»Der die Mittagshitze tränkt, bei dessen Brüllen die Menschen erstarren«

Die Wettergottgestalten Mesopotamiens und Nordsyriens im Zeitalter der Keilschriftkulturen

Naturschauspiel und Götterwelt

Wie die Gestirne gehören Sturm und Gewitter, mit ihnen aber auch Donner, Blitz, Wolken und Winde zu den überwältigen Naturschauspielen am Himmel, die dem unmittelbaren Zugriff des Menschen entzogen sind. Die zerstörerische Gewalt von Sturm und Blitzschlag bedroht die Existenzgrundlage von überwiegend agrarisch geprägten Gesellschaften ebenso unmittelbar wie ausbleibende Regenfälle oder aber Niederschlag im Übermaß, der zu verheerenden Überschwemmungen führt. In allen altorientalischen Kulturen kennt man daher mächtige Göttergestalten, die in besonderer Weise als Verkörperung des Gewitters und als Herr über Donner, Blitz, Regen und Winde gelten.

Gelegentlich zeigt dabei der Name des jeweiligen Gewittergottes (im deutschen Sprachgebrauch meist: "Wettergott") noch recht deutlich, daß hinter der komplexen Göttergestalt mit all den Eigenschaften und Zuständigkeiten, die ihr zugeschrieben werden, das numinos erfahrene Naturphänomen steht. So trägt der semitische Wettergott, dessen Verehrung in Nordsyrien, Obermesopotamien, Assyrien und Babylonien schon in der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends nachgewiesen werden kann, den Namen Hadda (später Adad, Haddu, Hadad u.ä.). "Hadda" aber bedeutet eigentlich "Donner".

Die Protagonisten: Ischkur, Adad, Teschob und Baal

Der semitische Wettergott Hadda gehört schon um die Mitte des 3. Jt. v. Chr. im nordsyrisch-obermesopotamischen Raum in vielen Städten zu den prominentesten Göttergestalten. Sein wichtigstes Heiligtum liegt im nordsyrischen Chalab, dem heutigen Aleppo; der Hadda von Chalab genießt über die unmittelbare Umgebung hinaus hohes Ansehen.

In Babylonien verbindet man Hadda, dessen Name dort die Form Adad annimmt, mit dem sumerischen Sturmgott Ischkur. Dieser gilt jenseits seiner Kultstadt Karkar insbesondere in Südbabylonien als nachrangiger Gott und wird vor allem mit dem zerstörerischen Wirken von Sturm und Hochflut assoziiert, spielt doch die vegetationsfördernde Wirkung des Regens in der vom Bewässerungsfeldbau geprägten Landwirtschaft Babyloniens eine untergeordnete Rolle.

In der Ur-III-Zeit (um 2000 v. Chr.) führen dynastische Heiraten der Herrscher mit nordbabylonischen Prinzessinnen zu einer gewissen Aufwertung des Ischkur- bzw. Adad-Kultes. Doch erst im Zuge der Etablierung amurritischer, also aus dem obermesopotamisch-syrischen Raum stammender Dynastien im frühen 2. Jt. vollzieht sich auch in Babylonien der Aufstieg Adads in den Kreis der großen Götter. Chalab, der wichtigste Kultort des Gottes in Vorderasien, wird in dieser Zeit zum Zentrum eines Reiches, das mit den Fürsten von Mari, Assur und Babylon um die Vorherrschaft in Obermesopotamien konkurriert. Der Wettergott von Chalab, nun Haddu (bzw. Addu) genannt, gilt als Reichsgott und König der Götterwelt.

