Panamá la Vieja - die erste europäische Stadt am Pazifik

Neue Forschungen der Universität Tübingen

von: Dr. Rainer Schreg
veröffentlicht am

Beispielsweise beschäftigen die Differenzierungsmöglichkeiten verschiedener sozialer und ethnischer Gruppen die deutsche Archäologie schon seit langem und die Sozialtopographie ist ein wesentliches Thema der Stadtarchäologie (z.B. Fehring 1996, 82f.).

In Panamá gab es große soziale Unterschiede; es trafen Bevölkerungsgruppen unterschiedlichster Herkunft (Europäer, v.a. aus Spanien, Indios und Afrikaner) aufeinander und vermischten sich.

Die Chronik des Don Juan Salcedo von 1640 (Salcedo 1947) zeigt deutlich, dass der ethnischen Identität grundsätzliche Bedeutung beigemessen wurde. Bei der Volkszählung von 1607, nach einem ersten deutlichen Rückgang der Einwohnerzahlen, hatte die Stadt noch über 5000 Einwohner, davon rund 70 % Sklaven. Nur 15 % der Bevölkerung waren Spanier; Mischlinge spielten in der offiziellen Statistik auffallenderweise nur eine geringe Rolle.

Die deutlichen Unterschiede des kulturellen Hintergrundes der einzelnen Bevölkerungsteile bieten ideale Voraussetzungen, die verschiedenen Gruppen mit jeweils spezifischer Sachkultur zu verknüpfen. Das ermöglicht es, die Frage der ethnischen Interpretation archäologischer Sachkultur grundlegend zu hinterfragen.

Ein weiterer wichtiger Fragenkomplex gilt dem Problem der Kulturadaption. Die Kolonisation der Neuen Welt durch die Spanier versetzte eine europäische mediterrane Kultur und Gesellschaft in ein völlig neues Umfeld mit vielfältigen neuen kulturellen Einflüssen.

Mit einer zweiten Sondage im Inneren des Gebäudes wurde ein alter, offenbar undokumentierter Grabungsschnitt an der Westwand erneut geöffnet. Es handelte sich dabei um eine nicht sehr tief reichende Schürfung, so dass die Baugrube zur Vorgängermauer der Westwand noch unberührt angetroffen wurde.

Darin lagen sorgfältig aufgestapelte menschliche Langknochen sowie Teile eines Schädels. Es handelt sich hier um eine Sekundärbestattung, die darauf hinweist, dass in diesem Areal bereits vor dem ersten Steinbau ein Friedhof bestanden haben dürfte. Schon bei früheren Grabungen wurden ähnliche Beobachtungen gemacht.

Unter dem Fußboden des Gebäudes, der wohl erst in der dritten Bauphase entstanden ist, fanden sich ebenfalls verstreute menschliche Knochen. Wahrscheinlich wurde bei Baumaßnahmen der Spitalfriedhof immer wieder angeschnitten und die Skelettreste im Spital anschließend wieder beigesetzt. Das Spital hatte mit der Stadtverwaltung eine Auseinandersetzung wegen des Umgangs mit den Bestattungen.

Sondagen im Hospital San Juan de Dios

Mitte Februar bis Mitte März 2003 führte eine achtköpfige Forschergruppe der Abteilung für Archäologie des Mittelalters des Tübinger Institutes für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters erste Ausgrabungen durch (Schreg, in Vorber.).Als Grabungsobjekt wurde das Hospital San Juan de Dios ausgewählt.

Archäologische Forschungen in Panamá

Archäologisch gesehen handelt es sich bei Panamá la Vieja um eine Stadtwüstung mit eng definierten Eckdaten (1519 bis 1671). Der Zeitraum, in dem die Stadt existierte, ist kurz genug, um grundsätzliche Datierungsprobleme auszuschließen, andererseits so lang, dass eine diachrone Betrachtung möglich erscheint.

