Der geschmiedete Himmel

von: Thilo Jordan M.A.
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Bei ihrer Herstellung wurden nur Vollmond, Sichelmond und die Sterne auf die Scheibe aufgebracht. Die sich beim Betrachten der Scheibe geradezu aufdrängende, „Sonne, Mond und Sterne - Symbolik“ wurde mittlerweile zu den Akten gelegt. Als einziges erkennbares Sternbild sind die Plejaden abgebildet. Die Sonne hat sich mittlerweile als Vollmond herausgestellt.

Somit sind auf der Scheibe zwei für Ackerbaugesellschaften sehr wichtige Daten zu erkennen. Die jeweilige gemeinsame Sichtbarkeit von Sichelmond, bzw, Vollmond mit den Plejaden am Westhimmel markierten in der Bronzezeit den Anfang und das Ende des bäuerlichen Jahres, Mitte März und Mitte Oktober (s. dazu im Fundpunkt: "Das Weltbild der Scheibe").

In einer ersten Überarbeitung kamen die beiden Horizontbögen dazu. Sie bezeichnen den Bereich, in dem unser Gestirn im Laufe eines Jahres zwischen Sommersonnenwende und Wintersonnenwende auf- bzw. untergeht.

Die Himmelsscheibe en detail

3600 Jahre alt ist die Scheibe, aus der Bronzezeit und ein Weltstar, seit sie 1999 raubgräberisch „geborgen“ wurde. Mithin ist sie die bisher älteste bekannte Himmelsdarstellung und fasziniert sowohl Öffentlichkeit wie auch die Forschung. Vergleicht man sie mit Himmelsdarstellungen aus späteren Zeiten, auf denen es von mythischen und mystischen Wesen nur so wimmelt, ist „das bronzezeitliche Ding, so nüchtern wie ein Verkehrsschild“ meint Wolfhard Schlosser, Professor für Astronomie an der Universität in Bochum.

... morgens zieht ein Pferd die Sonne auf das Schiff des Tages, das die Sonne über den Himmelsozean fährt. Abends wird sie wieder von einem Pferd auf das Schiff der Nacht umgeladen und von diesem sicher durch die Unterwelt gebracht und morgens ...

Sie haben nicht nur symbolischen Charakter, sondern beziehen sich eindeutig auf die Realität. Die Winkel der Bögen, vom Mittelpunkt der Scheibe aus gemessen, entsprechen genau auf dem Wert, den die Sonne auf Höhe Magdeburg im Laufe des Jahres beschreibt.

Diese Erkenntnisse sind ein weiteres starkes Indiz dafür, dass die Scheibe in ihrer Fundregion auch hergestellt wurde und zu astronomischen Beobachtungen eingesetzt werden konnte.

Schon in antiker Zeit, bevor sie im Boden des Mittelberges vergraben wurde ging wahrscheinlich der linke Horizontbogen verloren. Möglicherweise bestand er aber auch aus einem vergänglichen Material, das sich in der Zeit von 1600 v. Chr. und 1999 n. Chr. aufgelöst hat.

In einer zweiten Bearbeitung kam die Barke hinzu. Hierbei fällt auf, dass sie als einzige verziert ist. Und sie ist das einzige wirklich rein mythologische Symbol auf der Scheibe. Da die Barke als letztes aufgelegt wurde, kann man spekulieren, dass die Scheibe von einem vormals eher astronomischen Hilfsmittel, zu einem Kultgerät gemacht oder dem zu diesem Zeitpunkt herrschenden Mythos angepasst wurde.

Die Untersuchungen ergaben, dass jeder dieser Schritte von einem anderen Handwerker ausgeführt wurde und somit auch ein jeweils zeitlicher Abstand anzunehmen ist. Als letzter Schritt in der Veränderung der Scheibe wurde sie randlich gelocht. Da an diesen Löchern keinerlei Abnützungsspuren zu erkennen sind, ist der Zweck bisher nicht zu ergründen.

Seit der Sicherstellung der Scheibe im Jahr 2002 laufen umfangreiche Untersuchungen an der Scheibe, die von den beiden Raubgräbern zuerst für den Deckel eines alten Eimers gehalten wurde. Die Frage nach dem Fundort, der Fundzusammenhänge und der Fundlage konnten anhand der Aussagen der Entdecker rekonstruiert werden. Die Scheibe wurde somit aufrecht stehend zusammen mit zwei Schwertern, zwei Beilen, einem Meißel und zwei Armspiralen im Boden als Hort deponiert. In der Ausstellung ist die wahrscheinliche Lage aller Funde als Installation zu sehen.

