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Ex oriente lux ?. Aulos und Leier im prähistorischen Spanien

von Sabine Schuster - 24.10.2000

Leier

Als „Urform“ aller Saiteninstrumente (Chordophone) gilt der einfache Musikbogen. Er besteht aus einem biegsamen Holzstab, um dessen Enden ein Stück Darm oder eine Schnur gezogen ist, die so den Stab zum Bogen spannt. Mit einem kleinen Stab angeschlagen oder mit den Fingern gezupft, werden surrend-schnarrende Laute hervorgebracht, die durch einen am Bogen angebrachten Resonanzkörper, z.B. eine getrocknete Kalebasse, extrem verstärkt werden können. Eine denkbar einfache Konstruktion also - wesentlich mehr Bauelemente besitzt auch eine moderne Akustikgitarre nicht. Da der Musikbogen von einem simplen Jagdbogen kaum zu unterscheiden ist, wurde vielfach spekuliert, welche Funktion wohl zuerst konzipiert war: Jagd oder Musik. Auch wenn diese Frage nicht letztgültig beantwortet werden kann, und man überdies auch einen Jagdbogen zum Klingen bringen kann, so läßt sich doch für das Bauprinzip als solches ein sehr hohes Alter annehmen. Möchte man gar der Interpretation von A. Buchner folgen, läßt sich der Gegenstand, den der „Schamane“ in der Höhle Les Trois Frères (Ariège, Frankreich) in seiner Hand hält, als Musikbogen deuten, womit die Wurzeln unserer heutigen Saiteninstrumente auf ca. 15 000 Jahre v.Chr. zurückgeführt werden könnten (Buchner 1985).

Höhlenmalerei aus der französischen Höhle Les Trois Frères mit Darstellung eines "Schamanen", der etwas in der Hand hält, das auch als Musikbogen interpretiert werden könnte.
Höhlenmalerei aus der französischen Höhle Les Trois Frères mit Darstellung eines "Schamanen", der etwas in der Hand hält, das auch als Musikbogen interpretiert werden könnte.

Die Weiterentwicklung vom einfachen Bogen zum komplexen modernen Saiteninstrument hat die unterschiedlichsten Typen hervorgebracht, von denen die meisten aber nur über eine begrenzte Zeitspanne hinweg in Gebrauch waren, so auch die in der Antike überaus beliebte Leier.

Leier (Nachbau)
Leier (Nachbau)

Sie bestand aus einem mit Haut bespannten Resonanzkörper aus Holz, oder wie bei der berühmten Chelys (gr. chélys = Schildkröte) aus einem Schildkrötenpanzer, zwei Jocharmen und einem dazwischen verlaufenden Querjoch. Die Bespannung verlief parallel zur Resonanzdecke zwischen Querjoch und Resonanzkörper, und wurde mit den Fingern gezupft oder mit einem Plektron angerissen und so zum Klingen gebracht. Ein Griffbrett, wie es Saiteninstrumente heute gewöhnlich besitzen, gab es nicht. Zupfte die eine Hand die Saiten, konnte die andere die Saiten durch Druck abdämpfen oder durch sanftes Berühren verkürzen, so daß die entsprechende Saite höher erklang.

Im Ostmittelmeergebiet und dem Vorderen Orient läßt sich die Geschichte der Leier bis ins 3. Jahrtausend v.Chr. zurückverfolgen (Rashid 1984, Hickmann 1961). Mit ihrer großen Zahl archäologischer Belege, darunter auch einige Originalinstrumente (Ägypten, Mesopotamien), gehört die Leier zu den am besten dokumentierten antiken Saiteninstrumenten. Sie wurde im Verlauf ihrer Weiterentwicklung sowohl in ihrer äußeren Form als auch mit ihrer Besaitung den jeweiligen musikalischen Bedürfnissen angepaßt.