Bereits jetzt liegt ein Chronologiekonzept vor, das eine Differenzierung einer frühkolonialen und einer spätkolonialen Phase in Panamá la Vieja ermöglicht (Rovira 2001). Im Vergleich mit anderen, heute noch existierenden Kolonialstädten sind hier optimale archäologische Forschungsbedingungen gegeben. Die Kernbereiche der Stadt sind überschaubar, gut erhalten und für Grabungen prinzipiell zugänglich.

Am 15. August 1519 gründete Pedrarias Dávila die erste spanische Stadt am Pazifik. Man wollte damit einen Zugang zum sogenannten "Südmeer" schaffen, an dem es Gerüchten zufolge reiche Goldschätze geben sollte. Erst wenige Jahre zuvor hatte Vasco Nuñez de Balboa als erster Europäer den Pazifik gesehen. In seiner Begleitung war Francisco Pizzarro, der die neue Stadt Panamá zum Ausgangspunkt seiner Expeditionen in den Süden machte.

Panama City liegt an der engsten Stelle der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika, wo sich Atlantik und Pazifik auf etwa 70 km einander annähern. Heute verbindet der Panama-Kanal die beiden Meere.

Mit der Eroberung Perus seit 1531 wurde Panamá dank dieser Lage tatsächlich zum Umschlagplatz von Goldtransporten. In der Festung der Stadt wurde das Gold gelagert, ehe es über den Isthmus nach Nombre de Dios bzw. Portobelo weitertransportiert und von dort nach Spanien verschifft wurde.

Die tropische Umwelt forderte eine Anpassung der Wirtschaftsweise und der Architektur. Auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen waren extremen Veränderungen unterworfen: Es waren vor allem Männer, die in die spanischen Kolonien kamen.

Das hatte Auswirkungen auf die Bevölkerungszusammensetzung und führte zu einer wesentlich stärkeren Durchmischung verschiedener Bevölkerungsgruppen und gegenseitiger kultureller Beeinflussung als dies beispielsweise im britischen Nordamerika der Fall war.

Der Keramikbestand der Kolonialstadt zeigt klar die verschiedenen kulturellen Einflüsse: Die europäische Tradition ist mit rauwandiger Drehscheibenware, die in erster Linie für die Amphoren Verwendung fand, mit glasierter Drehscheibenware und mit Majolica vertreten.

Dabei werden europäische Importe allmählich von kolonialen Produkten in den Hintergrund gedrängt. Grobe handgemachte Keramik scheint am ehesten einheimische bzw. afrikanische Traditionen zu vertreten.

Bei der Aufstellung der Todesfälle bei der Volkszählung 1640 sind auffallenderweise die Toten des Spitals ausdrücklich nicht berücksichtigt (Salcedo 1947). Beim derzeitigen Grabungsstand kann allerdings auch nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um Reste eines benachbarten indianischen Bestattungsplatzes handelt. Hier werden 14C-Daten weiterhelfen müssen.

Mit geophysikalischen Prospektionen und zwei weiteren Grabungsschnitten wurde das östlich anschließende Areal untersucht. Dabei wurden zwei Streifenfundamente aus Mörtel und großen Kieselsteinen angetroffen, die zu einer Holzkonstruktion gehören.

Obgleich die stratigraphischen Beziehungen bisher nicht eindeutig geklärt sind, spricht manches dafür, dass es sich um Reste einer Vorgängerbebauung handelt, die dem bestehenden Steinbau vorausging.

Die Ergebnisse der kurzen Kampagne brachten zwar noch keine gesicherten Aussagen, zeigten aber, dass hier grundsätzliche gute Forschungsvoraussetzungen bestehen.

Die Erhaltungsbedingungen sind sehr gut, wenngleich stratigraphische Beobachtungen durch die starke Durchsetzung des Bodens mit Wurzeln und Tiergängen von Ameisen, Termiten und Schlangen erschwert werden.

Das Hospital San Juan de Dios liegt an einer der Hauptachsen der Stadt, etwa 30 m von der heutigen Küstenlinie entfernt. Erhalten haben sich die Außenmauern eines großen Gebäudes, dessen genaue Funktion derzeit noch unklar ist.

