Aufruf zur wissenschaftlichen Hilfeleistung im Irak

Gemeinsame Pressemitteilung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) und der Deutschen Orientgesellschaft (DOG)

von: Redaktion Archäologie Online
veröffentlicht am

Eine möglichst rasche Sicherung der archäologischen Grabungsstätten im Irak ist unbedingt notwendig: Militärische Präsenz allein genügt nicht, um die weitere Zerstörung der "Wiege der Menschheit" zu verhindern. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften und die Deutsche Orient Gesellschaft e.V. bitten die Öffentlichkeit daher um finanzielle Unterstützung irakischer Archäologen.

Spenden können auf das Konto der Deutschen Orient Gesellschaft e.V. überwiesen werden:Konto Nr. 202 517 900
BLZ 100 400 00
Berliner Commerzbank AG.
Stichwort: Wissenschaftliche Hilfe für den Irak

Sie können Ihre Spende von der Steuer absetzen:
Auf Wunsch stellt Ihnen die Deutsche Orientgesellschaft für Spenden ab 100 Euro eine Zuwendungsbestätigung aus, die Sie Ihrem zuständigen Finanzamt vorlegen können. Bei Spenden bis zu 100 EUR reicht ein Einzahlungsbeleg der Bank zur Vorlage beim Finanzamt aus.

Das Irak-Museums in Bagdad wurde vor 2 1/2 Monaten von Chaoten und Plünderern verwüstet, einzigartige Exponate wurden gestohlen oder vorsätzlich zerstört. Augenzeugen berichteten, dass die Fußböden übersät waren mit zerschlagenen und zersplitterten Schätzen aus dem Altertum; das Bild der weinenden Vizedirektorin des Museums ging um die Welt.

In einem von der UNESCO in Paris am 17. April 2003 organisierten Tagung warnten Experten vor einem Ausverkauf des irakischen Kulturerbes und forderten unter anderem, dass "alle Museen, Büchereien, Archive, Monumente und Ausgrabungsstätten im Irak unverzüglich bewacht und gesichert werden". Das Museum in Bagdad steht mittlerweile tatsächlich unter Militärschutz und eine Spezialeinheit ist mit der Suche nach den geraubten Kunstgegenständen beschäftigt. 3000 Stücke fehlen noch immer, ebenso wie 33 Artefakte aus der Hauptsammlung. Die Ausgrabungsstätten sind nach wie vor Ziel von Raubgrabungen, bei denen nicht nur die Kunstgegenstände entwendet werden, sondern auch die Stätten selbst zerstört werden. Die UNESCO hält es daher kurzfristig für geboten, "Rettungsgrabungen an den archäologischen Stätten durchführen zu lassen." Diese sollten von "ausgewiesenen Expertenteams" geleitet werden, auch "mit Hinsicht auf die Verhinderung illegaler Ausgrabungen und der Beschädigung oder Plünderung der gefährdeten Stätten".

Einer der drei Experten, die von deutscher Seite an der internationalen Tagung der UNESCO teilgenommen haben, ist Prof. Dr. Barthel Hrouda, emeritierter Professor der Vorderasiatischen Archäologie. Als ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der dort angesiedelten "Kommission für Keilschriftforschung und Vorderasiatische Archäologie" hat er selbst mehrere Grabungen geleitet, z.B. in der alten babylonischen Stadt Isin, Irak. Bei der UNESCO-Tagung in Paris wies Prof. Hrouda darauf hin, dass der Erhalt der Ausgrabungsstätten und noch stehender Monumente unbedingt gewährleistet werden müsse. Hierfür solle eine Liste besonders schützender Monumente von der Expertenkommission der UNESCO erstellt werden. Als Beispiele nannte Hrouda u.a. Hatra und Ktesiphon. Hatra ist im Norden des Irak, ca. 8o km südlich von Mossul gelegen. Die Hauptstadt des Partherreiches wurde 116 v.Chr. von Trajan eingenommen. Sie besaß einen runden Grundriss und in ihrem Mittelpunk lag der Tempel des Sonnengottes. Bei den Ausgrabungen (zuerst deutsche, dann irakische u. italienische) wurden neben vielen zum Teil überlebensgroßen Steinfiguren weitere Heiligtümer und Palastanlagen mit herrlichen Bogeneingängen (sog. Liwanen) und mit Steinplatten verzierte Fassaden freigelegt.

Ktesiphon als Hauptstadt des Sassanidenreiches, das 32 km südöstlich von Bagdad liegt, wurde 627 von den Arabern erobert und verfiel nach der Gründung Bagdads allmählich. Außerhalb lag der Königspalast mit dem sog. Taq-i -Kisra, der als Teil der Westfassade des Palastes erhalten blieb, aber jetzt sehr einsturzgefährdet ist.
Ein weiteres bedrohtes Monument ist der Rest des ehemaligen Stufenturmes, der sogenannte Zikkurat von Borsippa, dem heutigen Birs Nimrud. Dieses imposante Bauwerk aus dem ersten Jahrtausend vor Christus, das noch heute eine Höhe von ca. 50 m aufweist, wurde häufig von Fremdenführern als Turm von Babylon bezeichnet, gewissermaßen als Ersatz für den bekanntlich durch Alexander den Großen bereits im 4. Jhdt .v.Chr. abgetragenen Turm im benachbarten Babylon.

