Vom Leben in's Zählrohr

Eine persönliche Reflexion zwischen Fiktion und Wirklichkeit

von: Dr. Roland Wiermann
veröffentlicht am

Ich möchte über einen Menschen erzählen - über das, was ich von ihm weiß und über das, was ich mir in meiner Phantasie über ihn ausgemalt habe.

Er hatte Freude und Liebe empfunden; er hatte Angst, hatte Hunger, er war glücklich und niedergeschlagen, er hatte Freunde, auf die er sich verlassen konnte, er war stolz. ... Er kannte alle menschlichen Bedürfnisse und Empfindungen. Er kannte die Geheimnisse und Regeln der Natur, war ein erfolgreicher Jäger und angesehener Bauer. Er war ein kräftiger Mann. Als er noch jung war, brach er sich bei einem Jagdunfall sein rechtes Schienbein. Diese Verletzung war aber nach kurzer Zeit verheilt und bereitete ihm schon bald keine Schwierigkeiten mehr. Damals war er mit seiner Frau und den vier Kindern aus der Ebene am großen Fluß aufgebrochen und mit ihnen in Richtung der aufgehenden Sonne gezogen bis sie in den Wäldern auf den nahegelegenen Höhen neuen Raum für ihre Häuser und Felder fanden. Hier lebte er bis zu seinem Tode. Am Ende seines langen Lebens plagten ihn starke Schmerzen im Rücken, denn er hatte viel und hart gearbeitet.

Er starb. Seine Enkelkinder verloren einen Großvater, der die alten Geschichten so spannend erzählen konnte wie sonst kein anderer, seine Kinder einen Vater, der ihnen viele nützliche Erfahrungen weitergeben hatte, den sie gern hatten. Sein Tod kam nicht unerwartet, seine Verwandten waren dennoch tief betrübt und nach einer Phase des Trauerns über seinen Verlust, richteten sie die Beerdigungszeremonien für ihn aus. Es war wichtig, ihn so zu bestatten, wie es festgelegt war, denn nur so konnte er in das Jenseits gelangen. Sie achteten darauf, daß er auf dem Rücken liegend so in der Grabgrube lag, daß sein Kopf in die Richtung der untergehenden Sonne zeigte, seine Beine angewinkelt und nach der rechten Seite verdreht waren. Vor seinem Gesicht stellten sie ein großes Tongefäß auf, das entsprechend ihrer Tradition mit horizontalen Schnurabdrücken verziert war. Am offenen Grab nahmen sie ein letztes Mal Abschied von ihm und begannen, die Grabgrube zu verfüllen.

Nach zwei Jahrtausenden, als sich niemand mehr an ihn und sein Grab erinnerte, kamen andere Menschen und bestatteten ihre verbrannten Toten in unmittelbarer Nähe seines Grabes. Und schon bald danach wurde hier eine prunkvolle Villa und ein Heiligtum erbaut. Damals entging sein Grab nur knapp der Zerstörung, denn über ihm wurde eine massive Mauer errichtet.

Weitere zwei Jahrtausende später kamen wieder andere Menschen. Sie interessierten sich zunächst nur für die im Boden verbliebenen Reste der Villa. Nur durch Zufall wurde sein Grab schließlich unter dem Fundament der Mauer entdeckt. Seine Knochen wurden freigelegt. Alles wurde genauestens dokumentiert; es wurde gemessen, gezeichnet und photographiert. An den zahlreichen Scherben des beigegebenen Gefäßes erkannten sie, daß er vor ungefähr 4700 Jahren hier begraben wurde und der von den Archäologen sogenannten Kultur mit Schnurkeramik angehörte. Sie verpackten seine Knochen in einen Karton, die Scherben in einen anderen. Von nun an war er von dem Gefäß, das ihm seine Angehörigen mitgegeben hatten, getrennt. Die Scherben brachte man in eine Restaurierungswerkstatt, wo sie zu einem Gefäß zusammengesetzt wurden. Einige Partien mußten jedoch ergänzt und durch Kolorierung dem Original farblich angeglichen werden. Hier erkannte man auch den Abdruck einer Spelzgabel des Einkorn, die sich vor dem Brennen des Gefäßes in den noch feuchten Ton eingedrückt hatte.

Die Knochen kamen in ein anthropologisches Institut, wo sie in ihrer anatomisch korrekten Lage ausgebreitet wurden und die wichtigsten Merkmale, die Auskunft über Alter, Geschlecht und Krankheiten geben können, erhoben wurden. Nach dem Abfassen des anthropologischen Berichtes verpackte man die Knochen erneut in dem Karton und stellte sie neben zahlreiche andere Kisten, in denen ebenfalls menschliche Knochen aufbewahrt wurden.

Hier stand der Karton mit den Knochen des Mannes, der vor ungefähr 4700 Jahren gestorben war, nun Jahrzehnte lang unbeachtet bis ich ihn im letzten Jahr zufällig entdeckte, als ich in den verstaubten Kisten im Archiv des Institutes nach Knochen anderer Skelette suchte. An den Skeletten war ich interessiert, da ich zur Untermauerung und Absicherung der Ergebnisse in meiner Promotionsarbeit unabhängige Daten benötigte. Für die Zwecke der Wissenschaft plante ich, ausgewählte Skelette mit Hilfe der Radiokarbonmethode auf ihr absolutes Alter analysieren zu lassen. Kurz entschlossen bat ich also um die Erlaubnis, Probenmaterial auch von diesem Skelett mitnehmen zu dürfen, wog 74 g Knochen ab und verpackte sie in einem kleinen Plastikbeutel. Dazu legte ich einen Zettel mit der Nummer 5, damit ich die Knochen von nun an einwandfrei dem Befund zuordnen konnte. Der Mann hatte einmal einen Namen, nun war er eine Nummer.