Nach Osten schließt sich eine große Freifläche an, die von der nördlich verlaufenden Straße durch eine teilweise noch 6 m hohe Mauer getrennt ist. Eine Brunneneinfassung in diesem Bereich ist allerdings nicht historisch, sondern ist das Produkt romantisierender Denkmalpflege - tatsächlich war die schlechte Trinkwasserversorgung in Panamá ein großes Problem.

Aus schriftlichen Quellen ist bekannt, dass bald nach Gründung der Stadt ein Spital San Sebastian eingerichtet wurde, das jedoch in finanzielle Schwierigkeiten geriet und um 1640 an den Orden der Barmherzigen Brüder überging. Es wurde Noviziatshaus und Amtssitz des Provinzials des Ordens, dessen Begründer San Juan de Dios (Johannes von Gott) zum neuen Patron des Spitals wurde.

Es hatte zwei Abteilungen: eine Abteilung mit 120 Betten für Männer und eine mit 30 Betten für Frauen. Innerhalb eines Zeitraumes von 7 Jahren wurden 8400 Kranke im Hospital versorgt.

Archäologische Untersuchungen haben bisher jedoch nur in geringem Umfang stattgefunden. In den 1960er Jahren hatte die University of Florida (Gainesville) kleinere Sondagen durchgeführt und dabei unter anderem in dem heute überbauten Gebiet am Stadtrand eine Töpferei gefunden, in der Majolica hergestellt wurde (Goggin 1968).

Verschiedentlich haben auch in der Kanalzone stationierte US-Soldaten Grabungen durchgeführt - unter anderem in einem indianischen Gräberfeld nahe des Ruinengeländes. Zahlreiche Grabungsschnitte sind heute im Gelände zu erkennen, doch liegen in Panama darüber keinerlei Informationen vor.

In den letzten Jahren konnte die Stiftung "Patronato Panamá viejo" einige Notgrabungen und kleinere Untersuchungen durchführen (Rovira/ Martín-Rincon 2001; Rovira/ Martín-Rincon 2002). In einem modernen Museumsbau werden Funde präsentiert.

Für eine systematische Erforschung des Geländes werden ausländische Partner benötigt. Über die deutsche Botschaft kontaktierte das Patronato Panamá viejo das Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und bat um Mithilfe. Dass man hier an die deutsche Mittelalterarchäologie gedacht hat, zeugt davon, dass sie international einen guten Ruf besitzt.

In Panama hofft man insbesondere, im Bereich der Grabungstechnik zu profitieren und durch einen Vergleich mit den Verhältnissen in Europa auch neue Interpretationsansätze zu gewinnen. Anknüpfungspunkte bieten hier die Themen der Stadtarchäologie, aber auch die Erforschung der Klöster, Kirchen und Gräberfelder.

Die Stadt wurde Bischofssitz, entwickelte sich zu einem Verwaltungszentrum mit etwa 10.000 Einwohnern. Entlang der Hauptstraße, die parallel zur Küste verlief, reihten sich mehrere Klöster auf. In den Randbereichen lebten die Angehörigen der sozialen Unterschichten in eher armseeligen Hütten. Wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Mittelpunkt der Stadt war die Plaza Mayor mit einer Kathedrale, der Residenz des Bischofs sowie repräsentativen Bürgerhäusern.

Nicht weit von der Plaza lagen die Casas Reales (Gebäude der königlichen Verwaltung) innerhalb einer Holz-Erde-Festung, die durch einen schmalen Kanal von der Stadt getrennt war. Diese Festung war - abgesehen von einer kleineren Bastion an der Westseite der Stadt - die einzige militärische Sicherung der Stadt.

Bei einem Überraschungsangriff englischer Piraten wurde die Stadt 1671 vollständig zerstört. Henry Morgan nahm sie nach einer Schlacht ein und brannte sie nieder.

1673 erfolgte ein Wiederaufbau an anderer, besser gesicherter Stelle. Die damals neu angelegte Stadt bildet den Kern des modernen Panamá City. Panamá la Vieja ist seitdem eine Stadtwüstung.