Dass die Scheibe echt ist, haben metallurgische Untersuchungen an der TU Bergakademie Freiberg ergeben. Zum einen ist die Patina nicht künstlich hergestellt worden, sondern muss auf natürlichem Wege entstanden sein. Einen weiteren Hinweis kann ein radioaktives Zerfallsprodukt von Uran liefern: 210Pb. Bei den meisten im Altertum üblichen Metallen, wie Kupfer, Silber und Zinn, entsteht während der Verhüttung des Erzes dieses Element, wodurch die Metalle schwach radioaktiv werden.

Diese Radioaktivität kann noch bis ca. 100 Jahre nach der Verhüttung nachgewiesen werden. Im Metall der Scheibe konnte keinerlei Radioaktivität nachgewiesen werden, somit ist sie älter als hundert Jahre. Alle diese Punkte, sowie die chemische Zusammensetzung des Metalls und die Herstellungsweise reduzieren die Wahrscheinlichkeit einer modernen Fälschung gegen Null.

Die archäometallurgischen Untersuchungen des Teams um Prof. Pernicka von der TU Freiberg gingen auch den Fragen nach Art und Herkunft der verwendeten Metalle Kupfer und Gold nach, da man sich lange Zeit unsicher war, ob die Scheibe in Mitteleuropa hergestellt oder nicht doch aus Regionen mit bronzezeitlichen Hochkulturen wie Mesopotamien, Ägypten oder Griechenland importiert wurde. Hier hätte man eher mit einem solchen Fund gerechnet.

Anhand der Spurenelemente in den Metallen kann man mit großer Sicherheit sagen, dass alle verwendeten Metalle aus Mitteleuropa stammen. Es deutet somit vieles darauf hin, dass die Scheibe auch in Mitteleuropa hergestellt wurde.

Dies könnte ein Mythos gewesen sein, den sich die Menschen vor über 3500 Jahren erzählt haben. Pferd und Schiff sorgen für den ewigen Kreislauf der Sonne. Zahlreiche Funde aus der Bronzezeit zeigen Sonne, Pferd und Schiff als Abbildung, anscheinend zentrale Punkte in der Glaubensvorstellung der Menschen.

So sind archäologische Funde nicht einfach nur alte Gegenstände, sondern sie erzählen Geschichten, berichten uns teilweise von Mythen und Vorstellungen der Menschen, die sie hergestellt haben.

Gerade die geistige Seite einer vergangenen Kultur können wir heute nicht mehr erschließen, vieles nur spekulieren, aber an einiges können wir uns annähern.

Die „Himmelsscheibe“, der „Sonnenwagen von Trundholm“, die goldene Prunkaxt von Tufalau sind nur drei von zahlreichen weiteren exzeptionellen Funden und Fundensembel der europäischen Bronzezeit, die man in der Landesausstellung „Der geschmiedete Himmel“ in Halle zu Gesicht bekommt. Doch die Ausstellung ist keine Show tollster archäologischer Funde, sondern sie lässt die Funde ihre Geschichten erzählen.

In drei Themenbereichen wird ein sehr lebendiges Bild der Bronzezeit präsentiert, wobei der Fokus auf Mitteldeutschland liegt. Kult, Religion und Mythen der Bronzezeit stehen im Zentrum der Ausstellung, daneben die weiträumigen Verbindungen und Kontakte, der Austausch von Rohstoffen und Gegenständen, aber auch von Ideen und Glaubensvorstellungen, die man aus den Funden herauslesen kann.

Und die Scheibe zieht Kreise

 

 

im Internet

Auf den Webseiten des Landesamtes für Archäologie Sachsen-Anhalt findet sich ein extra Bereich zur Himmelsscheibe.

Hier kann man sich zu allen bisherigen Forschungsergebnissen, Aktivitäten und Angeboten rund um die Scheibe informieren.

www.archlsa.de/sterne/

Das Wissen über die Bronzezeit in Mitteldeutschland ist eigentlich auf dem Stand der achtziger Jahre, beklagt François Bertemes, Direktor des Institutes für Prähistorische Archäologie an der Universität Halle. Riesige Verkehrsprojekte und die verstärkte Bautätigkeit im Zuge der deutschen Einheit ließen zahlreiche Grabungen stattfinden und erbrachten große Mengen an neuen Funden. Im Klammergriff von Rettungsgrabungen und Stellenabbau bleibt für die Auswertung jedoch keine Zeit.

