Im Schatten Solimanas

Archäologie im tiefsten Canyon der Welt

von: Dr. Justin Jennings
veröffentlicht am

Zum dritten Mal kletterten Willy und ich den matschigen steilen Hang nach oben. Von den Bewohnern Yumascas wußten wir, daß auf der anderen Seite der hoch über dem Dorf aufragenden Klippen einige Gräber zu finden sein sollten. Unser Problem war nur, den Weg dorthin zu finden. Der schmale Pfad, dem wir gefolgt waren, hatte irgendwann aufgehört, und jedesmal wenn wir einen anderen Weg einschlugen, stießen wir nur auf Kakteen, blanke Felsen oder, wie in einem anderen Fall, auf einen wütenden Bullen. Bei unserem dritten Versuch konnte ich mit Willys kräftigen und ausholenden Schritten nicht mehr mithalten und fiel schnell zurück. Er verschwand hinter der Bergkuppe und wenige Minuten später hörte ich ihn auf Spanisch rufen: „Justin, komm her, komm her, wir haben es gefunden!“ Mit neuer Energie eilte ich über den Hügel und kam zu der Stelle, die Arcopunko genannt wird.

Willy and I scrambled up the muddy, steep, slope for the third time that afternoon. After our conversations with several of the villagers of Yumasca, we knew that a group of tombs could be found on the other side of a cliff face that loomed high above the modern community. Our problem was finding a way to get up there. The thin trail we had followed had died out and each time we tried to find a way up to the sites we ran into cacti, sheer rock faces, or, in one case, an angry bull. Tired and exhausted during our third attempt, I quickly fell behind the pace of Willy's stronger, more exuberant legs. He disappeared over the top of the hill and, moments later, I heard him calling to me in Spanish, "Justin, come here, come here, we found it!" With new energy, I hurried over the hill and came upon the site of Arcopunko.

Der Name Arcopunko bedeutet in der Quechua-Sprache „Steinerner Bogen“ und es war deutlich zu sehen, warum der Platz diesen Namen erhalten hatte. Die Gräber waren in einer Höhle am Fuße einer großen Sandsteinklippe angelegt worden, die in einem steinernen Bogen endete. Ich sah mindestens 10 Gräber in der Höhle und wie wir später feststellten, waren ungefähr 50 Individuen hier bestattet worden. Die Gräber waren quadratisch oder rechteckig und in drei Etagen angeordnet. Willy winkte mir ungeduldig, doch endlich weiterzugehen, denn er hatte dankenswerterweise auf mich gewartet, bevor er die Höhlen erkunden wollte. Obwohl alle Gräber beraubt worden waren, fanden wir noch verschiedene Textilien, darunter einen viereckigen Hut in prächtigen Farben und Umhänge. Außerdem fanden wir eine komplett erhaltene Mumie. Der in gebeugter Haltung von einem Netz aus Schilfgras zusammengehaltene Körper war noch gut erhalten. Die Keramikfragmente, die Willy und ich dort einsammelten, datieren in die Zeit zwischen 600 und 1400.

Arcopunko means stone arch in Quechua and it was easy to see how the site got its name. The tombs were nestled in a deep hollow at the base of a large sand stone cliff that ended in a stone arch. I saw at least 10 tombs in the hollow and we would later estimate that the tombs housed approximately 50 individuals. The tombs were square and rectangular and stacked up to three stories tall. Willy was waving me on impatiently since he had graciously decided to wait for me before exploring the tombs. Although all of the tombs were looted, we would go on to find a small collection of textiles that included a brightly colored four-cornered hat and tunic. We also found a complete mummy. The body was well preserved and was bound together in a flexed position by a harness of grass reed ropes. The ceramic fragments that Willy and I collected at the site dated to 600-1400 AD.