Im Europa des 16. Jahrhunderts spielen solche "primitive" Herstellungstechniken keine Rolle. Entsprechende Funde liegen auch aus den Wohnquartieren der Oberschicht an der Plaza Mayor sowie dem Bischofspalast vor.

Hier wird deutlich, das das Vorkommen einzelner Warenarten allein kein Kriterium für eine pauschale ethnische Zuweisung der Bewohner sein kann - ein durchaus übliches Interpretationsmuster.

Man wird dabei natürlich auch an Verlagerungen zu denken haben, aber auch mit gewissen funktionalen Präferenzen rechnen müssen. So ist es denkbar, dass in der von schwarzen Sklaven versorgten Küche des Bischofs kreolische handgemachte Ware dominiert, an seiner repräsentativen Tafel aber europäische Majolica verwendet wurde.

Forschungsinteressen

Aus der Sicht der deutschen Archäologie des Mittelalters ist ein Forschungsprojekt in Panama sicher ungewöhnlich, um nicht zu sagen exotisch. Die Gründe, sich auf ein archäologisches Projekt in Panamá einzulassen, liegen letztlich nicht in einem Interesse für europäische Kolonialgeschichte oder für die Ortsgeschichte von Panamá, sondern in einigen eher kulturanthropologischen Fragestellungen, mit denen sich die deutsche Archäologie in vielen Bereichen auseinanderzusetzen hat.

Stadtentwicklung, Stadtplanung, Bebauungs- und Parzellenstruktur, die zugehörige Infrastruktur, aber auch Architektur und Baugeschichte sowie die städtische Sachkultur sind zentrale Themen der europäischen Stadtarchäologie, doch fehlt es diesbezüglich an einer klaren methodisch-theoretischen Konzeption der einschlägigen Forschungen.

Panamá la Vieja bietet gute Voraussetzungen, diesen Themen exemplarisch nachzugehen: Die Gründung der Stadt ohne Bindung an ein älteres Siedlungsgefüge, die Existenz schriftlicher Quellen sowie die extremen Gegensätze zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen der Stadt, aber auch das weitgehende Fehlen späterer Nutzung, ermöglicht eine leichtere Abstraktion und kann damit einen wichtigen Beitrag für die archäologische Theoriebildung und Methodenentwicklung leisten (vergl. Scholkmann 2001; Schreg 1999; Schreg 2001).

Tübinger Grabungen

Die Tübinger Grabungen setzten am Spital an, da hier eine typische Befundsituation vorzuliegen scheint und zudem Aussicht bestand, auch mit Grabungen geringen Umfangs neue Aussagen zur Baugeschichte zu gewinnen.

Angelegt wurden wenige kleine Grabungsschnitte, deren vorrangiges Ziel es war, die Erhaltungsbedingungen vor Ort zu klären.

Das Ruinengelände, das vor hundert Jahren noch weitgehend von Urwald bedeckt war, geriet seit den 1960er Jahren in die Wachstumszone des modernen Panamá City, der Hauptstadt der mittelamerikanischen Republik Panamá.

Grosse Teile des rund 10 km östlich des Stadtzentrums gelegenen Vorortes Panamá Viejo sind damals auf Staatsland - dem ehemaligen Stadtgebiet - illegal entstanden.

Der Streifen entlang der Küste, in dem sich auf eine Länge von rund 800 m die teilweise noch sehr eindrucksvollen Ruinen befinden, blieb jedoch von der modernen Bebauung ausgespart.

Der Kernbereich der alten Kolonialstadt mit der Kathedrale sowie einigen Klöstern wurde als Park gestaltet. Seit einigen Jahren laufen verstärkte Bemühungen um den Erhalt und die Erforschung der Stadt.

