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»Klangschaften« im archäologischen Befund?.

von Dietrich Hakelberg - 24.10.2000

Die meisten Schallgeräte, die bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt werden, sind kleine Signalinstrumente oder solche Lockpfeifchen für die Jagd (ehem. Burg Schlettwein bei Pößneck, 13. Jh). (Foto: D. Hakelberg)
Die meisten Schallgeräte, die bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt werden, sind kleine Signalinstrumente oder solche Lockpfeifchen für die Jagd (ehem. Burg Schlettwein bei Pößneck, 13. Jh). (Foto: D. Hakelberg)

Es wird nie gelingen, auch nur ansatzweise die Musik einer prähistorischen Epoche hörbar zu machen. Macht man sich die Existenz vergangener Klangschaften einmal durch die Wahrnehmung der gegenwärtigen bewußt, so wird überdeutlich, wie wenig im archäologischen Befund materiell überliefert ist und wie sehr die archäologische Quellenlage immer noch in ihren Aussagemöglichkeiten überfordert wird. Sprache, Musik, die ganze Klangwelt eines neolithischen Dorfes beispielsweise wären wesentlich für den archäologischen Kulturbegriff, mehr als es Keramikfunde sind, sind aber mit keiner Methode mehr zu rekonstruieren. Der Begriff "Musikarchäologie" ist daher irreführend und reduziert die Vielzahl kultureller akustischer Äußerungen entweder auf einen Bereich, den man heute mit "Musik" bezeichnen zu können glaubt oder umfaßt undifferenziert alle hörbaren kulturellen Phänomene.

Experimentelle Versuche, aufgrund archäologischer Funde Flöten des Paläolithikums oder Hörner der Bronzezeit nachzubauen, zu spielen und als "musikarchäologisches" Forschungsergebnis zu verkaufen, sind zwar populäre Alternativarchäologie, können aber höchstens esoterische Ansprüche befriedigen. Im Boden überliefert sich nur der materielle Niederschlag eines ganz geringen Ausschnittes vergangener "Klangschaften". Dies können Musikinstrumente, aber auch andere Schallgeräte sein, die sicher nicht musikalischem Ausdruck gedient haben (z. B. Lockpfeifchen für die Jagd; Signalpfeile u.a.m.). Archäologische Funde aus historischer Zeit ergänzen die Überlieferung von Musikinstrumenten in den großen Museen und geben zusammen mit schriftlichen und bildlichen Quellen der instrumentenkundlichen Forschung neue Impulse.

Dr. Dietrich Hakelberg
Freiburg

Literatur

  • Bergonzi, B. (Hrsg. 1994): Period Backgrounds from the British Library National Sound Archive. 2 CD's (London 1994).
  • Corbin, A. (1984): Pesthauch und Blütenduft: eine Geschichte des Geruchs (Berlin 1984).
  • Hickmann, E. / Hughes D. (Hrsg. 1988): The Archaeology of Early Music Cultures. Third International Meeting of the ICTM Study Group on Music Archaeology, 3; Orpheus-Schriftenreihe zu Grundfragen der Musik, 51 (Bonn 1988)
  • Lawson, G. (1986): Conservation versus Restoration: towards a handling and performance policy for excavated musical instruments, with special reference to microwear studies and finds from the English warship Mary Rose (1545). In: Lund, C. S. (1984) 123-129.
  • Lawson, Graeme / Geoff Egan, Medieval Trumpet from the City of London, in: The Galpin Society Journal 41 (1988) 63-66.
  • Lund, C. S. (Hrsg. 1986): Second Conference of the ICTM Study Group on Music Archaeology, Stockholm, November 19-23, 1984. 2 Bde. (Stockholm 1986).
  • Schafer, M. R. (1977): The Tuning of the World: a pioneering exploration into the past history and present state of the most neglected aspect of our environment: the soundscape (Toronto 1977).
  • Strohm, R. (1985): Music in late medieval Bruges (Oxford 1985).

Zeitschriften zum Thema

  • The Galpin Society Journal (London) Nr. 1.1948 - ISSN: 0072-0127
  • Journal of Material Culture (London) 1.1996 ff. - ISSN 1359-1835
  • Journal of the American Musical Instrument Society ( New York) 1.1974(1975); 2.1976 - ISSN: 0362-3300
  • Historic Brass Society Journal ( New York) 1.1989 ff. - ISSN: 1045-4616
  • FOMRHI quarterly. Fellowship of Makers and Restorers of Historical Instruments (London) 1.1975-28.1981
  • Studia instrumentorum musicae popularis. - Stockholm : Nordiska Musikförl. 1.1969-12.1998