Über die Wurzeln des Anthropozän in den Tropenwäldern

Eine Sonderausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences berichtet über multidisziplinäre Untersuchungen zu den menschlichen Auswirkungen auf Tropenwälder und deren Ökosysteme.

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Tropenwald
Die Tropenwälder zählen zu den am stärksten bedrohten landbasierten Lebensräumen der Erde. Foto © R. Hamilton

Immer wieder finden sich die Tropenwälder im Zusammenhang mit dem Klimawandel in den Schlagzeilen der Nachrichten wieder. Nichtzuletzt, weil sie zu den am stärksten bedrohten landbasierten Lebensräumen des Planeten zählen und deshalb ein Schlüssel für Diskussionen über das Anthropozän sind – einem Zeitabschnitt, in dem sich menschliche Aktivitäten zu einem der größten Einflussfaktoren auf die Ökosysteme der Erde entwickelten.

In einer neuen Reihe von Artikeln, zeigen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen  des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte und des Smithsonian Research Institute, dass wir tief in die Vergangenheit blicken müssen, um die Wurzeln des Anthropozäns in den Tropen zu finden, wenn wir uns besser auf die Zukunft vorbereiten wollen.

Die Tropenwälder und das Anthropozän – Heute und Damals

Wenn vom Anthropozän gesprochen wird, verbinden wir damit häufig menschliche Aktivitäten mit offensichtlichen Auswirkungen auf unsere Ökosysteme: das Verbrennen fossiler Brennstoffe, radioaktiver Niederschlag, die steigende Nachfrage und Produktion von Kunststoffen sowie die anhaltenden Umweltbelastungen seit dem 20. Jahrhundert.

Jedoch ist uns mittlerweile auch bekannt, dass die Tropenwälder Heimat für mehr als die Hälfte der gesamten Biodiversität des Planeten sind, für ergiebigen Niederschlag sorgen, Böden festigen und verankern und enorme Mengen an CO2 binden. Veränderungen der Tropenwälder durch den Menschen können deshalb der Zünder für eine ganze Reihe von Rückkopplungen sein – mit spürbaren Auswirkungen auf die umliegenden Regionen, Kontinente und selbst den Planeten.

Patrick Roberts, Mitherausgeber des Sonderbandes, verweist darauf, dass menschliche Veränderungen der Tropenwälder »wahrscheinlich kein junges Phänomen sind.«

»Obwohl die Tropenwälder vor der Industrialisierung oft als unberührte »Wildnis« angesehen werden, wissen wir heute, dass Jäger und Sammler, Nahrungsmittelproduzenten und sogar Stadtbewohner diese Lebensräume seit langer Zeit bewohnt - und verändert – haben«, fährt Roberts fort. »Da diese Lebensräume in eine Vielzahl von Erdsystemen eingebettet sind, eröffnet uns dies die Möglichkeit, sehr frühe Wurzeln für das Anthropozän hier zu finden.«

Eine Vielzahl von bewirtschafteten tropischen Landschaften

Die neue Sonderausgabe der PNAS mit dem Titel »Tropical Forests as Key Sites of the Anthropocene«, beschreibt die vielfältigen Methoden, welche die Forschenden nutzten, darunter Hochleistungsmikroskope, Bohrkerne, archäologische Ausgrabungen und LiDAR-Aufnahmen, um zu untersuchen, wie der Mensch mit den tropischen Ökosystemen, den klimatischen Bedingungen der Tropen und den Böden interagierte.

»Die Studien dieser Ausgabe untersuchen eine Vielzahl von Mensch-Wald-Interaktionen, darunter die Verwertung von riesigen Vogeleiern in Neuguinea, die Auswirkungen von Rohrreisanbau auf historische, bedrohte Nadelbäume im südöstlichen China und ein Vergleich des tropischen Stadtlebens in der klassischen Mayazeit sowie in Angkor«, so Rebecca Hamilton, Herausgeberin der Ausgabe.

Dolores Piperno, die dritte Herausgeberin der Ausgabe, unterstreicht, warum solche detaillierten Rekonstruktionen ein integraler Ausgangspunkt für moderne Naturschutzkonzepte sind.

»Der Umgang des Menschen mit den Tropenwäldern hat viele Formen angenommen, wobei sich die lokalen Bevölkerungen an die örtlichen Gegebenheiten angepasst haben. Im Reservat Medio Putumayo-Algodón in Peru zeigen wir beispielsweise, wie indigene Gesellschaften den Wald und die biologische Vielfalt über 5.000 Jahre hinweg bewirtschaftet und in Zeiten großer politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen erhalten haben.«

Vom globalen »Anthropozän« zu gerechteren Praktiken im Tropenschutz

Die Ursprünge des Anthropozäns zu verstehen ist nicht nur wichtig, um Biodiversität und Umweltschutz zu gewährleisten, sondern hilft auch, die unausgewogenen historischen Prozesse aufzuzeigen, die den Grundstein bildeten, wie die Menschen heute mit den Tropen und den Ökosystemen der Erde umgehen.

So zeigten Artikel, die sich beispielsweise auf die Kanarischen Inseln, Cabo Verde und das tropische Neuguinea fokussierten, wie die Ankunft des europäischen Kolonialismus, gefolgt von der Industrialisierung, die sozio-ökologischen Systeme der Tropen durch die Umwandlung von Land (z. B. in Plantagen) und die Verdrängung der indigenen Bevölkerungen und ihren Lebensweisen nachhaltig störten.

»Indigene Bevölkerungen von tropischen Regionen waren in der jüngeren Menschheitsgeschichte besonders stark von Marginalisierung betroffen«, so Hamilton. »Diese Sammlung zeigt eindrücklich, dass es höchste Zeit ist, die langfristige Bedeutung der traditionellen indigenen Landwirtschaft anzuerkennen.«

»Auf diese Weise haben wir die besten Chancen, eine gerechtere, nachhaltigere und widerstandsfähigere Zukunft für die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt in diesen kritischen, oft missverstandenen Umgebungen zu entwickeln«, schließt Roberts ab.

Weltkarte Kohlenstoffspeicherung, Besiedlung
Tropische Landschaften binden und speichern große Mengen an Kohlenstoff (A) und gehören zu den am stärksten besiedelten Orten der Erde (B). Dies sowie ihre hohe biologische Vielfalt und die Bereitstellung ökologischer Dienstleistungen machen sie zu einem zentralen Thema in der Diskussion über das Anthropozän. Die Zahlen auf diesem Bild zeigen die Standorte der Fallstudien, die in der Sonderausgabe enthalten sind. Die Abbildung basiert auf Daten von Cook-Patton et al. (2010) und dem Center for International Earth Science Information Network (2018). Karte © Roberts et al., 2021
Publikation

Patrick Roberts, Rebecca Hamilton, Dolores R. Piperno

Tropical Forests as Key Sites of the ‘Anthropocene’ – Past and Present Perspectives

PNAS. 05.10.2021
DOI: 10.1073/pnas.2109243118