Der Gela-Survey

Griechen , Römer und Barbaren im Süden Siziliens

von: Prof. Dr. Johannes Bergemann
veröffentlicht am

Außerdem entdeckten Adamesteanu und in jüngster Zeit die heutige Soprintendentin, Rosalba Panvini, indigene Vorgängersiedlungen im weiteren Umfeld von Gela, vor allem Butera und Monte Desusino.

Beide Grabungsplätze, etwa 400 Meter hoch auf den Hügeln um die Küstenebene gelegen, weisen nach der Ankunft der Griechen, um 700 v. Chr., einen klaren Akkulturationshorizont auf.

Etwa 60 km im Landesinneren liegen weitere indigene Siedlungen, Sabucina, Capodarso, Vassalaggi u.a., sicher außerhalb der Chora von Gela.

Es ist klar, dass die bisher bekannten Fundplätze in der mehrere hundert Quadratkilometer umfassenden Chora überhaupt nur einem verschwindend kleinen Ausschnitt der antiken Siedlungsplätze entsprechen können. Daher haben wir begonnen, einen repräsentativen Ausschnitt des Territoriums mit Surveymethodik systematisch zu begehen.

Seit wenigen Jahren arbeitet das Institut für Archäologie der Ruhr-Universität in Bochum auf Sizilien. In einem umfangreichen Surveyprojekt wird das Territorium der griechischen Stadt Gela (gegründet 688 v. Chr.) erforscht. Sie liegt in einer weiten, trockenen Ebene an der Südküste Siziliens, etwa 100 km von Catania und vom Ätna entfernt.

Gela war eine der bedeutendsten Griechenstädte Siziliens. Um die Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. dominierte sie den südöstlichen Teil der Insel bis hinauf nach Catania. Einer ihrer Herrscher (Tyrannen) stiftete den berühmten bronzenen Wagenlenker nach Delphi.

Der Tragödiendichter Aischylos wurde aus Athen hierher eingeladen. Während seines Aufenthaltes verstarb er in Gela und wurde dort auf Staatskosten begraben.

Erste Ergebnisse: Herbstkampagne 2002 und Frühjahrskampagne 2003

Nach mehrjährigen Vorarbeiten hat im September/Oktober 2002 die erste Surveykampagne in Sizilien stattgefunden. Daran haben 11 Studierende und 3 Wissenschaftler teilgenommen.

Die ersten Ergebnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Die zuständige Superintendenz hat ein Gebiet von fast 200 km² zur Verfügung gestellt. Davon haben wir etwa 25 km² ‚on site' mit intensiver Surveymethodik und ,off site' mit Prospektionsmethodik begangen.

Dieses Verfahren eines ineinander greifenden intensiven und extensiven Surveys, haben wir anhand der Verhältnisse in dem Gebiet entwickelt und spezifisch darauf abgestimmt.

Die Gehöftstellen konzentrieren sich nach unserer bisherigen Kenntnis in drei Bereichen, in der hügeligen Zone von Manfria, westlich von Gela, nahe der Küste, am Abhang der die Küstenebene einfassenden Hügelzonen sowie um den etwa 400 m hohen Monte Milingiana [s. Karte S. 3]. Das Bild wird durch die weiteren Kampagnen weiter vervollständigt werden.

Es fällt auf, dass die Gehöfte nur an den besten und angenehmsten Stellen angelegt wurden, wo keine Substruktionen für die Gebäude notwendig waren und ebene Ackerflächen zur Verfügung standen. Die Abstände zwischen den Ansiedlungen sind manchmal überraschend groß.

Offenbar konnte man es sich leisten auszuwählen, weil überreichlich Ackerland zur Verfügung stand. Antike Terrassenwirtschaft, wie sie z.B. in Attika sehr verbreitet war, haben wir bisher überhaupt nicht festgestellt.

Perspektiven für die Herbstkampagne 2003

Das gewonnene Bild von der Siedlungstätigkeit in der Chora von Gela soll in weiteren Kampagnen ab 2003 weiter verdichtet werden. Dazu werden weitere Begehungen unter Anwendung der klassischen Surveymethodik durchgeführt.

An der Auswertung der Keramik wird Dr. Gerhard Hempel (Tarent - Messina) mitarbeiten. Diese Arbeiten zielen vor allem auf die Beantwortung dreier Fragen ab:

  1. Rekonstruktion der Dichte und der historischen Entwicklung der antiken Siedlungstätigkeit in allen ihren Formen.
  2. Rekonstruktion der antiken Feldereinteilung und möglicher Vermessungsmarken.
  3. Bestimmung der nördlichen Grenze der Chora.

Die Verdichtung der Befunde läßt Schlussfolgerungen auf verschiedene wichtige historische Fragen erwarten:

  • Wie weit reichte das Territorium von Gela ins Binnenland?
  • Auf welche Weise nahmen die griechischen Kolonisten von Gela ihre Chora im 7. Jh. v.Chr. in Besitz und wie reagierten darauf die im Umkreis lebenden indigenen Einwohner.
  • Welche Siedlungsstrukturen lassen sich in den extraurbanen Gebieten erkennen?
  • Gab es eine regelmäßige Feldereinteilung?
  • Welchen ökonomischen Aktivitäten gingen die Einwohner neben der Landwirtschaft nach?
  • Welche Folgen hatte der Untergang der Stadt Gela zu Beginn des 3. Jhs. v.Chr. für die Besiedlung der Chora.
  • Und schließlich: Wie schlägt sich die Entstehung der kaiserzeitlichen Latifundien in den Siedlungsstrukturen nieder?

