Vollgriffdolche als Statussymbole frühbronzezeitlicher Eliten

von: Dr Stefan Schwenzer
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Die gezeigten Beispiele verdeutlichen, dass es durch eine gezielte Untersuchung und Differenzierung der Herstellungstechnik möglich ist, Verbreitungsmuster herauszuarbeiten in denen unterschiedliche Werkstattkreise oder Werkstatttraditionen erkennbar werden. Dass diese Werkstattkreise ohne Zweifel in enger Kommunikation miteinander standen, belegt das Vorkommen verschiedener Herstellungstechniken bei Vollgriffdolchen des gleichen Typs.

Darüber hinaus zeigt der Nachweis der aufwändigen Guss- und Herstellungsverfahren kombiniert mit der Verwendung von Gold, Bernstein und anderer organischer Materialien (Abb. 7), dass es nicht allein die Funktion als Waffe oder Werkzeug war, die den Wert der Vollgriffdolche ausmachte. In ihnen manifestiert sich ein Maß an Luxus, der den Dolchen über die profane Funktion hinaus eine Symbolfunktion gab, die seinen Besitzer zweifellos als hervorgehobene Persönlichkeit kennzeichnen sollte. Mehrfach wurden Vollgriffdolche als Teil einer reichen Grabausstattung gefunden (Hafner 1995). In der Schweiz kann das Grab 1 von Thun-Renzenbühl als Beispiel angeführt werden (Abb. 8). In Polen wurde in der Nebenbestattung des Grabhügels 1 von Leki Male ebenfalls ein Vollgriffdolch gefunden. Doch auch die Tatsache, dass Vollgriffdolche vielfach in reich ausgestatteten Hortfunden auftreten, zeigt ihre besondere Bedeutung (Abb. 9). Zweifellos wurden sie im Rahmen von Opferhandlungen zusammen mit den anderen Teilen des Hortes deponiert. Dabei konnten die Dolche sowohl aus dem Besitz einzelner, herausragender Personen der opfernden Gruppe stammen, als auch als Besitz der gesamten Gemeinschaft geopfert worden sein. Das gemeinsame Vorkommen von Dolch- und Stierdarstellungen auf frühbronzezeitlichen Felsbildern gibt darüber hinaus einen weiteren Hinweis auf den religiösen Symbolgehalt der Dolche in der Frühbronzezeit (Abb. 10).

Entstanden sind die Vollgriffdolche in einem nach archäologischen Massstäben relativ kurzen Zeitraum. Die ältesten Stücke wurden wohl um 2000 v.Chr. oder kurz danach in Italien und in der Westschweiz produziert. Nur wenig später gelangte die Technik auch in den Raum der Aunjetitzer Kultur, wo die ältesten Stücke etwa um 1900 v.Chr. hergestellt worden sein könnten. Erst am Ende der Frühbronzezeit um 1600 v.Chr. wurden die prachtvollen Dolche allmählich durch die neu aufkommenden Schwerter ersetzt.

Der Begriff Vollgriffdolche bezeichnet eine Materialgruppe, die zu den ältesten Prunkwaffen Europas zählt. Es handelt sich um bis zu 45 cm lange Dolche deren Griffe aus Bronze gegossen wurden. Die zwischen 4000 und 3600 Jahre alten Stücke dienten ihrem Besitzer nicht nur als Waffe und Werkzeug sondern waren auch Repräsentationsobjekte, mit denen sich die damalige Oberschicht schmückte.

Auch in Italien sind die sogenannten Vollgriffdolche wahrscheinlich nicht ohne äußeren Einfluss entstanden. In Vorderasien sind schon in der Zeit um 2500 v.Chr. Prunkdolche als Grabbeigaben in Königsgräbern belegt. Neue Gusstechniken, wie der Guss auf Tonkern mit Kernhaltern, sind zu dieser Zeit ebenfalls im Vorderen Orient nachzuweisen. Schon seit längerem vermutet man auch den Ursprung der europäischen Zinnmetallurgie im Vorderen Orient, nachdem ältere Forschungsansätze, die eine unabhängige Entstehung in Europa vertraten, widerlegt werden konnten. Ob die Zinnmetallurgie über das Karpatenbecken und die Donau oder von Westen, aus dem Bereich der Atlantischen Frühbronzezeit kommend, Mitteleuropa erreichte, wird heute wieder kontrovers diskutiert (Rassmann 2003). Auch ein dritter Weg, der die Zinnmetallurgie zusammen mit neuen Gusstechniken und der Sitte sich mit Prunkdolchen auszustatten über das Mittelmeer nach Italien gebracht haben könnte, erscheint angesichts der exponierten Lage Italiens im Mittelmeer nicht unwahrscheinlich.