Unter der Leitung von Bertemes bläst nun ein Verbund mit der Universitäten von Halle und Jena, der TU Freiberg und des Landesamtes für Archäologie Sachsen-Anhalt zu einer wahren Forschungsoffensive. „Der Aufbruch zu neuen Horizonten“ heißt das Forschungsprojekt, das sich intensivst mit der Frühbronzezeit auseinandersetzen wird. 3,6 Millionen Euro von der DFG und ebenso viele Eigenmittel sollen nun helfen all jene Fragen zu lösen, die den Archäologen schon lange unter den Nägeln brennen und jene, die sich nun neu stellen.

Neue Fragen kamen mehr als genug hinzu: Was ist mit den zwölf Kreisgrabenanlagen, die man in den letzten Jahren in Sachsen-Anhalt neu entdeckt hat und die alle in der Zeit der Himmelsscheibe angelegt wurden? Wieso, weshalb und warum wurden eigentlich die frühbronzezeitlichen Höhensiedlungen gebaut? Aber auch alte Funde und Grabungen sollen erneut ausgewertet werden.

Immer wieder wird von der 3600 Jahren alten Scheibe gesprochen. Dies ist eigentlich nicht ganz richtig. Man müsste eher sagen, dass die Scheibe zusammen mit den anderen Funden vor 3600 Jahren vergraben wurde. Archäologisch datieren kann man nur die Beifunde der Scheibe und diese wurden ungefähr 1600 v.Chr. hergestellt.

Wie viele Jahre zwischen der Herstellung der Scheibe und ihrer Niederlegung am Mittelberg liegen, kann man nur schätzen. Die Meinung vieler Forscher schwankt zwischen 100 und 400 Jahren. Die Scheibe ist also durch die Hände von mehreren Generationen gegangen. Und diese Hände haben die Scheibe immer wieder verändert. Das heutige Bild der Scheibe war nicht ihr Ursprüngliches.

Bei der Restaurierung und Untersuchung der Scheibe wurde bereits festgestellt, dass die Scheibe viermal umgestaltet wurde. Die metallurgischen Untersuchungen des Goldes unterstützen diese Beobachtung, da für die beiden Monddarstellungen und die Sterne, die beiden Horizontbögen und das Schiff jeweils andere Goldsorten Verwendung fanden.

Götter – Riten – Opfer und weiträumige Kontakte

Die zentrale Installation der Ausstellung ist eine riesige schwarze „Nachtbarke“, in der die Himmelsscheibe von Nebra, sowie die filigranen Goldschiffchen aus dem Hügelgrab bei Nors und der „Sonnenwagen von Trundholm“ (letztere aus DK) als Highlights präsentiert werden. Das Pendant dazu, die goldene „Tagbarke“, schwebt zwei Geschosse höher.

Man darf also in den nächsten Jahren auf einige neue Erkenntnisse zur Bronzezeit gespannt sein. Die Scheibe von Nebra bewegt direkt oder indirekt noch lange Zeit die Forschung.

„Nacht- und Tagbarke“ verbinden optisch die ganze Ausstellung, die auf den drei Stockwerken des Museums präsentiert wird.

Um diese zentralen Exponate gruppiert ist der erste Themenbereich »Himmelsscheibe und Sonnenwagen«. Hier wird vornehmlich den Fragen nach den Mythen und Riten der Bronzezeit in Nord- und Nordmitteleuropa nachgegangen. Denn erst mit diesem Wissen kann man das Bild der Himmelsscheibe besser verstehen.

Neben den Gestirnen ist auf der Himmelsscheibe zum erstenmal in Europa das Schiff als mythisches Element in seiner Fahrt über den Himmelsozean überliefert. Was das Schiff transportiert hat, ob Sonne oder Mond, ist mit der Scheibe allein nicht zu klären. Für den Mythos eines Sonnentransportes per Schiff und Pferd finden sich besonders in Nordeuropa auf späteren Funden und Felsbildern aus der Bronzezeit zahlreiche Hinweise.

Den ältesten wirklichen Nachweis bildete bisher der berühmten Sonnenwagen von Trundholm. Die Sonne bewältigt hier zumindest ein Teilstück ihrer täglichen und nächtlichen Himmelsreise mit Hilfe eines Pferdes. Im Laufe der Bronzezeit erscheint das Schiff fast als Tempel der Sonnenverehrung.

