Goldblattkreuze, Totenbäume und Webstühle

Das Alamannenmuseum in Ellwangen wird neu eröffnet

von: Andreas Gut M.A.
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Nach zweijähriger Bauzeit öffnet das Alamannenmuseum Ellwangen am 29. September 2001 seine Tore. Das archäologische Museum im Gebäude der mittelalterlichen Nikolauspflege, einem ehemaligen Armen- und Siechenhaus, präsentiert auf drei Stockwerken alles Wissenswerte über die Alamannen und die Zeit vom 3. bis 8. Jahrhundert n. Chr. in Süddeutschland.

Im Zuge der Umbaumaßnahmen des mittelalterlichen Gebäudes zeigte sich, dass das Haus viel älter ist, als man zunächst dachte. Im Zuge einer dendrochronologischen Untersuchung der Hausbalken ließ sich als Erbauungsjahr das Jahr 1593 ermitteln. Damit handelt es sich um eines der ältesten Armen- und Siechenhäuser Südwestdeutschands, wenn nicht um das älteste noch erhaltene Haus dieser Art in Baden-Württemberg. Überraschend war auch, dass nicht nur Teile des Hauses, sondern das gesamte Hausgerüst vom Erdgeschoss bis hinauf zum Dachspitz noch auf das Erbauungsjahr 1593 zurückgehen.

Entpuppte sich das Gebäude somit als ein baugeschichtliches Kleinod von besonderem Rang, steht das in die Nikolauspflege einziehende Alamannenmuseum dem in keinster Weise nach. Im Mittelpunkt des Museums stehen die Grabungen von Lauchheim, das nur wenige Kilometer jagstaufwärts von Ellwangen liegt. Dort wurde seit 1986 nicht nur der bisher größte alamannische Friedhof mit wertvollen Grabbeigaben, sondern auch die dazugehörige Siedlung mit Herrenhof und mehreren reich ausgestatteten Hofgrablegen ausgegraben. Ein Glücksfall, der einmalige Einblicke in das Leben in einem frühmittelalterlichen Dorf ermöglichte. Die vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg durchgeführten Ausgrabungen dauern bis heute an. Und obwohl man erst am Anfang der wissenschaftlichen Auswertung steht ist schon heute klar, dass es sich bei Lauchheim um den wichtigsten frühmittelalterlichen Siedlungsbefund Süddeutschlands handelt.

Im Alamannenmuseum Ellwangen wird die Zeit der Alamannen auf vielfältige Weise wieder lebendig. Vier Themenschwerpunkte sind es, die, zum Teil mit neuen Forschungsergebnissen, besonders vertieft werden: Weben und Textilhandwerk bei den Alamannen, das Holzhandwerk der Alamannen, alamannische Gold- und Silberschmiedearbeiten sowie die Bedeutung der Alamannen als die ersten Christen in Süddeutschland. Neben zahlreichen archäologischen Originalfunden gibt es in dem neuen Museum auch Inszenierungen zu verschiedenen alamannischen Lebenssituationen in Originalgröße, interaktive Medien mit Bildschirmen und bewegten Bildern sowie zahlreiche Ausstellungselemente zum Anfassen und Mitmachen.

Während im Erdgeschoss die frühe Alamannenzeit, die Zeit der Völkerwanderung, thematisiert wird, geht es in den oberen Stockwerken um die Merowingerzeit, als Alamannien ein fränkisches Herzogtum war. Zu den besonderen im Alamannenmuseum ausgestellten Funden gehören Goldblattkreuze aus dünner Goldfolie, die als die ersten christlichen Symbole in Süddeutschland zu werten sind, wie auch die Totenbäume (Baumsärge), die zum Teil mit doppelköpfigen Schlangen verziert sind. Den Auftakt bildet im Erdgeschoss neben einem rekonstruierten alamannischen Grubenhaus aus Lauchheim mit Webstuhl, eine Inszenierung mit dem berühmten Deckengemälde aus der Wallfahrtskirche in Zöbingen, auf dem die 1161 oder 1261 erfolgte Ausgrabung eines solchen Totenbaumes dargestellt ist - es handelt sich um den frühesten belegten archäologischen Befund Süddeutschlands. Weitere archäologische "Highlights" sind eine große hölzerne Grabkammer, eine aufwändig verzierte Goldscheibenfibel (Gewandspange) sowie ein goldener Siegelring mit der Darstellung eines Hengstes - allesamt aus Lauchheimer Gräbern. Auch der Museumsgarten mit der dahinterliegenden mittelalterlichen Nikolauskapelle ist in das Museumskonzept eingebunden. In Kürze sollen hier noch ein rekonstruierten Getreidespeicher aus Lauchheim und ein Gemüse- und Nutzgarten der Alamannenzeit hinzukommen.

Abgerundet werden die Museumsaktivitäten durch laufende Sonderausstellungen, vielfältige museumspädagogische Angebote für Kinder wie für Erwachsene sowie durch Vortragsveranstaltungen und ähnliche Museumsprogramme. In der Eröffnungsausstellung mit dem Titel "Die Reiterkrieger von Pfahlheim - Reiche Adelsgräber des 7. Jahrhunderts im Osten Württembergs", die bis zum 7.4.2002 läuft, sind die 1883 bis 1906 ausgegrabenen Funde aus dem alamannischen Gräberfeld von Pfahlheim erstmals in unmittelbarer Nähe des Ausgrabungsorts vereint. Wegen seines Beigabenreichtums ist der Platz seit langem in der Forschung bekannt. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht das Phänomen des frühmittelalterlichen Reiterkriegers. Während in den meisten frühmittelalterlichen Friedhöfen Reiter nur vereinzelt beigesetzt wurden, lässt sich in Pfahlheim nahezu jeder dritte bestattete Mann durch Grabbeigaben wie Sporen, Zaumzeug oder Sattel als Reiter identifizieren. Die Ausstellung wurde vom Germanischen Nationalmuseum Nürnberg konzipiert.

Nach dem Museumsbesuch lädt die Cafeteria und ein Museumsshop zum Verweilen ein, im Garten sorgen Museumsfeste und andere Aktivitäten für Leben im Museum. Zur Eröffnung des Alamannenmuseums erscheint die Publikation "Fürst und Bauer" des Museums, die Ausstellung "Die Reiterkrieger von Pfahlheim" wird von einem Katalog begleitet, der im Museum verkauft wird.

Das Museum

Alamannenmuseum Ellwangen
Haller Straße 9
73479 Ellwangen

Tel.: 07961/96 97 47
Fax: 07961/96 97 49

Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailalamannenmuseum(at)ellwangen.de
www.alamannenmuseum-ellwangen.de

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 10-12.30 und 14-17 Uhr
Samstag und Sonntag: 10-17 Uhr
Montag außer feiertags: geschlossen
Eintritt: 5,00 DM/2,50 €, ermäßigt 3,00 DM/1,50 €
Besonderheiten:
rollstuhlgeeignet, Cafeteria, Museumsshop, regelmäßig öffentliche Führungen, museumspädagogisches Programm