Kuros-Fund in Kerameikos

von: Redaktion Archäologie Online
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Kuros-Fund in Kerameikos

Die archaische Statue schlummerte im Fundament

Vieles in der Archäologie, insbesondere der größte Teil der Ausgrabungstätigkeit, ist Routine - langweilige, aber notwendige Routine. Es ist selten, kommt aber immerhin doch gelegentlich vor, dass ein unerwarteter Fund die Grabungsmannschaft und die Wissenschaft in Aufregung versetzt. Der jüngste Fall in der Geschichte der DAI-Grabungen ist der großartige Skulpturenfund im Kerameikos von Athen. Ein verheißungsvoller Auftakt der neuen Ära der Kerameikos-Grabung unter der Leitung von Professor Niemeier!

Es begann alles ganz normal. Um für die Datierung der von Dr. G. Kuhn untersuchten Baugeschichte des Heiligen Tores stratigraphische Aufschlüsse zu erhalten, sollten einige kleinere Sondagen in diesem Bereich durchgeführt werden. Diese Arbeiten leitete auf Einladung von Herrn Niemeier die Tübinger Kollegin Frau Dr. von Freytag-Löringhoff, die früher schon ähnliche Grabungen im Kerameikos durchgeführt hatte.

Beim Ausheben einer der besagten Sondagen stießen die Ausgräber in einem alten, wieder verfüllten Wasserkanal auf die überlebensgroße Marmorstatue eines archaischen Kuros, der sich schon in dieser Situation, d. h. erst halb ausgegraben und nur von der Rückseite freigelegt, als Meisterwerk der frühen griechischen Plastik zu erkennen gab. Die Freude und Spannung wuchs noch, als beim Tiefergraben dicht neben dem Kopf des Kuros das Gesicht einer archaischen Sphinx auftauchte. Von da an nahm die als Sondage begonnene Grabung eine ganz andere Wendung. Um die zwischen Mauern eingekeilten Skulpturen freizulegen und zu bergen, wurde nunmehr die Grabungsfläche wesentlich erweitert. Dabei kamen, wie nach dem Vorhergehenden schon vermutet, noch weitere archaische Marmorbildwerke zutage: Ein prachtvoller Löwe, perfekt erhalten; 2 Bruchstücke eines zweiten Löwen, dessen Kopf fehlt, sowie das Stück einer Säule und ein ionisches Kapitell, das als Basis einer Sphinx gedient haben dürfte.

Es handelt sich hierbei ebenso wie bei vielen der früher im Kerameikos gefundenen berühmten Skulpturen, um Grabmonumente der Nekropole am Stadtrand von Athen, die beim Einfall der Perser 480 v. Chr. zerstört worden waren und dann zwei Jahre später beim Bau der Stadtmauer und anderen Baumaßnahmen unter Themistokles als Baumaterial Verwendung fanden. Die neu aufgetauchten Stücke dienten offenbar dazu, der höher gelegten Straße an dieser Stelle einen festen Untergrund zu geben.

Dieser großartige Fund bildet eine wunderbare Bereicherung der Kunstgeschichte Athens im 6. Jh. v. Chr. Insbesondere der Kuros, der sich nach seiner Freilegung als fast unversehrt erwies, ist ein herausragendes Kunstwerk. Sowohl in der Größe als auch in der unvergleichlichen monumentalen Klarheit der Formen ist er fast ein Zwillingsbruder jenes berühmten "Dipylon-Kopfes", der, vor über 80 Jahren in der Nähe gefunden, seit der bahnbrechenden Publikation durch Ernst Buschor eine Inkunabel der archaischen griechischen Plastik aus dem frühen 6. Jh. v. Chr. darstellt.

Redaktion Archäologie Online
(Quelle: DAI Berlin)