7.000 Jahre Siedlungsgeschichte ...

und ein spätlatènezeitlicher Goldmünzenhortfund in Riegel am Kaiserstuhl

von: Dr. Jörg Drauschke
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Der Neubau einer Mehrzweckhalle auf dem "Fronhofbuck" genannten Gelände am nördlichen Ortsausgang von Riegel a.K. war bereits im Jahr 2000 Anlaß für umfangreiche archäologische Untersuchungen gewesen. Die Umgestaltung des Hallenvorgeländes als auch die zusätzliche Anlage von PKW-Stellplätzen machten weitere Ausgrabungen notwendig, die vom 5. 3. bis 27. 7. 2001 auf einer Fläche von ca. 850m² von der Archäologischen Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg durchgeführt wurden. Die dabei angetroffenen Funde und Befunde spiegeln eine 7000jährige Besiedlungsgeschichte des Platzes wider, die mit dem spätlatènezeitlichen Goldmünzenhort einen in Baden-Württemberg bislang einzigartigen Höhepunkt besitzt.

Die ältesten Strukturen stammen aus der Jungsteinzeit und gehören der älteren Stufe der Linearbandkeramischen Kultur an (ca. 5300/5200 v. Chr.). Es handelt sich um Vorrats- und Abfallgruben und Pfostenlöcher, in denen v.a. charakteristische Keramik, Spinnwirtel, Knochen, Abschläge und Klingen aus Feuerstein, 2 Felsgesteinbeile und ein Mahlstein gefunden wurden. Besonders erwähnenswert ist der Fund eines ca. 8cm langen, phallusförmigen "Knochenknebels" und die Aufdeckung einer Bestattung dieser Zeitepoche in einer aufgegebenen Siedlungsgrube.

Etwa 1000 Jahre später, am Übergang vom Mittel- zum Jungneolithikum, scheint der Platz wieder aufgesucht worden zu sein, wie die kleinen, aber charakteristischen Keramikfragmente beweisen, die der "Fazies Riegel" zuzuweisen sind, einer regionalen Variante der älteren Entzheimer / Straßburger Gruppe am nördlichen Kaiserstuhl.

Ein weiteres Kapitel der Besiedlungsgeschichte nimmt die ausgehende mittlere Bronzezeit oder Hügelgräberbronzezeit (ca. 1500-1300 v. Chr.) ein. Zwei Siedlungsgruben dieser Zeit lieferten ein reichhaltiges grob- und feinkeramisches Material. Letzteres kommt in Form von kleinen Schalen und Tassen vor, die mit horizontalen Bändern, Zickzackmustern und Girlanden aus Ritzlinien oder in kerbschnittartiger Technik verziert sind.

Einen viel größeren Komplex bilden dagegen die Spuren der keltischen Epoche, die ins 2. Jh. v. Chr. datieren und der ausgehenden mittleren und beginnenden späten Latènezeit entsprechen. Herausragend ist darunter der kleine Schatzfund, der aus insgesamt 27 keltischen Goldmünzen besteht. Sie waren ursprünglich in einem kleinen Keramikgefäß in der Erde deponiert worden, vielleicht aus kultischen Gründen, oder um sie in einer Notsituation in Sicherheit zu bringen. Der Topf wurde in der Zeit danach aus seiner ursprünglichen Lage gebracht. Das kann durch die Einwirkung des Pfluges geschehen sein, spätestens aber, als das Areal in römischer Zeit für den Bau einer Straße mit einer Kiespackung planiert wurde. Das Keramikgefäß wurde derart verrissen, daß es bei der Ausgrabung mit dem Boden zuoberst angetroffen wurde. Von den 27 Münzen befanden sich noch 8 im Boden des Topfes (Abb. 3), die übrigen lagen von Nordwesten nach Nordosten bis zu 3m davon entfernt verstreut im Boden. Sie wurden einzeln geborgen, während der Hortfund als Block aus der Erde genommen und im Landesdenkmalamt von Dr. R. Dehn freigelegt wurde. Die Schicht, in der das Depot gefunden wurde, ist eine von vielen Kleinfunden durchsetzte spätkeltische Kulturschicht, die durch den späteren, römischen Straßenbau "konserviert" und vor Erosion und anderen Einflüssen geschützt wurde.

Es handelt sich erst um den dritten, aus Goldmünzen bestehenden Hortfund der Spätlatènezeit in Deutschland, der bei planmäßigen archäologischen Ausgrabungen geborgen werden konnte und um den ersten in Baden-Württemberg! Dementsprechend bedeutend ist seine Aussagekraft. So darf Riegel sicherlich als eine wichtige keltische Siedlung angesehen werden, in der vermögende Personen wohnten, die am internationalen Handel und Güteraustausch teilnahmen. Riegel war in ein Verkehrsnetz eingebunden, das von Nord nach Süd am Oberrhein entlanglief und von Westen über den Rhein (Sasbach) gen Osten weiterlief.