Das technische und kulturelle Phänomen der frühbronzezeitlichen Prunkdolche breitete sich von Süden kommend rasch über große Teile Europas aus. Die Zentren der Verbreitung sind dabei eng mit den Zentren wichtiger frühbronzezeitlicher Kulturen verbunden: die Poladakultur in Italien, die Rhônekultur in der Westschweiz und Ostfrankreich, die Gruppen der nordalpinen Frühbronzezeit und die Aunjetitzer Kultur in Böhmen, Ostdeutschland und Polen. Diese relativ schnelle Ausbreitung der neuen Technik über einen so großen Raum spricht dafür, dass bereits in der Frühbronzezeit weitreichende und gut funktionierende Kommunikationsnetze zwischen diesen Kulturen bestanden. Wahrscheinlich waren es lokale Eliten, die diese Austauschbeziehungen über größere Entfernung unterhielten. Sie kontrollierten wohl nicht nur den Handel mit Rohstoffen (vgl. z.B. Bartelheim 2002), sondern ebenso den Austausch technischer Fertigkeiten.

Mit Prunkwaffen wie den Vollgriffdolchen demonstrierten diese frühbronzezeitlichen Eliten ihren sozialen Status und vielleicht auch ihre Gruppenzugehörigkeit. Sie opferten ihre Dolche den Göttern oder nahmen sie selbst mit in ihr Grab, um auch nach dem Tod mit den Zeichen ihrer Macht ausgestattet zu sein.

Zu den aufwändigsten Waffen der frühen Bronzezeit zählen die sogenannten Vollgriffdolche (Abb. 1). Die Griffe dieser Waffen wurden ganz oder zum größeren Teil aus Bronze gegossen, daher die Bezeichnung "Vollgriff". Diese Prunkwaffen waren in der Frühbronzezeit in weiten Teilen Europas verbreitet. Ihr Vorkommen reicht von Italien bis an die Ostseeküste (Abb. 2). Ihre weite Verbreitung hat die Materialgruppe der Vollgriffdolche schon früh zu einem wichtigen Forschungsobjekt der Archäologie werden lassen. Schon Oscar Montelius (1900) beschäftigte sich mit ihnen und vermutete ihren Ursprung in Italien. Dagegen sah sich Otto Uenze (1938), der die Vollgriffdolche erstmals zusammenfassend monographisch aufarbeitete, nicht in der Lage, die Herkunft dieser Dolche näher zu bestimmen. Die Arbeit Uenzes, in der er die Vollgriffdolche in sieben Typen untergliederte, blieb zugleich lange Zeit die einzige umfassende Bearbeitung dieser Materialgruppe. So war eine Neubearbeitung schon seit längerem ein Desiderat der Forschung. Diese konnte im Rahmen einer Dissertation an der FU Berlin durchgeführt werden.

Es war dabei durch die Zusammenarbeit mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz (RGZM) auch möglich die umfangreichen technischen Untersuchungen aus der Hinterlassenschaft Prof. Hans-Jürgen Hundts auszuwerten und damit erstmals Röntgenuntersuchungen an frühbronzezeitlichen Vollgriffdolchen in großem Umfang in die Analyse dieser Materialgruppe einzubeziehen (Hundt 1974, Schwenzer i. Druck). Die über einen längeren Zeitraum am RGZM unter der Leitung von Prof. Hundt angefertigten Röntgenaufnahmen offenbaren technische Details im Aufbau der Dolche (Abb. 3) und ermöglichen es, verschiedene Techniken des Gusses zu unterscheiden.

