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Ex oriente lux ?. Aulos und Leier im prähistorischen Spanien

von Sabine Schuster - 24.10.2000

Die Leier wird gern als Sinnbild antiker Musikkultur betrachtet, da sie ein hochentwickeltes Musikinstrument war, das sogar diversen Göttern als Attribut zugeordnet wurde. Sie war als Instrument für die Musikerziehung ebenso geschätzt wie als Begleitinstrument zu Gesang und Rezitation. Ein Instrument also, das man im prähistorischen, barbarischen Europa nicht unbedingt erwarten würde. Dennoch taucht die Leier im ersten Jahrtausend v.Chr. auch außerhalb der Hochkulturen auf, vielfach belegt im Osthallstattkreis (Reichenberger 1985), auf keltischen Münzen und in der Situlenkunst (Homo-Lechner & Vendries 1993, Schuster 1991).

Iberische Vasenmalerei mit szenischer Darstellung von Musikanten mit Leier und Aulos (El Cigarralejo, 4. Jh. v.Chr.)
Iberische Vasenmalerei mit szenischer Darstellung von Musikanten mit Leier und Aulos (El Cigarralejo, 4. Jh. v.Chr.)

In Spanien wird die Leier erstmals auf gravierten Grabstelen aus Zaragoza, Badajoz und Cáceres faßbar (Bronce Final ca. 8.Jhdt v.Chr.) und taucht später in der figuralen iberischen Vasenmalerei des 4. Jahrhunderts v.Chr aus El Cigarralejo wieder auf (Schuster 1993). Die Darstellung auf dem Vasenfragment aus El Cigarralejo ist für Spanien die einzige Überlieferung einer szenischen Darstellung, aus der man die Spielhaltung für das Instrument ersehen kann. Dargestellt ist ein Zug von Kriegern, die zu Doppelaulos- und Leiermusik marschieren. Die Leier zeigt die herkömmliche Konstruktion aus rundem Resonanzkörper, Jocharmen, Querjoch und einer Bespannung mit vier gleichlangen Saiten. Im homerischen Griechenland waren solche viersaitigen Leiern auch als Phorminx bekannt, weswegen das spanische Instrument gern diesem Typ zugeordnet wird, obwohl es wesentlich jünger ist und bereits im 7. vorchristlichen Jahrhundert Leiern mit sieben Saiten gebaut wurden, die die Phorminx ersetzten.

Leierdarstellung (Umzeichnung der Gravur auf einer Grabstele aus Luna, Zaragoza, 8. Jh. v.Chr.)
Leierdarstellung (Umzeichnung der Gravur auf einer Grabstele aus Luna, Zaragoza, 8. Jh. v.Chr.)

Eine überaus bemerkenswerte Leierdarstellung der prähistorischen Instrumentengeschichte zeigt eine Gravur auf einer Grabstele aus Luna (Zaragoza). Sie wird in das 8. Jahrhundert v.Chr. datiert und ist damit ein Zeitgenosse der homerischen Phorminx. Proportionen, Bau- und Verzierungselemente sind datailliert ausgearbeitet. Sehr gut ist auch die Kompositbauweise an den Schnittstellen von Querjoch und Jocharmen zu erkennen. Sogar der Saitenhalter ist deutlich abgehoben. Üblicherweise liegt die Anzahl der Saiten antiker Leiern zwischen vier und fünfzehn, womit die große Saitenzahl von fünfzehn also nicht ohne Parallelen ist. Außergewöhnlich ist aber deren Anordnung: Neben den neun „regulären“ Saiten, die zwischen Saitenhalter und Querjoch verlaufen, sind zu beiden Seiten je drei längere Saiten aufgezogen. Möglicherweise waren diese als Bordunsaiten mit tieferer Stimmung vorgesehen. Parallelen zu diesem Instrument sind bislang nicht bekannt.

Wie der Aulos scheint auch die Leier auf der Iberischen Halbinsel ohne einheimische Vorläufer zu sein, und ebenso gibt es auch von diesem Instrumententyp keine Originale. Die Leier taucht in der Ikonographie über einen Zeitraum von ca. 500 Jahren auf und scheint ohne „Nachleben“ wieder zu verschwinden. Die überaus formenreichen Saiteninstrumente, wie sie heute in Spanien und Portugal gebräuchlich sind, lassen sich wohl eher auf arabische Bautradition als auf die Weiterentwicklung der prähistorischen Leiern zurückführen.