Die Analyse der Münzbilder wird neue Erkenntisse über die Verbreitung von Münzherren, Münzmeistern und Münzestempeln ermöglichen. Die Münzen selbst gehören alle zum Typ des "Philipper-Staters", d.h. es handelt sich um die Imitation einer ursprünglich 8,5 g schweren griechischen Goldmünze, die unter Philipp II. v. Makedonien (382-336 v. Chr.) und seinem Sohn Alexander III., d. Großen (356-323 v. Chr.) geprägt wurde und die auf der Vorderseite das Portrait von Apoll und auf der Rückseite ein Pferde-Zweigespann ("Biga") mit Wagenlenker zeigt. Die ca. 6,5g schweren Riegeler Goldmünzen zeigen diese Münzbilder in stark stilisierter Form und mit Unterschieden im Detail, so daß verschiedene, z.T. bislang unbekannte Prägungen vorliegen. Weitere Auswertungen sind hier den Spezialisten, d.h. den Numismatikern vorbehalten.

Neben diesem spektakulärem Fund fanden sich außerdem Silbermünzen, gegossene Bronzemünzen ("Potinmünzen") und geprägte Bronzemünzen der Spätlatènezeit, letztere gehören ebenfalls zu einem bis dato unbekanntem Münztyp. Sehr zahlreich sind auch die anderen keltischen Kleinfunde, neben Keramik v.a. Bronzeschmuckfragmente und Bruchstücke von Glasarmringen. Pfostengruben repräsentieren Überreste der Wohn- und Speicherbauten der keltischen Siedlung, zu der auch zahlreiche Vorrats- und Abfallgruben, ein Töpferofen und in den Boden eingetiefte Häuser ("Grubenhäuser") gehörten.

Mit dem "Fronhofbuck" fassen wir auch den Randbereich der römischen Kleinstadt Riegel (1.-3.Jh. n.Chr.). Als ein wichtiges Ergebnis für dessen Topographie muß die Aufdeckung der mittig durch die Grabungsfläche verlaufenden Kiesdamm einer römischen Straße gelten, die nach Norden aus dem Ort herausführte. Die zunächst 7,8m und nach einer Erweiterung 9,6m breite, aber an den Rändern z.T. durch moderne Eingriffe stark gestörte Straße war in der Mitte max. 0,8m hoch erhalten und wurde seitlich von zwei Gräben, die bei Erweiterungsmaßnahmen teilweise überbaut wurden, flankiert.
Östlich und westlich dieser Strukturen wurden zahlreiche Reste der römischen Bebauung dokumentiert, v.a. Planier- und Kulturschichten, wenige Brandhorizonte, außerdem Vorrats- und Abfallgruben, Latrinen, Gräben und Pfostenstellungen, viele Feuerstellen und ein in die Wand des Straßengrabens eingelassener Backofen. Besonders erwähnenswert ist die Häufung von Holz- und Steinkellern am Rand des römischen Riegel, die z.T. erhebliche Größen erreichen können (bis ca. 36m²), was auf eine umfangreiche Lagerhaltung schließen läßt. Offensichtlich besaß dieses Quartier an einer ausgedehnten Straße in der Nähe der wohl schiffbaren Elz ein enormes wirtschaftliches Potential. Rechts und links der römischen Straße hat man sich eine ebenerdige und enge Bebauung aus langschmalen Häusern ("Streifenhäusern") vorzustellen, in deren vorderem Bereich die Keller lagen.

Nur wenige Befunde, darunter vielleicht 6 beigabenlose, West-Ost-ausgerichtete Körperbestattungen gehören der früh- bis hochmittelalterlichen Epoche an. Schließlich haben auch die Ereignisse des 2. Weltkriegs ihre Spuren in Form eines 3,0 x 3,2m großen Betonblocks hinterlassen, der einer Flakstellung als Fundament diente.

Die Gemeinde Riegel, der an dieser Stelle für die gute Zusammenarbeit herzlich gedankt sei, hat mittlerweile einen Steinkeller und einen Steinbrunnen restauriert und in die Umgebung der fertiggestellten Mehrzweckhalle integriert. Allen Besuchern ist damit ermöglicht worden, einen Eindruck von dem geschichtsträchtigen Boden zu erlangen, auf dem die "Römerhalle" errichtet wurde.