Rulaman der Steinzeitheld

125 Jahre D.F. Weinlands Erzählung "Rulaman"

von: Dr. Roland Wiermann
veröffentlicht am

"Ein junger Bursche ... bringt ein eigentümliches Instrument, ein Stück von einem ausgehöhlten Baumstamm, über dessen obere runde Öffnung ein enthaartes Tierfell gezogen ist. Er nimmt es zwischen die Knie und beginnt mit den Ballen der Hände in kurzem hackenden Takt auf die Trommel zu hämmern. Hinter ihn stellt sich ein anderer Bursche mit einem noch einfacheren musikalischen Instrument. Es ist ein langer Röhrenknochen, offenbar von einem Vogelflügel, auf dem er aus Leibeskräften bläst, zwar immer denselben Ton, aber in festem Takt mit dem Trommler."

Besonders beeindruckend sind die aus Mammutelfenbein geschnitzten Tierfiguren. Sie zählen zu den ältesten erhaltenen Kunstwerken der Menschheit. In ebenso einfachen wie schönen Formen zeigen sie Wildpferde, Bisons, Mammuts, Bären, Rentiere und Löwen.

Auch einige menschliche Figuren wurden in den schwäbischen Höhlen ausgegraben. Für die Eiszeitkunst einmalig ist die 28 cm hohe, aus Fragmenten von Mammutelfenbein zusammengesetzte Figur des "Löwenmenschen" aus dem Hohlenstein-Stadel im Lonetal.

Musik aus der Eiszeit. Dies ist nur eine der poetischen Szenen aus dem Leben des "Rulaman". Er ist der Held in David Friedrich Weinlands Jugendroman über die Zeit des Höhlenmenschen und des Höhlenbären.

Viele Menschen in Schwaben kennen "Rulaman" und seine Gefährten aus ihrer Jugendzeit. Die Schauplätze von Weinlands Erzählung liegen in den Höhlen der Schwäbischen Alb, an der oberschwäbischen Donau und am Federsee.

Seit seinem Erscheinen im Jahr 1878 fand das Buch mehr als eine halbe Million Leser, es wurde in fünf europäische Sprachen übersetzt und diente als Vorlage für verschiedene Theaterinszenierungen. Im Zeitalter des Internets ist sogar eine Online-Ausgabe abrufbar.

Zum 125-jährigen Jubiläum des "Rulaman" präsentiert das Braith-Mali-Museum in Biberach die Sonderausstellung "Rulaman der Steinzeitheld". David Friedrich Weinland (1829-1915), von Haus aus Theologe und Zoologe, erzählte die Geschichte der steinzeitlichen "Aimats" zunächst nur seinen Söhnen.

Die "Aimats" lebten auf der Schwäbischen Alb und wurden von den einwandernden "Kalats" (Kelten) bedroht und vernichtet. Die Erzählung bietet neben Freundschaft, Liebe und Abenteuer kenntnisreiche Naturbeschreibungen sowie den damaligen archäologischen Forschungsstand.

Die schlanke, stehende menschliche Gestalt trägt einen Löwenkopf. Der "Löwenmensch" wurde vor etwa 32.000 Jahren im hinteren, dunklen Teil der Höhle deponiert.

Nahe der Statuette kamen Abwurfstangen vom Ren, durchlochte Zähne vom Eisfuchs, Elfenbeinanhänger sowie Waffenspitzen aus Geweih zu Tage.

Vielleicht geht der "Löwenmensch" auf das Tranceerlebnis eines Schamanen zurück. Exaltiertes Tanzen, eindringliches, rhythmisches Trommeln und Gesang können auch bei heutigen Schamanen Trancezustände auslösen.

Die Menschen berichten, sie seien in eine phantastische Welt gelangt, wo sie sich in Tiere, Pflanzen oder Gegenstände verwandeln konnten. Solche veränderten Wahrnehmungszustände könnten den "Löwenmenschen" erklären.

In Weinlands "Rulaman" ist die alte "Parre" die Schamanin der "Aimats". Als Ahne und Heilerin besitzt sie großes Ansehen unter den Tulka-Bewohnern.

Heute wissen die Archäologen jedoch, dass die altsteinzeitlichen Jäger Mitteleuropas zwischen 40.000 und 10.000 Jahren vor heute lebten, und die Ära der Kelten erst viele Jahrtausende später begann. Ein Aufeinandertreffen altsteinzeitlicher Jäger und eisenzeitlicher Bauern hat nicht stattgefunden.

Die Biberacher Ausstellung kontrastiert Weinlands Erzählung mit dem heutigen Kenntnisstand der Archäologie und inszeniert dabei wichtige Lebensbereiche der altsteinzeitlichen Menschen.

Veranschaulicht werden Themen wie Ernährung, Bekleidung, Kunst, Musik und Schamanismus mit Hilfe spektakulärer Funde aus den Höhlen der Schwäbischen Alb.

Es ist Abend. Zwei junge Männer spielen vor Rulamans Tulka-Höhle zum Tanz auf. Der eine schlägt den Rhythmus, der andere spielt eine Melodie auf der Flöte.

Vor 125 Jahren kannte Weinland die sensationellen Funde von zwei Knochenflöten aus dem Geißenklösterle bei Blaubeuren noch nicht. Denn dort wurden sie erst 1973 und 1990 freigelegt. Man fand heraus, dass die Flöten vor rund 36.000 Jahren aus den Knochen eines Singschwanes gefertigt wurden. Experimentalarchäologen bauten eine der Flöten nach und konnten ihr tatsächlich Töne entlocken.

Aus der Brillenhöhle bei Blaubeuren stammt ein Trommelschlägel aus Rengeweih. Die Form des Objektes gleicht den Trommelschlägeln der Schamanen der Sami, die noch heute jenseits des Polarkreises in Nordskandinavien leben.

In der Biberacher Ausstellung steht dem Besucher die "Parre" leibhaftig und in Lebensgröße als täuschend echt nachgebildete Figurine gegenüber, dazu "Rulaman" selbst und eine junge Steinzeitfrau.

Die Frau befördert einen heißen Stein in eine mit Fell ausgelegte Grube. Darin befinden sich Wasser, Kräuter, Wurzeln und einige Stückchen Rentierfleisch - die Zutaten einer Steinzeitsuppe.

 

"Rulaman der Steinzeitheld"

ist bis zum 22. Februar 2004 im
Braith-Mali-Museum in Biberach zu sehen.

Braith-Mali-Museum
Museumstraße 6
88400 Biberach an der Riss
Tel. 07351/51-331
www.museum.biberach-riss.de
Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailmuseum(at)biberach-riss.de

Von vielen Völkern in allen Teilen der Erde ist bekannt, dass sie erhitzte Steine in Wasser geben, um es im Tauchsiederverfahren zum Kochen zu bringen. Da in der Altsteinzeit noch keine Keramik- oder gar Metalltöpfe bekannt waren, wurden Felle als "Töpfe" benutzt. Die Jagdbeute lieferte ihren Kochtopf gleich mit.

"Rulaman" sitzt auf einem Stein und scheint zu träumen. Träumt er von der schönen "Welda"? Oder blickt er einer Rentierherde nach, die in der Ferne verschwindet?

"... so hörte man rechts in nicht zu großer Entfernung ein dumpfes Stampfen... Es war eine kleine Herde Rentiere, die die Jäger sofort an dem merkwürdigen Knattern erkannten, das die Fußgelenke dieser Tiere bei jeder Bewegung hören ließen..."