Georgien - Schätze aus dem Land des Goldenen Vlies

von: Andreas Brunn M.A.
veröffentlicht am
AusstellungenAsienMontanarchäologie

Seit der Antike ist das Goldene Vlies ein Synonym für den märchenhaften Metallreichtum des Landes am Schwarzen Meer. Auch die langjährigen Forschungsaktivitäten des Deutschen Berbau-Museums Bochum im Vorderen Orient ergaben immer wieder deutliche Hinweise auf massive Metallgewinnung und Handel in dieser Region. Nach der politischen Öffnung des Landes in den 1990er Jahren ergab sich erstmals die Möglichkeit, in Georgien selbst zu forschen und Kontakte zu knüpfen. So entstand in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Archäologische Forschungen der Georgischen Akademie der Wissenschaften das Forschungs- und Ausstellungsprojekt »Georgien – Schätze aus dem Land des Goldenen Vlies«.

Die Ausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum ist in drei Teile gegliedert. Eine geheimnisvolle Stimmung umgibt den Besucher im ersten Raum, der ganz in Schwarz gehalten und effektvoll ausgeleuchtet ist. Der Blick wird sogleich auf eine monumentale mehrteilige Skulptur gelenkt, die den Bug eines Schiffes darstellt. Der Rumpf des Schiffes wird angedeutet durch die Position mannshoher stelenförmiger Vitrinen, die fast vollständig aus schwarzem Metall bestehen. Lediglich ein kleiner, etwa in Augenhöhe gelegener Teil der Stelen besteht aus Glas – hier sind beispielhaft einige der schönsten Fundstücke aus der Vor- und Frühgeschichte Georgiens in Szene gesetzt. Der obere Abschluß der Vitrinen besteht wiederum aus schwarzem Metall und erinnert in der stilisierten Form an antike griechische Helme. An den Vitrinen sind etwa in Brusthöhe Metallstäbe angebracht, die schräg nach unten zum Boden verlaufen. Erst wenn man das Ensemble aus Skulptur und Vitrinen eingehender betrachtet, erkennt man, daß es sich hier um die Darstellung der Argo und ihrer Besatzung handelt – jenes Schiffes, mit dem Iason und die Argonauten sich auf die Suche nach dem Goldenen Vlies begaben, mit Visionen von sagenhaften Schätzen in ihren Köpfen.

In Fahrtrichtung des Schiffes setzen Gemälde mit Darstellungen des an einen Felsen geketteten Prometheus und von Iason mit der kolchischen Königstocher Medea leuchtend farbige Akzente.

Der weitere Weg durch die Ausstellung führt jedoch zwischen den 'Argonauten-Vitrinen' quasi durch den Schiffsrumpf hindurch in den zweiten Raum, der einen rundovalen Grundriß mit in die Wände eingelassenen Vitrinen hat. Hier lernt man anhand der großformatigen Bilder und der Informationstexte Interessantes über die Landschaft und die Menschen in Georgien, sowie über die wechselvolle Geschichte des Landes. Vielen dürfte z.B. nicht bekannt sein, daß der bisher früheste Bewohner Eurasiens eben hier in Georgien entdeckt wurde: der 1,75 Millionen Jahre alte Homo erectus von Dmanissi ist der älteste Fund dieser Urmenschenart außerhalb Afrikas. Weiterhin werden in diesem Raum die bedeutendsten archäologischen Kulturen der Jungsteinzeit und Bronzezeit vorgestellt. Andere Vitrinen sind der eher jüngeren Geschichte und den Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien gewidmet, wie etwa deutschen Siedlern und Forschern in Georgien des 18. / 19. Jahrhunderts bis hin zu dem Treffen im Jahr 1990 im Kaukasus, bei dem Gorbatschow, Schewardnadze, Kohl und Genscher die deutsche Wiedervereinigung vorbereiteten.

Im dritten und größten Raum wird dann deutlich, wieso diese Ausstellung ausgerechnet im Deutschen Bergbau-Museum Bochum stattfindet: hier dreht sich alles um die Gewinnung und Verwendung der verschiedenen Metalle und anderer mineralischer Rohstoffe in der Vor- und Frühgeschichte Georgiens. Im Zentrum des Raumes dreht sich auch etwas, nämlich die überdimensionale Nachbildung einer bronzezeitlichen Hirschfigur. Im Original nur wenige Zentimeter groß, beherrscht diese Figur mit einer Größe von etwa drei Metern den Raum, dessen Wände in ihrem Dekor an kirchliche Architektur erinnern.

Wie Fenster in die Vergangenheit wirken die in die Wände eingelassenen Vitrinen, auf deren Rückwänden sich meist sehr dezente zeichnerische Darstellungen finden, welche die ausgestellten Objekte hervorragend illustrieren. Mit grauem Strich auf weißem Grund wird so den Exponaten ein wenig Leben eingehaucht und gezeigt, wie etwa die ausgestellten Geräte verwendet oder wie Waffen oder Schmuck getragen worden sein könnten. Dabei drängen sich die Illustrationen nie in den Vordergrund und lassen dem Besucher stets Raum für die eigene Vorstellungskraft.