Die denkmalpflegerische Betreuung und Erforschung der Ruinenstadt liegt in den Händen der 1995 gegründeten Stiftung "Patronato Panamá viejo", die vor Ort ein Museum unterhält und über eine architekturgeschichtliche sowie eine archäologische Abteilung mit Arbeitsräumen und Restaurierungswerkstätten verfügt. Im Juli 2003 wurde Panamá la Vieja in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Ob im Sinne der Theorie "sinkenden Kulturgutes" Majolica oder deren panamaische Nachbildung auch Eingang in die Sachkultur der Schwarzen Bevölkerung fand, ist derzeit unklar. Anpassungs- und Angleichungsprozesse an die europäische Oberschicht sind grundsätzlich denkbar. Schon diese Vorüberlegungen machen deutlich, dass ethnische Deutungen nur unter Berücksichtigung des jeweiligen kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Umfeldes möglich sind.

Ein Schnitt an der Rückwand des Gebäudes sollte Informationen über die Bedeutung der hier sichtbaren Schutthaufen sowie die Funktion des Gebäudes liefern. Letzteres ist während der kurzen Kampagne nur bedingt gelungen, da der Fußboden des Raumes noch nicht erreicht wurde. Es zeigte sich aber, dass sich bei sorgfältiger Ausgrabung der Versturzschichten die Position eines Fensters sowie die Reste eines Fußbodens erfassen lassen.

Da diese Elemente nicht zu dem üblichen Bauschema früher Kirchen in Lateinamerika passen, wird es immerhin unwahrscheinlich, dass es sich bei diesem Gebäude um eine eigenständige Spitalkirche handelte. Denkbar wäre allerdings, dass in einem Krankensaal der rückwärtige Teil als Kapelle abgetrennt war. Hinweise auf eine Quermauer gibt es aus einer früheren Sondage des Patronato Panamá viejo, die aber möglicherweise zu einer älteren Bauphase gehört.

Insgesamt können an diesem Gebäude drei Steinbauphasen unterschieden werden, ohne dass jedoch die Baugeschichte bisher sicher nachzuvollziehen ist. Der noch bestehende Bau steht auf einem älteren Fundament, zu dem vielleicht auch die genannte Quermauer gehörte.

Unter dieser Voraussetzung wäre der ältere Steinbau wesentlich kürzer gewesen und hätte nicht bis zur rückwärtigen Straße gereicht. Erst später wurde der Bau hier erweitert, wobei auffallenderweise kein rechter Winkel realisiert wurde. Vielleicht hat sich das eigentlich regelmäßige Straßennetz hier leicht verschoben. Eine dritte Phase zeichnet sich schließlich anhand einer Baufuge in der Nordostecke des Gebäudes ab.

Perspektiven

Derzeit wird versucht, die notwendige Finanzierung für ein größeres Forschungsprojekt aufzubauen. Geplant sind drei mehrmonatige Grabungskampagnen mit Untersuchungen in mindestens zwei verschiedenen Stadtvierteln und den zugehörigen Bestattungsplätzen. Deren Auswertung soll insbesondere die Aspekte einer Differenzierung sozialer und ethnischer Gruppen sowie der Kulturadaption in den Mittelpunkt stellen.

Die Idee, Forschungsergebnisse aus Lateinamerika auf ältere, mittelalterliche europäische Verhältnisse beziehen zu können, widerspricht dem derzeitigen Selbstverständnis der deutschen Mittelalterarchäologie, wie es beispielsweise Günter Fehring postuliert hatte (Fehring 2000, 1. 194f.).

Ihm liegt eine Auffassung von "Geschichte" zugrunde, die sich noch immer an Vorstellungen des Historismus orientiert, der jeder Zeit und jedem Ort eine Eigenständigkeit zubilligt. Das Potential einer kulturanthropologisch ausgerichteten historischen Archäologie hinsichtlich der archäologischen Methoden- und Theoriediskussion wurde bisher kaum genutzt, obwohl entsprechende Forderungen beispielsweise in der New Archaeology formuliert worden waren.

So verwies Lewis Binford auf die Notwendigkeit, verlässliche Regeln für die Entstehung und Ausbildung archäologischer Befunde aufzustellen. Als Grundlage dazu sah er neben Ethnoarchäologie und Experimenteller Archäologie auch die Historische Archäologie (Binford 1983, 49). In Deutschland wurden entsprechende Ansätze pauschal als ahistorisch zurückgewiesen (Fehring 2000, 194).