Schon in der ersten Hälfte des 2. Jt. begegnen neben amurritischen Dynastien auch hurritische Fürstenhäuser in Obermesopotamien. Deren zunehmende Dominanz, die mit der weitreichenden Vormachtstellung des Reiches von Mittani im 15. und 14. Jh. ihren Höhepunkt erreicht, kennzeichnet den Beginn einer neuen Epoche. Der hurritischen Götterwelt aber steht wohl seit alters der Wettergott und Götterkönig Teschob vor; er ist das Haupt des Reichspantheons von Mittani. Die alten Kultorte des Haddu, insbesondere Chalab, bestehen als Stätten des Teschob-Kultes fort, und auch in den mit Teschob verbundenen Mythen findet man immer schon ein Miteinander nordsyrisch-obermesopotamischer, babylonischer und ursprünglich hurritischer Traditionen vor.

Fiktion und Institution

Mit jeder altorientalischen Gottheit verbindet sich eine Fülle von Fragestellungen, die man einem fiktionalen Bereich einerseits und einem realkundlichen Bereich andererseits zuordnen kann.

Auf den fiktionalen Bereich erstrecken sich Fragen nach der Zuständigkeit und typischen Tätigkeiten der fraglichen Gottheit, nach ihrer Einordnung in die Götterwelt und ihrer Interaktion mit anderen Gottheiten, Menschen, Fauna und Flora - kurz: Welche Geschichten erzählt man von der jeweiligen Gottheit? Antwort auf diese Fragen bieten nicht nur die narrativen Texte im eigentlichen Sinn, also Mythen und zu Epitheta geronnene mythische Stoffe in Hymnen, Gebeten und Weihinschriften, sondern vor allem auch die Ordnungsentwürfe der theologischen Systematik, also die Götterlisten. Diese strukturieren in der Form ein- oder mehrspaltiger Listen die Götterwelt hierarchisch und ordnen typologisch verwandte Gottheiten einander zu.

Zum realkundlichen Bereich gehören die Fragestellungen, die sich in erster Linie mit dem Kult der jeweiligen Gottheit beschäftigen, also mit dessen Verbreitung und Institutionen, den Heiligtümern. Neben den Tätigkeiten an den einzelnen Heiligtümern, die sich unmittelbar auf die eigentliche Versorgung und Verehrung der Gottheit beziehen, muß auch der Tempelbetrieb als ganzer, seine Ländereien, Werkstätten etc. beachtet werden. Die Quellenbasis beschränkt sich daher nicht auf die religiöse und theologische Literatur, sondern muß letztlich durch eine Sichtung der gesamten schriftlichen Überlieferung gewonnen werden.

König der Götter, Sieger über die Chaosmacht

Das wichtigste mythologische Motiv, das den Herrschaftsanspruch des Wettergottes in der Götterwelt begründet, kreist um den Sieg des Gottes über das Meer: Ein Gesandter des Zimri-Lim von Mari (18. Jh. v. Chr.) berichtet seinem Herrn in einem Brief von einem Orakelspruch des Haddu von Chalab. Der Reichsgott des mächtigen Jamchad mit seiner Hauptstadt Chalab mahnt den König am Mittleren Euphrat, seinen Weisungen - und das heißt letztlich: den Befehlen des Königs von Jamchad - Folge zu leisten. Der mächtige Haddu von Chalab selbst - so das Orakel - habe ja dem Zimri-Lim die Königswürde verliehen. Bei der Investitur aber habe er dem König von Mari die Waffen übergeben, mit denen er, der Gott, einst das Meer besiegt und so die Königsherrschaft unter den Göttern erlangt habe.

Dieses Grundmotiv vom Sieg über das Meer, das hier in enger Verflechtung mit der Königsideologie der Herrscher von Jamchad bezeugt ist, wird zu einem festen Bestandteil der mythologischen Erzählungen um die verschiedenen Wettergottgestalten des obermesopotamisch-nordsyrischen Raums:

Der hurritische Teschob entthront - ganz wie der griechische Zeus in der Theogonie des Hesiod - seinen Vater Kumarbi. Dieser aber versucht, mit Hilfe verschiedener Listen das Königtum im Himmel wiederzuerlangen. Zu den wichtigsten Verbündeten des Kumarbi gehört dabei das Meer, und erst in einem Sieg über das Meer kann Teschob sein Königtum endgültig sichern.