Bislang liegt der UNESCO lediglich eine alte Liste vor, in der sieben irakische Bauwerke zur Deklarierung als Weltkulturerbe empfohlen werden. Eine Überarbeitung dieser Liste steht aber noch aus, ebenso wie die Ausbildung speziell geschulter Sicherheitskräfte, die diese Monumente und Ausgrabungsstätten vor weiteren Plünderungen und Beschädigungen schützen. Dies wird jedoch erst geschehen, wenn finanzielle Mittel hierfür im Irak zur Verfügung stehen.

Die Bayerische Akademie der Wissenschaften bietet Kollegen im Irak schon jetzt Unterstützung an: Sobald eine Expedition zu den Ausgrabungsstätten reisen kann, ist die "Kommission für Keilschriftforschung und Vorderasiatische Archäologie" bereit, die Aufstellung eines ausgewiesenen Expertenteams zu übernehmen. Enge Kontakte zu Archäologen im Irak bestehen schon aufgrund früherer gemeinsam durchgeführter Grabungen, die letzte liegt nur 2 Jahre zurück. Was bereits jetzt vorbereitet werden kann, ist die Finanzierung von Konservierungen antiker Baudenkmäler sowie Rettungsgrabungen. Dies sollte auch von deutscher Seite geschehen. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften bittet die Öffentlichkeit daher um Spenden für die Ausrüstung einer deutsch-irakischen Expedition, damit diese so bald wie möglich starten kann. Die Einwerbung von Mitteln, die einem konkreten Forschungsauftrag dienen, ist Teil der Aufgaben, denen sich die Bayerische Akademie der Wissenschaften laut ihrer Satzung verpflichtet hat.

Die Initiatoren des Aufrufs:

Die Bayerische Akademie der Wissenschaften wurde 1759 in München gegründet. Mit über 300 hauptamtlichen Mitarbeitern und einem Jahresetat von rund 35 Mio. Euro ist sie heute die größte der insgesamt sieben wissenschaftlichen Akademien der Bundesrepublik. Ihr Schwerpunkt ist Grundlagenforschung und die Realisierung langfristiger Forschungsprojekte im geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Bereich. Als gelehrte Gesellschaft unterhält die Akademie darüber hinaus interdisziplinäre und internationale Kontakte und fördert die Zusammenarbeit von Vertretern unterschiedlicher Forschungsgebiete.

Die Kommission für Keilschriftforschung und Vorderasiatische Archäologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gibt das Reallexikon für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie (RlA) heraus , dessen Einzugsbereich das Verbreitungsgebiet der Keilschrift schreibenden Kulturen (Mesopotamien, Nordsyrien, Anatolien) samt ihren Randgebieten im 3. bis 1. Jahrtausend v. Chr ist.

Zu den "Realien" zählen bedeutende Persönlichkeiten, Götter, Orte und Ausgrabungsstätten sowie Sachbegriffe (z.B. Kauf, Mischwesen, Musik), die jeweils philologisch und archäologisch bearbeitet werden. Die Artikel sind unter deutschem Stichwort deutsch, englisch oder französisch abgefasst; neben dem Text finden sich Abbildungen, Skizzen und Pläne. Das Werk wendet sich außer an die engeren Fachkreise auch an Historiker, Rechtsgeschichtler, Religionswissenschaftler oder Ethnologen.

Die Deutsche Orient-Gesellschaft ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin. Die satzungsgemäßen Ziele der DOG sind:

  • Die Erforschung von Geschichte und Kulturen des Vorderen Orients und ihrer Einflussbereiche von den Anfängen bis zum Mittelalter
  • Die Verbreitung von Forschungsergebnissen aus dem Vorderen Orient und die Belebung des Interesses an diesen Kulturen in der Öffentlichkeit

Die Ziele der DOG sollen in der Hauptsache erreicht werden durch:

  • Veranstaltung oder Unterstützung wissenschaftlicher Untersuchungen in den Ländern des Vorderen Orients, insbesondere die Vorbereitung und Durchführung archäologischer Feldforschung
  • Planung und Durchführung von wissenschaftlichen Arbeiten zu bestimmten Themenkreisen, vor allem in interdisziplinärer Zusammenarbeit
  • Vorbereitung und Herausgabe wissenschaftlicher Publikationen
  • Unterstützung der auf Forschung und Öffentlichkeit gerichteten Arbeit von Museen, vorrangig der Museen Stiftung Preußischer Kulturbesitz
  • Vermittlung von Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit durch Herausgabe geeigneter Schriften und durch Medienarbeit