Erst in den letzten Jahren hat sich hier auch eine "Archäologie der Neuzeit" entwickelt, wobei sich wie schon bei der Archäologie des Mittelalters die Denkmalpflege zur treibenden Kraft entwickelte. An einer theoretischen Fundierung fehlt es, zumal noch immer die Auffassung weit verbreitet ist, dass die Archäologie nur da zuständig ist, wo keine einschlägige Schriftüberlieferung vorliegt.

Ein Ziel der Forschungen in Panamá ist es daher auch, der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit zeitlich, räumlich sowie methodisch-theoretisch neue Fragestellungen und Perspektiven zu eröffnen.

Literatur

  • Binford 1983: L. Binford, Working at Archaeology (New York 1983).
  • Castillero 1994: A. Castillero Calvo, La vivienda colonial en Panamá. Arquitectura, urbanismo y sociedad. Historia de un sueño (Panamá 1994).
  • Fehring 1996: G.P. Fehring, Stadtarchäologie in Deutschland. Sonderh. Arch. Deutschland (Stuttgart 1996).
  • Fehring 2000: G.P. Fehring, Die Archäologie des Mittelalters. Eine Einführung (Stuttgart 2000).
  • Goggin 1968: J.M. Goggin, Spanish Majolica in the New World. Types of the sixteenth to eighteenth centuries. Yale University Publications in Anthropology 72 (New Haven 1968).
  • Rovira 2001: B. E. Rovira, Presencia de Mayólicas panameñas en el mundo colonial: algunas consideraciones acerca de su distribución y cronología. Latin American Antiquity 12, 2001, 291-303.
  • Rovira / Martín-Rincon 2001 B. Rovirá / J. Martín-Rincon (Hrsg.), Arqueología de Panamá La Vieja. Avances de investigación 1 Agosto 2001(Panamá 2001).
  • Rovira / Martín-Rincon 2002: B. Rovirá / J. Martín-Rincon (Hrsg.), Arqueología de Panamá La Vieja. Avances de investigación 2. Agosto 2002 (Panamá 2002).
  • Salcedo 1947: Don Juan Salcedo, Historical and Geographical Report about Panamá in 1640. herausgegeben und übersetzt von A.E. Westman (1947, Nachdruck Panamá 1996). - Text im Internet
  • Scholkmann 2001: B. Scholkmann, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit im Jahr 2000. Perspektiven für die Zukunft. Mitt. Arbeitsgemeinschaft Arch. Mittelalters u. Neuzeit 12, 2001, 73-80.
  • Schreg 1999: R. Schreg, Industriearchäologie in einer Glashütte des 19. Jahrhunderts: Schmidsfelden (Stadt Leutkirch, Kreis Ravensburg). Denkmalpfl. Bad.-Württ. 28/2, 1999, 107-111.
  • Schreg 2001: R. Schreg, Dorfgenese und histoire totale. Zur Bedeutung der histoire totale für die Archäologie des Mittelalters. In: J. Pfrommer/R. Schreg (Hrsg.), Zwischen den Zeiten. Archäologische Beiträge zur Geschichte des Mittelalters. Festschrift Barbara Scholkmann. Internat. Arch. Studia honoraria 15 (Rahden/Westfalen 2001) 333-348.
  • Schreg 2001a: R. Schreg, Rezension zu Fehring 2000. Arch. Inf. 24/2, 2001, 331-334.
  • Schreg, in Vorber.: R. Schreg u.a., Die Grabungen im Spital San Juan de Dios von Panamá la Vieja im Frühjahr 2003. Ein Vorbericht (Manuskript 2003).
  • Tejeira-Davis 1996: E. Tejeira-Davis, Pedrarías Davila and his cities in Panama, 1513-1522: New facts on early Spanish settlements in America. Jahrb. für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas 33, 1996, 27-61.