Die ugaritischen Mythen um den Wettergott Baal erzählen nicht nur von dessen Tod im Kampf gegen den Gott Mot und seiner Wiederkehr mit den Regenfällen des Frühjahrs. Sie berichten auch vom Kampf des Baal gegen den Meergott Jam, der mit ihm um das Königtum unter den Göttern streitet. Ebenso lassen sich in der hethitischen und in der ägyptischen Mythologie Einflüsse nachweisen.

In Babylonien und Assyrien kannte man ähnliche Mythen um junge kriegerische Götter, die im Sieg über den rebellischen Feind, die Chaosmacht, ihren Vorrang unter den Göttern erweisen. Vor allem verband man dieses Motiv mit dem Gott Ninurta, aber auch dem sumerischen Ischkur werden ähnliche Taten zugeschrieben. Seine volle Entfaltung fand das Motiv im babylonischen Weltschöpfungepos Enuma elisch, das die außerordentliche Stellung Marduks unter den Göttern begründet. Marduk aber kämpft nicht gegen einen beliebigen Feind, sondern - ganz wie die verschiedenen Wettergottgestalten - gegen Tiamat, das (Ur-)Meer.

Schließlich begründen auch diverse alttestamentliche Texte die Königsherrschaft Jahwes mit seinem Sieg über das Meer und die in ihm hausenden Chaosmächte: "Gott ist ja mein König von alters her, der alle Hilfe tut, die auf Erden geschieht. Du hast das Meer gespalten durch deine Kraft, zerschmettert die Köpfe der Drachen im Meer" (Ps 74:12f). So lebt ein Grundmotiv altorientalischer Mythologie, das vor allem mit den verschiedenen Wettergottgestalten verbunden wurde, bis in die religiöse Kultur der Gegenwart fort.

Einheit und Vielfalt

Zu den wesentlichen Kennzeichen aller altorientalischen Kulturen im Vorderasien des 3.-1. Jt. v. Chr. gehört die Zwei- oder Mehrsprachigkeit. Die schriftliche Überlieferung Babyloniens etwa ist von früh an sowohl von der sumerischen wie auch der akkadischen Sprache geprägt. Mit der Adaption der babylonischen Keilschrift im gesamten altorientalischen Kulturraum entstehen nicht nur zahllose Verbindungen und Kontakte zwischen den verschiedenen Regionen Vorderasiens, sondern auch ein gemeinsamer Bildungshorizont, an dem jedenfalls die jeweiligen Eliten partizipieren.

Der Sprachkontakt ist natürlich nur ein Ausfluß des engen Nebeneinanders, gelegentlich auch Ineinanders ursprünglich verschiedener Kulturen. Solche Kontaktsituationen wirken sich selbstverständlich ebenso auf die religiösen Traditionen aus, die in einer bestimmten Region gepflegt werden. So konnten auch Göttergestalten unterschiedlicher Herkunft, wenn die Zuständigkeiten und Eigenschaften, die man ihnen zuschrieb, verwandt erschienen, miteinander verbunden und schließlich so weitgehend miteinander identifiziert werden, daß die beiden ursprünglich selbständigen Gottheiten zu einer Göttergestalt verschmolzen.

Eine religionshistorische Untersuchung der prominentesten Wettergottgestalt der babylonisch-assyrischen Götterwelt, des Gottes Adad, muß also von vornherein auch diejenigen Göttergestalten berücksichtigen, die mit Adad aufs engste verbunden wurden.

Dem Adad, dem Kanalinspektor des Himmels und der Erde, dem erhabenen Herrn der Gesamtheit - der Gewaltige unter den Göttern, der Ehrfurchtgebietende, dessen Stärke keiner gleichkommt, der die reine Peitsche trägt, der die Meere aufrührt, der den Ring der Winde hält, der Wasser in Fülle hält, der den Regen regnen läßt, der den Blitz blitzen läßt, das Grün ins Dasein ruft, bei dessen Brüllen die Berge schwanken, die Meere wogen, der barmherzige Gott, dessen gnädige Zuwendung Leben bedeutet, der in Kurba'il, dem reinen Heiligtum wohnt, ...