Die Fragestellung

Die antiken griechischen Städte bestanden aus der urbanen Siedlung und ihrem agrarisch strukturierten Umland (griech.: Chora). Beide waren eng aufeinander bezogen und müssen in Abhängigkeit voneinander betrachtet werden. Im griechischen Mutterland und in Kleinasien sind wegen dieser Ausgangshypothese zahlreiche Surveyprojekte durchgeführt worden. Für die süditalienischen und sizilischen Koloniestädte der Griechen fehlen derartige Forschungen bisher jedoch mit wenigen Ausnahmen (z.B. Metapont).

Das Umland von Gela ist für eine solche Untersuchung besonders geeignet, weil vor etwa 50 Jahren der rumänisch-italienische Archäologe, Dinu Adamesteanu, hier Grabungen in außerstädtischen Siedlungsplätzen vorgenommen hat. Dadurch sind drei Gehöfte durch Ausgrabungen bekannt. Die Grabungen und Funde können in den Publikationen überprüft werden, allerdings ist es schwierig heute noch die genaue Lage der Fundplätze im Gelände zu verifizieren. Nur in einem Falle scheint das bei unseren Arbeiten gelungen zu sein.

Es hat sich angesichts der enorm großen Flächen als sehr erfolgreich erwiesen. An der Konzeption und Durchführung der Arbeiten war PD Dr. Ulrich Gans (Marburg/Bochum) maßgeblich beteiligt.

Auf diese Weise wurde eine unerwartet große Zahl neuer Fundstellen entdeckt. Die Fundplätze lassen sich durch Vergleich mit den ergrabenen Farmen aufgrund der Funde zum großen Teil als Gehöftstellen identifiziert. An zwei Stellen haben wir überdies möglicherweise Heiligtümer entdeckt.

Bei Beginn der Arbeiten waren drei Gehöftstellen bekannt. Nach der einmonatigen Herbstkampagne 2002 kannten wir etwa 15, nach der Frühjahrskampagne 2003 etwa 25. Zudem wurde ein sich über mehrere Quadratkilometer erstreckendes Areal mit antiken Kalksteinbrüchen entdeckt, außerdem spätantike Felsnekropolen. Ihre Lage wird ebenfalls in der Karte verdeutlicht.

Die Fundstellen sind durch die Konzentration der Oberflächenfunde immer klar erkennbar. Die Streuung der Fundobjekte durch die moderne Landwirtschaft scheint insgesamt begrenzt zu sein.

Wegen der intensiven rezenten Landwirtschaft sind bisher nur wenige Steindenkmäler und keine Grundrisse von Gehöften gefunden worden. Daher wird Prof. Stümpel (Kiel) zusammen mit seinem Team mithilfe geophysikalischer Methoden den Versuch machen, an ausgewählten Fundplätzen Reste der Gehöfte unter der Ackerkrume aufzuspüren.

Die wichtige Frage nach den Landschafts- und Vegetationsformen in der griechisch-römischen Periode soll zunächst durch die Auswertung der Angaben von in der Gegend tätigen Brunnenbohr-Firmen untersucht werden.Bei der Auswertung steht der Geologe Prof. B. Schröder (Bochum) beratend zur Seite.

Aufgrund dessen sind weitergehende paläobotanische Untersuchungen angedacht. Vor allem steht die Frage im Raum, welchen landschaftlichen Charakter die Küstenebene in der Antike hatte und warum dort zumindest bisher kaum Siedlungsspuren entdeckt wurden.

Die alten und vor allem die neuen Fundstellen wurden im Intensivsurvey begangen, und zwar in regelmäßigen Abständen von zehn, manchmal nur fünf Metern. Auf diese Weise wurde von den Fundstellen eine überraschend große Zahl an Objekten geborgen, die ausschließlich an der Oberfläche lagen:

  • Archaische und klassische Keramik.
  • Dachziegel der archaischen bis klassischen Zeit.
  • Spätantike Keramik, Lampen und Dachziegel.

Nach einer ersten Sichtung der Funde wird deutlich, dass die Gehöftstellen zwischen dem 5. und dem 3. Jh. v. Chr. besonders intensiv benutzt wurden.

An allen intensiv untersuchten Siedlungsplätzen jedoch gibt es archaische Fundobjekte, z.B. ionische Schalen und sogar protokorinthische Keramik.

Es kann also gelingen, mit der Surveymethodik die archaische Siedlungsstruktur in der Chora von Gela zu rekonstruieren.

An allen Fundstellen überraschte die große Zahl an bronzezeitlichem Material, das an der Oberfläche lag, während eisenzeitliche Funde aus der vorkolonialen Zeit selten sind. Das prähistorische Fundmaterial wird in Zusammenarbeit mit dem Institut für Ur-und Frühgeschichte an der Universität Basel (Prof. Dr. Frank Siegmund) bearbeitet.

Außerdem sollen die umfangreichen Steinbrüche von Manfria untersucht werden. Es stellt sich die Frage, ob es möglich ist, diejenigen Gebäude, vielleicht auf der Akropolis von Gela zu bestimmen, für die in Manfria Kalksteinquader gebrochen wurden.Diese Arbeiten wird PD Dr. Hans Goette (Berlin) übernehmen.

Besonderes Interesse verdient das Gebiet um Gela auch wegen der römischen und spätantiken Fundplätze. Sie lassen Erkenntnisse über die Veränderungen der Siedlungstätigkeit und der Besitzverhältnisse an Grund und Boden erwarten (Latifundienwirtschaft).

Bisher sind mehrere kaiserzeitliche Nekropolen und eine umfangreiche spätantike Siedlung bekannt, deren Untersuchung in den kommenden Surveykampagnen intensiv vorangetrieben werden soll.