlwege den Sporn hinaufführen, die als eisenzeitliche Lauf- und Reitwege angesprochen werden können, befand sich eine Toranlage, deren Konstruktion derzeit u.a. Gegenstand der Grabungsauswertung ist, welche maßgeblich von der Stiftung Niedersachsen gefördert wird.

Vorläufiges Resümee

Das breite Fundspektrum, die Lage im Netz bedeutender Fernhandelsrouten sowie der starke keltische Einfluss, welchen besonders die Metallfunde widerspiegeln, deuten auf einen multifunktionalen Platz mit zentraler Bedeutung hin, der auch Ort kultischer Handlungen war. Damit ergeben sich ganz neue Aspekte bezüglich der Interpretation jüngereisenzeitlicher Burganlagen im nördlichen Mittelgebirgsraum. Die abschließende Auswertung der Grabungsergebnisse sowie umfangreiche naturwissenschaftliche Analysen geben hoffentlich weitere Aufschlüsse bezüglich der Nutzung und Funktion des Fundplatzes, wobei die Bandbreite der neu aufgeworfenen Fragen sicherlich noch zukünftige Grabungen erforderlich machen wird. Dennoch sollen die Ergebnisse der fünfjährigen Kampagne zunächst vollständig aufgearbeitet und publiziert werden. Ebenfalls ist eine Präsentation der Funde und Befunde im Rahmen einer großen Wanderausstellung geplant, die Ende April 2007 in Osnabrück ihren Auftakt nehmen soll.

Um die ersten Ergebnisse im Vorfeld der Ausstellung mit einem breiten Fachpublikum zu diskutieren, findet vom 29.03. bis zum 01.04.2006 in Osnabrück ein internationaler Kongress mit dem Titel „Keltische Einflüsse im nördlichen Mitteleuropa während der mittleren und jüngeren vorrömischen Eisenzeit“ statt.

 

Info

Auf der Internetseite des Projektes gibt es weiterführende Informationen, zahlreiche Photos und kleine Filmclips über die Arbeiten:

www.schnippenburg.de