Gleich links vom Eingang werden die bergmännisch gewonnenen Rohstoffe und Erze vorgestellt, die in der Geschichte Georgiens eine wichtige Rolle spielten, wie etwa Antimon- und Kupfererze, Blei- und Silbererze sowie Goldvererzungen, aber auch Obsidian. Die verwendeten bergmännischen Werkzeuge findet man gleich eine Vitrine weiter: Rillenschlägel, Hämmer, Klopf- und Reibesteine aus harten Gesteinen wie Granit, Andesit oder Diabas. Nicht in diese Vitrine passte wohl ein sehr bemerkenswertes Exemplar eines Rillenschlägels aus einem Kupferbergwerk des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, das gesondert präsentiert wird: Es ist über 44 kg schwer und konnte wohl kaum von einem Bergmann allein gehandhabt werden.

Zu den montanarchäologisch besonders interessanten Stücken gehören u.a. auch die seltenen Holzfunde, wie etwa das Fragment eines spätbronzezeitlichen Fördertroges und das hölzerne Model einer Tüllenaxt zur Herstellung von Gußformen aus der Mitte des 3. Jahrtausends.

Da der Schwerpunkt der Ausstellung auf der Metallgewinnung und -verarbeitung liegt, bekommt man entsprechend wenig Keramiken zu sehen, die sonst üblicherweise einen Großteil der Exponate stellt. Statt dessen wird in Bochum ein breites Spektrum an Grußformen, Tiegeln und natürlich zahlreichen Metallobjekten präsentiert. Darunter finden sich aus gediegenem Kupfer kaltgeschmiedete Pfeilspitzen und Ahlen aus dem 6. Jahrtausend als früheste Belege für Metallverarbeitung, einige im Gußverfahren hergestellte Objekte aus reinem Kupfer und viele Waffen, Schmuckstücke und andere Gegenstände der Bronzezeit, die aus verschiedenen Kupferlegierungen hergestellt wurden – neben der 'klassischen' (Zinn-) Bronze sind hier insbesondere Antimon- und Arsenkupfer zu nennen.

Neben zahlreichen Werkzeugen, Waffen und Schmuckstücken aus Bronze, Eisen, Gold und Silber sind in der Ausstellung auch andere Metallobjekte vertreten, die man ansonsten wohl kaum zu sehen bekommt, so z.B. bronze- und eisenzeitliche Schmuckstücke, die aus reinem Antimon bzw. reinem Zinn bestehen oder einen Bronzehortfund aus zahlreichen z.T. miteinander verschmolzenen Einzelobjekten, der wohl als Rohstoffdepot diente.

Zur Ausstellung ist ein knapp 500 Seiten starker, durchgängig farbig illustrierter Katalog erschienen, in dem die einzelnen Themen noch einmal ausführlich dargestellt werden. Entsprechend der Ausrichtung der Ausstellung behandelt die Mehrzahl der Beiträge montanarchäologische bzw. archäometallurgische Themen, die ersten 80 Seiten sind jedoch einer Einführung in die Landeskunde und einem Überblick über den aktuellen Stand der archäologischen Forschung in Georgien gewidmet.

Im Katalogteil selbst sind die Exponate - die anläßlich der Ausstellung einer Materialanalyse unterzogen wurden - jeweils noch einmal in Farbe abgebildet und ausführlich beschrieben (inklusive der Analyseergebnisse). Außerdem sind hier auch Fundstücke aufgeführt, die aus Platzmangel nicht in der Ausstellung gezeigt werden konnten.

Der Katalog, der trotz der guten Ausstattung und des großen Umfangs nur 48,-- DM kostet, ist somit eine der wenigen umfassenden Quellen und ein wichtiges Nachschlagewerk zur Archäologie, Metallurgie und Bergbaugeschichte des Landes am Schwarzen Meer.

Fazit

»Georgien – Schätze aus dem Land des Goldenen Vlies«ist eine rundum gelungene Ausstellung über ein bisher in Deutschland nur wenig bekanntes Land und seine Geschichte. Sie hinterläßt beim Besucher einen tieferen Eindruck als manche andere Ausstellung, die mit wesentlich größerem finanziellem, materiellem und medialem Aufwand realisiert wurde. Auch wenn man sich nicht in erster Linie für Metallurgie oder Bergbau interessiert, ist die Ausstellung auf jeden Fall einen Besuch wert, denn hier kann man auf ansprechende und lebendige Art viele interessante Dinge über das Land am Schwarzen Meer lernen.

Wegen der großen Besucherresonanz wurde die Ausstellung verlängert und ist noch bis zum 1. September 2002 im Deutschen Bergbau-Museum Bochum zu sehen.

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