Siedlungen der Bronze- und Eisenzeit im Kaukasus

von: Christoph Steinacker M.A.
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In Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern des Institutes für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen und der Georgischen Akademie der Wissenschaften führte die Firma GGH aus Freiburg unter Leitung von Prof. Manfred Korfmann im letzten Jahr eine geomagnetische Vermessung in Ostgeorgien durch. Ziel der Untersuchungen war eine bereits aus Luftbildaufnahmen und kleineren Sondierungen unter dem Namen "Naomari Gora" bekannte Siedlungsstruktur in der David-Garetschi-Steppe in der Nähe der Stadt Udabno. Das Interesse der Tübinger Wissenschaftler gilt besonders den möglichen Handelsverbindungen innerhalb der Schwarzmeerregion. Besonders in den Gräbern sollten sich nach Ansicht der Tübinger in den Formen von Schmuck, Waffen und Keramik intensive Kontakte zwischen dem Kaukasus und Westanatolien erkennen lassen.

Die untersuchte Siedlungsstruktur „Naomari Gora“ liegt auf einem nordwestlich-südöstlich verlaufenden Höhenrücken und erstreckt sich auf einer Länge von ca. 600 m. Sie besteht im Nordwesten aus einer als"Zitadelle" bezeichneten trapezförmigen Anlage (A), die von einer ca. 4 m starken Steinmauer umgeben ist. Die Beschaffenheit des Mauerwerkes der Umfassungsmauer und der Innenbebauung deuten darauf hin, daß der obere Teil der Mauern aus Lehmziegeln errichtet war. Eine daran anschließende hügelförmige Erhebung (B) mit einem aus Trockenmauerwerk errichteten Haus im Zentrum wird aufgrund vergleichbarer Befunde aus der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit bisher von den georgischen Archäologen als Heiligtum gedeutet. Die dort gefundene Keramik ist ebenfalls typisch für das 2. - 1. Jahrtausend v. Chr., also dem Ende der Bronze- und Beginn der Eisenzeit. Östlich davon anschließend befindet sich eine Aneinanderreihung von symmetrischen Gebäuden, die von den Archäologen bislang als Vorratsräume gedeutet werden. In einem kleinen Teil der Siedlung wurde auch eine andere Keramikart gefunden, die zu den Gräbern im südlichen Teil der Siedlung passen. Die Grabinventare lassen sich in das 4. Jahrhundert v. Chr. datieren, gehören also einer wesentlich späteren Nutzungsphase an.

Der Kaukasus stellt ein Randgebiet des altorientalischen Kulturgebietes dar. Spuren dieses Einflusses finden sich in neuester Zeit auch in weiter nördlich gelegenen Gebieten als bisher angenommen. Zu diesen an Berghängen liegenden Siedlungen gehört auch die von dem Wissenschaftlerteam untersuchte Siedlung "Naomari Gora". Die Siedlungen scheinen geplant angelegt worden zu sein und belegen damit die Existenz einzelner politischer Einheiten mit städtischen Siedlungen an der Wende vom 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. Soweit bisher bekannt, handelt es sich jeweils um eine Zentralsiedlung mit einigen umgebenden kleineren Siedlungen. Auch im Falle von "Naomari Gora" gibt es einige umgebende Siedlungen, die durch Gräben und Aufschüttungen befestigt sind.

Da das Klima der Region für Landwirtschaft nicht besonders günstig ist und auch durch zu großen Abstand zum Wasserniveau eine künstliche Bewässerung nicht in Frage kommt, scheint der Nutzen der Siedlung wohl im wesentlichen im Eisenerzabbau gelegen zu haben. Eine Untersuchung des Institutes für Geologie der Georgischen Akademie der Wissenschaften hat bereits die hohe Qualität des Eisenerzes in dieser Gegend belegen können. Im gesamten Gebiet konnte zudem von den Archäologen mehreren Stellen die Verarbeitung von Eisen nachgewiesen werden. Die älteste in diesem Zusammenhang gefundene Keramik deutet wiederum auf die Wende vom 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. Botanische Untersuchungen ergaben ebenfalls, daß zu Beginn des Erzbergbaus in dieser Zeit noch dichte Wälder standen, die, wohl als Folge allzu intensiver Abholzung, in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. langsam verschwanden und dadurch die heutige Grassteppe entstand.

In diesem Jahr werden die geomagnetischen Untersuchungen fortgesetzt. Zudem werden die im letzten Jahr untersuchten Flächen durch ein von Prof. Korfmann geleitetes internationales Archäologenteam ausgegraben. Auf die Ergebnisse der weiteren Untersuchungen in dieser heute unbewohnten Region darf man gespannt sein.

Literatur

  • Konstantin Pizchelauri, Eine neue altorientalische Kultur der Eisenzeit im Innern des Kaukasus, Anadolu Arastirmalari XIV, 1996, 425 - 437.