Die Entdeckungen dieses Tages waren Teil eines langjährigen Projektes zur Untersuchung der Vorgeschichte des Cotahuasi-Tales in Peru, das mit einem Höhenunterschied von bis zu 3500 m zwischen Talsohle und umgebenden Bergspitzen der tiefste Canyon der Welt ist. Der Canyon ist ein tiefer Spalt umgeben von schneebedeckten Bergen, wie dem Ampato, dem Solimana und dem Coropuna, die wegen der auf ihren Gipfeln entdeckten inkazeitlichen Menschenopfer Berühmtheit erlangten. Obwohl das Cotahuasi-Tal heute eine zwölfstündige knochenzermürbende Busfahrt von der Stadt Arequipa entfernt ist, diente es früher als natürlicher Korridor von der Sierra zum Meer. Die vielfältige Geschichte dieses Gebietes reicht zurück bis in die Zeit um 6000 v. Chr. Im Gegensatz zu anderen Gebieten Perus sind die Fundstellen hier in den meisten Fällen sehr gut erhalten und die lokalen Behörden sind Archäologen gegenüber freundlich gesinnt. Dennoch ist die archäologische Forschung in diesem Tal ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Our experiences that day were part of a year long project studying the prehistory of the Cotahuasi Valley of Peru. With the valley's edges rising in parts over 3,500 meters from the valley floor, it is the deepest canyon in the world. It is a deep chasm surrounded by snow-capped peaks, such as Ampato, Solimana, and Coropuna, that were made famous by the discovery of Inka sacrificial victims on their crests. Although presently isolated at the end of a bone jarring 12 hour bus ride from the city of Arequipa, Cotahuasi long served as a natural corridor from the sierra to the sea. The valley has a rich history that dates back to at least 6,000 BC. Unlike some areas of Peru, sites are magnificently well preserved in most cases and the provincial authorities are friendly towards archaeologists. Doing archaeology in the valley, however, is not as easy as it might first appear.

Im zentralen Andengebiet lebten die Menschen früher – und meist auch heute noch – von Ackerbau und Viehzucht. Die Siedlungen wurden im Allgemeinen auf halber Höhe der Hänge des Tales angelegt, damit man am einen Tag hangabwärts den Mais auf den Feldern bestellen und am anderen Tag hangaufwärts die Lamas zu weiden konnte. Erst während der Reformen der Spanier in den 1570er Jahren wurde ein Großteil der Menschen gezwungen, in größeren Städten auf der Talsohle zu siedeln. Die meisten Leute leben heute in diesen Städten und auch wir mieteten ein Haus in einer davon, in Lucha.

Dieses Produkt der spanischen Politik sozialer Kontrolle ließ mich im Laufe von acht Monaten 15 kg Gewicht verlieren. Um zu den archäologischen Fundplätzen zu gelangen mußten wir nämlich meist 1000 Höhenmeter auf schmalen, steinigen Pfaden überwinden – und das in einer Höhe von 2600 bis 4000 m über dem Meeresspiegel. Die 2 - 4 Stunden, die man brauchte, um zu einer Ansammlung von Ruinen zu gelangen, ließen einem nur wenig Zeit zum Fotografieren, Kartieren, Dokumentieren und Sammeln von Funden – Aufgaben, die an jeder Fundstelle erledigt werden mußten. Da nicht einmal die Cotahuasinos selbst es wagen, nach Einbruch der Dunkelheit auf den tückischen Bergpfaden unterwegs zu sein, blieben uns meist nur ein paar Stunden an einer Fundstelle, bevor wir umkehren mußten.

Ein anderes Problem, auf das man sehr bald stößt, ist, daß man für die archäologische Feldforschung von jeder Gemeinde, auf deren Gebiet man tätig ist, eine Genehmigung benötigt. Wir hatten für unsere Arbeiten Genehmigungen des Staates Peru und des Bezirkes Arequipa. In den größeren Städten des Tales waren diese Genehmigungen vollkommend ausreichend. In den kleineren, stärker traditionell organisierten Orten hatten wir jedoch Probleme, die Bevölkerung von der Rechtmäßigkeit unserer Forschungen zu überzeugen. Zugegebenerweise waren wir auch ein seltsamer Haufen. Ein Papier vor uns schwenkend marschierten wir in ein Dorf, das nur sehr selten Kontakt mit Fremden hatte, und versuchten ihnen klar zu machen, daß wir sehr interessiert an den alten Ruinen oberhalb ihrer Felder wären. Schnell kamen Gerüchte auf: jemand hätte uns gesehen, wie wir Behälter mit Gold und Silber aus frisch gegrabenen Löchern holten, andere behaupteten wir wären westliche Ingenieure, die einen Platz für einen Bewässerungskanal suchten; solche Gerüchte verbreiteten sich schnell im ganzen Tal. In jedem Dorf mussten wir diese Gerüchte mühevoll entkräften und den wahren Grund unseres Besuches erklären. In den meisten Fällen konnten wir die Bewohner überzeugen, wobei wir uns häufig mit ihnen darüber unterhielten, wie man die reichen archäologischen Hinterlassenschaften des Tales für den Tourismus nutzen könnte.