Beginn einer Weihinschrift
Salmanassars III. an Adad (9. Jh. v. Chr., Assyrien)

Zugleich etabliert sich seit dem späten 16. Jh. entlang des palästinisch-syrischen Küstenstreifens der ursprüngliche Beiname Baal ("Herr") als eigenständiger Name des Wettergottes, dessen alter Name Haddu in dieser Landschaft schließlich ganz zurücktritt. In Babylonien und Assyrien ist der Wettergott jedoch weiterhin als Adad bekannt; besonders in Assyrien fördern die Könige den Kult des Gottes, der neben seinem großen Heiligtum in Assur selbst vor allem in der nordassyrischen Stadt Kurba'il einen auch überregional bekannten Tempel besitzt. Der neuassyrische Herrscher Salmanassar III. weiht dem Adad von Kurba'il eine Statue.

In Nordsyrien und Obermesopotamien dokumentieren die Textquellen im frühen 1. Jt. nach dem Untergang der spätbronzezeitlichen Staatenwelt um 1200 v. Chr. eine erneute Blüte des Wettergottkultes, nun - je nach Region und Provenienz des Herrscherhauses - im aramäischen, luwischen (späthethitischen) oder phönizischen Gewand. Dabei leben in der Verehrung des aramäischen Hadad, des luwischen Tarchunzas und des phönizischen Baal spätbronzezeitliche Traditionen fort und finden auf diesem Weg Eingang in die griechisch-römische Kultur.

Das Gold des Adad

Die ökonomische Bedeutung, die die bedeutenden Heiligtümer des Wettergottes in den jeweiligen Städten besaßen, veranschaulicht eine Episode, die uns aus dem Archiv des altassyrischen Kaufmanns Pusur-Aschur bekannt ist (19. Jh. v. Chr.): Ein Geschäftspartner des Pusur-Aschur namens Sabasija ist in Geldnot geraten, da er "das Gold des Adad", also ein Darlehen des Adad-Tempels in Assur, nicht zurückzahlen kann.

Verzweifelt bittet Sabasija seinen Partner, die nötigen Finanzmittel irgendwie aufzutreiben. In seinen Briefen nennt er dem Pusur-Aschur zahlungsunwillige Schuldner, die dieser unter Druck setzen solle: "Öffnet den Tresor und öffnet die Urkunden! Holt die Urkunde über die 10 Minen Silber des Zinsdarlehens des Alabum ... !" Offenbar gibt es aber auch innerhalb der Familie Streit; denn Mutter und Bruder des Sabasija verweigern dem Pusur-Aschur den Zugang zu den wichtigen Dokumenten. In seiner Not versucht Sabasija rasch, geschmuggelte Waren zu versilbern, um damit die Forderungen des Wettergottes zu erfüllen. Doch auch hier kommt es zu Unregelmäßigkeiten. Denn schließlich verklagt Pusur-Aschur selbst den Sabasija, um eine Klärung der Forderungen des Adad-Tempels zu erreichen.

Daß der Adad-Tempel in Assur nicht nur in diesem Einzelfall mit hohen Krediten im Fernhandel engagiert war, bezeugen andere Geschäftsarchive, in denen auf "das Silber" oder "das Gold des Adad" Bezug genommen wird.


Der Kurzbeitrag gibt ein Resümee der umfassenden Untersuchung, die der Verfasser vorgelegt hat: D. Schwemer, Die Wettergottgestalten Mesopotamiens und Nordsyriens im Zeitalter der Keilschriftkulturen. Materialien und Studien nach den schriftlichen Quellen, Wiesbaden 2001. Vgl. danach noch J.-M. Durand, Le Culte d'Addu d'Alep et l'affaire d'Alahtum (Mémoires de NABU 8 = Florilegium marianum 7), Paris 2002.