Die Scheibe wurde vor 3600 Jahren zusammen mit wertvollen Schwertern, Schmuck und Gerät auf dem Gipfel des Mittelberges bei Nebra niedergelegt. Sie ist nur einer von zahlreichen überlieferten Hortfunden, deren Verbreitung in der Bronzezeit ganz Europa netzartig überspannt. Diese Metalldeponierungen, ihre Eigenarten und Deutungen stehen im Mittelpunkt des zweiten Themenbereiches »Gaben an die Götter«.

Die Installation einer großen Waage leitet diesen Bereich ein. Die eine Schale mit mehreren Dutzend Bronzegegenständen gefüllt, ist dennoch leichter als die zweite Schale, die mit göttlichem Licht oder göttlicher Gunst gefüllt ist. Sehr eindeutig wird hier der ständige, jedoch unerfüllbare Wunsch der Menschen nach Ausgleich mit den Göttern dargestellt.

Die Hortfunde in Mitteldeutschland zwischen Beginn und Ende der Bronzezeit, zwischen Beil und Sichel, bieten ein einprägsames Bild dieses religiösen Phänomens. Ob nun wirklich alle Hortfunde nur rein religiös zu deuten sind, darüber kann man streiten. Bei dem Hortfund vom Mittelberg bringt Harald Meller, Landesarchäologe in Sachsen-Anhalt eine spannende These ins Spiel. Die Kombination der Beifunde der Himmelsscheibe sei fast mit denen von „Fürstengräbern“ der Frühbronzezeit zu vergleichen. Vielleicht, so Meller, wurde die Scheibe wie eine hochstehende Persönlichkeit bestattet. Die Frage nach dem Warum wird allerdings immer im Dunklen bleiben.

Der natürliche Reichtum Mitteldeutschlands - Kupfer, Salz und fruchtbare Böden - bildete die Machtgrundlage der hier ansässigen Fürsten der Frühbronzezeit. Mächtige Grabanlagen, umfangreiche Bronzeschätze, Goldschmuck und einzigartige Prunkwaffen sind als ihre Statussymbole überliefert.

Viele dieser Symbole wurden mehr als tausende Kilometer entfernt in weiten Teilen Europas verstanden und verwendet. Die „Fürsten“ von Leubingen und Helmsdorf waren Teil einer großen Gemeinschaft. »Die weite Welt im Herzen Europas« bildet den Rahmen des dritten Themenbereiches.

Zahlreiche Modelle, Installationen, Filme und Animationen visualisieren die bisherigen Forschungsergebnisse und geben Antworten auf die vielen Fragen, die sich durch die Himmelsscheibe stellen: „Warum ist das Schiff auf der Scheibe?“, „Ist die Scheibe echt?“, „Wo kommt das Metall her?“ oder „Warum wurde sie begraben?“, um nur wenige zu nennen.

Um die Antworten zu sehen und nicht bloß zu lesen, dafür muss und soll man nach Halle fahren und sich selbst einen Eindruck der Ausstellung machen.

 

"Der geschmiedete Himmel" - Ausstellung in Zahlen

1600 Exponate aus den Beständen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle sowie von 68 Leihgebern aus 18 Ländern illustrieren die Kontakte vom östlichen Mittelmeer (Libanon) bis zu den Britischen Inseln, von Spanien bis nach Skandinavien.

Die archäologischen Schätze - Grabbeigaben, Kultgeräte, goldener Schmuck, reich verzierte Waffen, umfangreiche Horte - werden auf ca. 1400qm und verteilt über drei Stockwerke im frisch sanierten historischen Museumsbau präsentiert.

Gesamtleitung: Dr. Harald Meller
Projektleitung: Dr. Regine Maraszek
Gestaltung: Juraj Lipták (München) Karol Schauer (Salzburg)

[zur Homepage der Ausstellung]

Denjenigen, denen der Weg zu weit ist, sei hier der sehr gut gemachte Ausstellungskatalog empfohlen. Er gibt einen umfassenden Einblick in die Epoche und stellt die bisherigen Forschungen auf sehr ansprechende und sehr verständliche Art dar. Der „Starschnitt“ des „Sonnenwagens von Trundholm“ ist gelungen, größer kann man ihn nur noch im Original sehen.

Herauszuheben ist die effektvolle Lichtführung der Ausstellung und Bilder durch den Fotografen Juraj Liptak, der es dadurch versteht den Blick auch auf kleinste Details zu lenken. Dieses Sichtbarmachen zu übersehender Feinheiten hilft aus den prächtigen geheimnisvollen Einzelstücken, Teile des Lebensumfeldes der Menschen dieser vergangenen Epoche zu machen.

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