Literatur

  • Bartelheim 2002: M. Bartelheim, Metallurgie und Gesellschaft in der Frühbronzezeit Mitteleuropas. In: J. Müller (Hrsg.), Vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit: Muster sozialen Wandels? Tagung Bamberg 2001, Bonn 2002, 29-43.
  • Hafner 1995: A. Hafner, "Vollgriffdolch und Löffelbeil". Statussymbole der Frühbronzezeit. Arch. Schweiz 18, 1995, 134-141.
  • Hundt 1974: H.-J. Hundt, Der Dolchhort von Gau-Bickelheim in Rheinhessen. Jahrb. RGZM 18, 1971(1974), 1-43.
  • Montelius 1900: O. Montelius, Die Chronologie der ältesten Bronzezeit in Norddeutschland und Skandinavien (Braunschweig 1900).
  • Rassmann 2003: K. Rassmann, Metallurgie und Sozialer Wandel. Arch. i. Deutschl.
  • Schwenzer i. Druck: St. Schwenzer, Frühbronzezeitliche Vollgriffdolche, Monogr. RGZM.
  • Schwenzer 2003: St. Schwenzer, Metallanalysen frühbronzezeitlicher Vollgriffdolche. In: M. Bartelheim/E. Pernicka/R. Krause (Hrsg.), Die Anfänge der Metallurgie in der Alten Welt/The Beginnings of Metallurgy in the Old World. Archäometrie - Freiberger Forschungen zur Altertumswissenschaft 1, 2002.
  • Strahm 1966: Chr. Strahm, Renzenbühl und Ringoldswil. Die Fundgeschichte zweier frühbronzezeitlicher Komplexe. Jahrb. Bern. Hist. Mus. 45/46, 1965/66, 321-371.
  • Uenze 1938: O. Uenze, Die frühbronzezeitlichen triangulären Vollgriffdolche. Vorgesch. Forsch. 11 (Berlin 1938).

Die Auswertung der Röntgenaufnahmen erlaubt eine Unterteilung der Vollgriffdolche in verschiedene herstellungstechnische Gruppen, von denen hier eine Auswahl beispielhaft dargestellt werden soll. So gibt es unter den Dolchen eine große Zahl an Stücken mit einteiligem Griff, bei denen die Klinge im Anschluß an den Guss des Griffes mit Nieten an diesem befestigt wurde. Der Griff wurde bei diesen Dolchen in einem Guss hergestellt, wobei fast ausschließlich der Guss in verlorener Form angewendet wurde (Abb. 4). Bei dieser Art der Herstellung mußte im Heftbereich ein Hohlraum freigehalten werden, um hier später die Klinge einsetzen zu können. In den meisten Fällen wurde auch im Inneren der Griffsäule ein Tonkern angebracht (im Folgenden als Griffsäulenkern bezeichnet), nur bei einigen Exemplaren ist die Griffsäule massiv.

Der Tonkern im Griffbereich wurde wiederum häufig mit drahtförmigen Kernhaltern stabilisiert. Dolche deren Griffsäule auf einen Tonkern gegossen wurde zeigen eine gewisse Variationsbreite in der technischen Ausführung, die im Folgenden kurz dargestellt werden soll. Unterschiede zeigen sich besonders in der Gestaltung des Übergangs vom Griffsäulenkern zum Heftkern und in der Zahl und Positionierung des Kernhalters. Es können verschiedene Untergruppen getrennt werden, von denen an dieser Stelle drei exemplarisch vorgestellt werden sollen.

  • Dolche bei denen der Hohlraum der Griffsäule in unterschiedlicher Weise deutlich vom Heftbereich abgesetzt ist und bei denen der Kernhalter im oberen Griffbereich sitzt (Abb. 5a-c).
  • Dolche bei denen der Griffsäulenhohlraum ohne Umbruch in den Hohlraum des Heftes übergeht und der Kernhalter etwa in Griffmitte sitzt (Abb. 5d-f).
  • Dolche deren Griff auf einen Tonkern ohne Kernhalter gegossen wurde (Abb. 5g-i).

Vollgriffdolche mit deutlich vom Heftkern abgesetzten Griffsäulenkern (erste Gruppe) haben ihren Schwerpunkt in Italien (Abb. 6). Diese Gußtechnik kann als charakteristisch für italische Vollgriffdolchtypen bezeichnet werden. Auch die nördlich der Alpen gefundenen Stücke italischen Typs sind dieser gußtechnischen Gruppe zuzuordnen. Dolche der zweiten Gruppe haben ihr Verbreitungszentrum im Rhônetal und im Westalpenraum, einzelne Stücke finden sich aber auch im nördlichen Mitteleuropa. Dolche ohne Kernhalter (dritte Gruppe) sind besonders im nordöstlichen Verbreitungsgebiet der Vollgriffdolche häufig anzutreffen, kommen vereinzelt aber auch in Italien vor. Die unterschiedliche Verbreitung dieser gusstechnischen Gruppen ist sicher auf das Wirken verschiedener Werstattkreise bzw. auf verschiedene Werkstatttraditionen zurückzuführen.