Schließlich konnte ich neun kleine Plastikbeutel zusammentragen. In jedem waren Knochen von Menschen, die - so wie der Mann - vor mehr als 4000 Jahren gelebt hatten. In jedem Beutel war ein Zettel mit einer Nummer. Sie lagen einige Tage in meinem Arbeitszimmer im Regal. Unser kleiner Sohn besuchte mich bei der Arbeit und betrachtete sie unbekümmert. Er erkannte nicht, daß es sich dabei um Knochen, schon gar nicht um Knochen von Menschen, handelte. Die neun Beutel kamen nun zusammen in einen kleinen gelben Pappkarton, den ich mit der Adresse des Analyselabors versah und in einem ländlichen Postamt aufgab. Der Karton kam auf dem Weg in das Labor mit unzähligen anderen Postsendungen zusammen. Es waren Sendungen von Menschen für Menschen. Vielleicht waren Liebesgrüße dabei, vielleicht ein Geburtstagsgeschenk oder die Anzeige vom Tod eines Menschen - ganz sicher waren Rechnungen dabei. Aber in dem kleinen gelben Karton waren Knochen von Menschen, die vor mehr als 4000 Jahren gelebt hatten.

Wahrscheinlich kam der Karton zwei Tage später in dem Labor an. Hier wurde der Inhalt und die Angaben kurz geprüft. Dann kam er in ein Lager, wo viele andere Kartons standen, vermutlich enthielten einige von ihnen ebenfalls Knochen von Menschen, die vor 5000, 3000 oder 1500 Jahren gelebt hatten.
Ein Jahr später wurden die Knochen des Mannes, der vor ungefähr 4700 Jahren gelebt hatte, aus dem Lager hervorgeholt. Sie waren an der Reihe. Ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin des Analyselabors öffnete den kleinen Plastikbeutel und ließ die Knochen heraus gleiten. Diese wurden nun zu einem Knochenmehl zerkleinert, aufbereitet und in einem Zählrohr auf ihr absolutes Alter analysiert. Seither ist der Mann, der vor ungefähr 4700 Jahre gelebt hatte, mit der Analysenummer HD-22060 verbunden. Das Analyseergebnis lautete: 4131±23 bp (d13C -20,6‰). Kalibriert ergibt sich daraus, daß der Mann mit einer Wahrscheinlichkeit von 68,2 % in der Zeit zwischen 2865 und 2605 v. Chr. gelebt hatte.

Nun liegt das Datum vor. Mit einem gewissen Forscherstolz kann ich den KollegInnen ein Radiokarbondatum präsentieren. Wenn es eines Tages publiziert ist, wird mein Name möglicherweise in anderen Studien auftauchen, die dieses Datum zitieren. Keiner wird daran denken, daß es aus den Knochen eines Menschen gewonnen wurde, der alle menschlichen Bedürfnisse und Empfindungen kannte. Für meine Arbeit ist es ein Datum neben acht anderen. Zu den hunderten bereits bekannten Daten aus dem Endneolithikum in Europa kommt ein weiteres Datum hinzu. Für meine Arbeit wird es von großer Bedeutung sein. Im europäischen Kontext ist es ein kleines Teilchen in einem Puzzle, in dem noch große Lücken sind.

Natürlich hatte auch ich die Knochen als Objekte gesehen; als Objekte, die man wiegen, messen und analysieren kann. Auch ich hatte zwischenzeitlich immer wieder vergessen, daß sie einmal Teil eines Menschen waren. Ebenso oft stellte sich für mich aber auch die Frage, wo die Grenzen der Wissenschaft erreicht sind. Dürfen wir Menschenknochen zerstören, nur damit wir der Wissenschaft eine weiters kleines Puzzlestück liefern und den persönlichen Forscherstolz befriedigen können? Ist es besser die Wissenschaft hat noch einen Nutzen, oder sollen die Knochen durch die Folgen der modernen Landwirtschaft oder Baumaßnahmen zerstört werden? Oder sollen sie in irgendeinem Archiv in irgendeinem Karton für immer vergessen werden? Ist es nur ein gradueller Unterschied, ob wir menschliche Knochen für wissenschaftliche Zwecke zerstören oder in den Vitrinen der Museen ausstellen? Ist es angemessen und legitim, menschliche Knochen auf das Niveau einer historischen Quelle zu reduzieren? Macht es einen Unterschied, ob ArchäologInnen die Toten auf einen modernen Friedhof exhumieren, um den darunterliegenden mittelalterlichen Friedhof ausgraben zu können, ob sie ein steinzeitliches Grab freilegen oder ob sie Knochen zur Analyse in ein Labor geben?

Egal wo ArchäologInnen mit den Knochen prähistorischer aber auch historischer Menschen in Kontakt kommen (auf der Ausgrabung, in den Archiven, in den Museen, in Labors ...), ist ein reflektierter Umgang mit ihnen notwendig. Ein gelegentliches Innehalten im emsigen wissenschaftlichen Treiben und ein zeitweiliges Besinnen, daß es sich um Knochen von Menschen handelt, um Knochen von Menschen, die gelebt und empfunden haben, ist für jedeN WissenschaftlerIn unerläßlich.