Prähistorische Forschung im marokkanischen Rif

Ein gemeinsames Projekt von KAVA des DAI (Bonn) und INSAP (Rabat)

von: Dr. Josef Eiwanger
veröffentlicht am

Seit 1995 erforschen deutsche und marokkanische Archäologen in enger Zusammenarbeit die vorgeschichtliche Kulturabfolge des östlichen Rifgebirges. Unsere Wahl fiel auf dieses Gebiet, weil es, zuvor völlig unerforscht, eine einzigartige Kontaktzone zwischen Sahara und Mittelmeerwelt, zwischen Afrika und Europa darstellt.

Ziel des Projektes ist es, in der ungefähr 10000 Quadratkilometer umfassenden Region zwischen der Schwelle von Taza, der Moulouya und der Mittelmeerküste eine möglichst vollständige Abfolge von der frühesten menschlichen Besiedlung bis zur "Protohistoire", der berberisch-antiken Randkultur zu gewinnen und in ausgewählten Fundstellen zu ergraben.

Die erste Phase des Projektes bestand in umfangreichen Surveys, während derer mehrere hundert Fundplätze festgestellt werden konnten. Die älteste Besiedlung datiert ins Spät-Acheuléen, es handelt sich um einen Fundplatz nahe der Küste bei Nador. Mehrere Dutzend Faustkeile aus örtlichem Gestein konnten hier geborgen werden. Eine Grabung ist vorgesehen, denn die Fundstelle ist, äußerst selten im Maghreb, von einer Deckschicht versiegelt und in situ befindlich.

Zahlreiche Plätze gehören dem Mittel-, Jung und Epipaläolithikum an. Meist sind es Höhlen und Abris, die teilweise mächtige Stratigraphien aufweisen, und einige davon konnten ausgegraben werden. Besonders beeindruckend ist das Abri Ifri n'Ammar, in 250 Metern Meereshöhe und etwa 40 Kilometer vom Mittelmeer entfernt in den östlichen Rif-Ausläufern gelegen.

Bisher erschlossen wurde auf einer 45 Quadratmeter großen Fläche, einem guten Drittel des Felsüberhanges, eine sehr dichte und außerordentlich fundreiche Stratigraphie des Moustérien, Atérien und Ibéromaurusien in einer chronologischen Spannbreite von 53000 bis 13000 cal. BP. Die Schichten des Moustérien konnten bisher nur in ihrem obersten Abschnitt erfaßt werden, sie setzen sich in die Tiefe fort. Darüber liegt, etwa einen Meter mächtig, Atérien mit zahlreichen typischen Stielartefakten sowie Débitage in großen Mengen. Die mittelpaläolithischen Schichten werden vom Jahre 2002 an in größerer Fläche gegraben.

Überlagert wird das Atérien durch zweieinhalb Meter mächtige Schichten des Ibéro-maurusien, das wir in unserem Arbeitsgebiet an mehreren Plätzen stratigraphisch erfassen, gliedern und umfassend datieren konnten (ca. 21000 - 10000 cal. BP).

In Ifri n'Ammar besteht ein großer Teil der Ibéromaurusien-Sequenz aus einer Escargotière, aus zahllosen Gehäusen von Landschnecken, wie sie auch heute noch im Maghreb verzehrt werden. Die Funddichte in der Escargotère ist außerordentlich hoch (< 100000 Artefakte). Das bekannte lithische Formenspektrum des Ibéromaurusien konnte erheblich erweitert werden. Hinzu treten zahlreiche Befunde im Zusammenhang mit der Geräteproduktion, unter anderem Schlagplätze und ein Depot präparierter Nuklei mit Bleiglanzbemalung.

Aufgrund der günstigen Erhaltungsbedingungen des Abris ist auch der nichtlithische Fundanfall sehr groß. Knochengeräte aller Art, darunter eine Spatula mit möglichen Notationsspuren, fossiler Muschelschmuck und Schildkrötenpanzer als Rötelbehälter sind hier zu nennen.

In die Schichten des 13. und 12. Jahrtausends eingebettet fanden sich an der Höhlenwand mehrere Kinderskelette, an denen gegenwärtig AMS-Datierungen und DNA-Analysen vorgenommen werden. Im günstigen Falle sind hier Aufschlüsse über die Verwandtschaftssituation dieser späten Jägergruppe zu gewinnen.

Das Projekt wird begleitet von umfangreichen naturwissenschaftlichen Untersuchungen (u.a. Sedimentanalyse: Universität Erlangen, Prof. Dr. L. Reisch, Faunenbestimmung: Museum Alexander Koenig, Bonn, Dr. R. Hutterer, Paläo-DNA: Institut Theodore Monod, Paris, E.-M. Geigl).

Weitere Forschungsfelder der Kooperation sind holozäne Stratigraphien (7. bis 3. Jahrtausend v.Chr.), protohistorische Nekropolen (1. Jahrtausend v.Chr. bis 1. Jahrtausend n.Chr.), Vegetationsgeschichte anhand von Süßwassersedimenten sowie umfangreiche Surveys im Arbeitsraum.

Literatur

  • Abdeslam Mikdad / Josef Eiwanger, Recherches préhistoriques et protohistoriques dans le Rif oriental (Maroc) in: Beiträge zur Allgemeinen und Vergleichenden Archäologie, Bd. 20.