Wie viele andere der Täler im Hochland von Peru beherbergt das Cotahuasi-Tal eine Vielzahl an beeindruckenden archäologischen Plätzen, die Zeugnis von der jahrtausendealten kulturellen Entwicklung ablegen. Mit auch heute noch bis zu drei Meter hoch aufragenden Mauern sind die Ruinen von Maulkallacta und Collota die stillen Zeugen der Expansion des Inka- und Wari-Reiches in diese heute isolierte Region. Die schönen Obsidianspitzen, die in Purkaya gefunden wurden, sind ein Zeugnis der Fertigkeiten der Jäger und Sammler, die dieses Tal zuerst besiedelten. Das Tal und seine heutigen Bewohner geben jedoch die prähistorischen Geheimnisse dieser Region nicht einfach preis. Vulkanische Aktivitäten, geologische Verschiebungen und Vergletscherung machen Forschungen in diesem Tal körperlich anstrengend. Das Erbe der europäischen Kolonisierung und die Unterentwicklung haben die Bewohner gegenüber Fremden mißtrauisch gemacht. Willy, ich und der Rest der Mannschaft vom Proyecto Cotahuasi, versuchen immer wieder die Barrieren körperlicher Anstrengung und die Verständnisschwierigkeiten zu überwinden, denn die Geschichten archäologischer Stätten wie Arcopunko sollten erzählt werden.

Mehr Informationen zum Cotahuasi-Projekt finden sie hier: Proyecto Cotahuasi

In the central Andes, people used to, and many still do, subsist on a mixed economy of agriculture and herding. Villages were generally built about halfway up the valley's flank so that you could go down slope to tend your maize one day and then go up slope to graze your llamas the next day. Only during the Spanish reforms in the 1570's were large portions of the population forced from these villages into larger towns situated on the valley's bottom. Most people live in these communities today and we rented a house in one of these towns, Lucha. This artifact of Spanish policies of social control, in part, caused me to lose 15 kilograms over the course of eight months. To get to most archaeological sites, we would have to climb a vertical kilometer (in altitudes from 2,600 to 4,000 meters above sea level) on narrow, rocky trails. The 2-4 hours that it took to get to a group of ruins would leave us little time to do the photographing, mapping, recording, and collecting of surface artifacts that we needed to do at each site. Since not even a Cotahuasino would try to navigate the treacherous mountain paths after nightfall, we often had only a couple of hours at a site before we were forced to return home.

Another problem that one soon recognizes while doing archaeology in the sierra of Peru is that you need to get permission from every community in which you do work. We had official archaeology permits from the State of Peru and the Department of Arequipa to do our work in the valley. These permits were sufficient for the authorities in the towns of the valley bottom but we occasionally had trouble convincing people in the smaller, more traditionally organized, villages on the valley's flank of the legitimacy of our work. We were admittedly an odd bunch. We came into a village that had very little contact with outsiders and, waving a piece of paper in front of them, insisted that we were really interested in just looking at the old ruins above their fields. Rumors soon developed - someone saw us taking vessels of gold and silver out of a freshly dug pit; we were really Western engineers scouting for a location for a new irrigation canal - and these rumors spread across the valley. In every village, we struggled to dismiss these rumors and explain the purpose of our visit. In most cases, we were able to convince people of our intent and often entered into conversations about how to use the rich archeological remains of the valley to develop tourism in the region.

Like many of the valleys in highland Peru, the Cotahuasi Valley is home to impressive archaeological sites that tell us of thousands of year of cultural development. With walls standing in places over 3 meters tall, the ruins of Maulkallacta and Collota are silent reminders of the expansion of the Inka and Wari Empires into this now isolated region. The beautiful obsidian points found at Purkaya are a testament of the tool-making skills of the hunter-gatherers that first inhabited the Valley. The valley and the people that now live there, however, do not easily give up the region's prehistoric secrets. Volcanism, tectonic uplift, and glaciation, has made doing archaeological exploration in the valley physically exhausting. The legacies of European colonization and underdevelopment have led many to distrust outsiders. Willy, myself, and the rest of the crew of Proyecto Cotahuasi, nonetheless, works through these barriers of endurance and understanding because the stories of sites such as Arcopunko need to be told.

For more information and photographs of our work in the Cotahuasi Valley, please visit the webpage of Proyecto Cotahuasi