Alexandria Troas

Eine antike Großtadt in Kleinasien

von: Thilo Jordan M.A.
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Nur in sehr seltenen Fällen erteilt die türkische Regierung Grabungsgenehmigungen an Ausländer. Die Wissenschaftler der Forschungsstelle Asia Minor der Universität Münster unter Leitung des Althistorikers Prof. Dr. Elmar Schwertheim und des Archäologen Prof. Dr. Hans Wiegartz sind seit kurzen im Besitz eines solchen seltenen Falles. Dank dieser Genehmigung können sie nun in der antiken Stadt Alexandria Troas (Westtürkei) Ausgrabungen in eigener Regie durchführen.

Gegründet wurde die Stadt um 310 v. Chr. von Antigonos Monophthalmos, einem Nachfolger Alexanders des Großen. Dementsprechend trug sie erst den Namen Antigoneia wurde allerdings sehr schnell in Alexandria Troas umbenannt. Da sich der Hellenismus leider mit schriftlichen Zeugnissen äußerst geizig zeigt und somit sehr wenig umfassende Informationen über diese Epoche vorliegen, ist auch das Wissen über die ersten Jahrhunderte dieser Stadt sehr verschwommen. Bekannt ist jedoch, daß durch die Umsiedlung vieler Einwohner benachbarter Siedlungen Alexandria Troas sehr schnell über ein großes kulturelles und wirtschaftliches Potential verfügte.

Aufgrund der Lage in unmittelbarer Nähe zum Hellespont, der wichtigen Nahtstelle zwischen Europa und Asien, übernahm Alexandria Troas bald die Rolle des nahe gelegenen Troja. Der geschützte Hafen ermöglichte die Kontrolle wichtiger Schifffahrtswege und wurde zum Ausgangspunkt weitreichender Handelsbeziehungen. Eine acht Kilometer lange Stadtmauer mit zahlreichen Türmen und Toren umgab ein riesiges Areal von 400 Hektar.

Erst in römischer Zeit belegen schriftliche Quellen ebenso wie die Bauten jener Zeit, daß Alexandria Troas eine äußerst bedeutende Hafen- und Handelsstadt geworden war - so bedeutend, daß Caesar und später Kaiser Konstantin der Große überlegten, die Stadt zur Hauptstadt des römischen Reiches zu machen. Einen sicherlich tiefen Einschnitt in der Geschichte der Stadt bedeutete die Einrichtung einer römischen Veteranenkolonie unter Augustus (spätestens im Jahre 12 v. Chr.). Der Hafen wurde zur Durchgangsstation für die römischen Soldaten auf ihrem Weg zu den Kriegsschauplätzen im Osten des Reiches. Wirtschaftlich konnte sich Alexandria Troas auf mehrere sehr lukrative Standbeine verlassen. So trugen die Salzquellen von Larisa, Bergwerke, Ackerland, nicht zu vergessen die Hafengebühren und die Einnahmen für das Apollon Smintheios Heiligtum zum ständig steigenden Reichtum bei.

Eine herausragende Rolle spielte die Stadt auch für das frühe Christentum: Der Apostel Paulus besuchte die Stadt zweimal und hatte hier eine Vision, die ihn dazu veranlasste, in Europa den christlichen Glauben zu verkünden. Der spätere Niedergang der antiken Metropole geht nach Ansicht von Prof. Schwertheim einher mit der zunehmenden Bedeutung Konstantinopels. Wann genau die Küstenstadt aufgegeben wurde, ist unklar. Schwere Erdbeben in dieser Region im 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. dürften hierbei eine wichtige Rolle gespielt haben.

Die diesjährige Kampangne stand neben Grabungsschnitten (Sondagen), durch die unter anderem die Eingangssituation geklärt werden konnte, vorallem im Zeichen der Restaurierung. So bearbeitete Stefan Rosendahl, ausgebildeter Steinmetz und Student an der Kunstakademie Münster, einige Kalksteinblöcke nach antiken Vorgaben und fügte sie in die Innenmauer des Rundhoftores ein, um diese abzusichern und einen Eindruck von der ursprünglichen Gestalt der Anlage zu vermitteln.

Im antiken Stadtzentrum konnte zum einen das aufgrund geophysikalischer Untersuchungen angenommene rechtwinklige Straßensystem durch einen Suchschnitt nachgewiesen werden. Zum anderen wurden die Grabungen an einem Podiumtempel fortgeführt, dessen gewaltiges Fundament eine ungewöhnliche Form der Tempelarchitektur mit zwei Säulenfronten in vermutlich korinthischer Bauordnung erkennen lassen. Vom Mauerwerk und der Marmorausstattung fanden Prof. Wiegartz und seine Mitarbeiter jedoch nur noch Fragmente, da der Bau später als Steinbruch genutzt wurde.

Der Tempel bot den Archäologen aus Münster einen buchstäblichen Einstieg in die Antike: Am Rande des freigelegten Tempelfundaments wurden zwei Schächte entdeckt, die Zugänge zu einem unterirdischen Kanalsystem bildeten. Mehrere Zuflüsse in den aus Gussmauerwerk gefertigten Wänden zeigen, dass dieser Kanal der Abwasserentsorgung in der antiken Großstadt diente.

Beteiligt an den Ausgrabungen waren auch Studierende der Universität Münster. Einer von ihnen, Tobias Esch, stieß bei der Freilegung von einem der beiden Kanalschächte in mehr als acht Meter Tiefe zunächst auf einen menschlichen Schädel und weitere Knochen. Die wegen der beengten Raumverhältnisse schwierige Bergung förderte im folgenden einen Lederbeutel, einen goldenen Ohrring, eine Gemme mit der Darstellung des Halbgottes Herakles und mehr als 300 antike Münzen zutage. Die Silbermünzen mit Porträts römischer Kaiser wurden von türkischen Restauratoren konserviert und befinden sich jetzt im archäologischen Museum von Çanakkale.

Der Fund bietet reichlich Stoff für Spekulationen. Ein Begräbnis scheidet aus, da die Bewohner von Alexandria Troas ihre Toten - wie in der Antike üblich - außerhalb der Stadtmauern bestatteten. Anzunehmen ist eher, dass dieser Befund im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen steht. Möglicherweise kam ein Bewohner der Stadt bei dem Versuch zu Tode, seine Habseligkeiten in dem Schacht vor räuberischen Überfällen in Sicherheit zu bringen. Die jüngsten der gefundenen Münzen mit dem Bild des Kaisers Valerian, der von 253 bis 260 n. Chr. regierte, geben einen wichtigen Anhaltspunkt für die Datierung des tödlichen Dramas. Aus dieser Zeit sind Plünderungszüge der Goten in Kleinasien überliefert, die 262 n. Chr. auch Troja brandschatzten. Noch sind aber viele Fragen offen und die Funde, darunter das Skelett und die Münzen, müssen wissenschaftlich weiter untersucht werden.

Thilo Jordan
Redaktion Archäologie Online
(Informationen: Universität Münster)