11.12.2017 - 10:34:32

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Eine Landschaft aus einer vergangenen Zeit

Die Toten Städte

16.12.2000
Abb. 1 Basilika von Mushabbaq (2. Hälfte des 5. Jahrhunderts; Foto: M. Nick)
Abb. 1 Basilika von Mushabbaq (2. Hälfte des 5. Jahrhunderts; Foto: M. Nick)

Anders als der Name zunächst nahelegt, hat es sich bei den sogenannten "Toten Städten" auch zu ihren Lebzeiten nicht um Städte im eigentlichen Sinne gehandelt. Vielmehr faßt man unter diesem Begriff eine Gruppe heute aufgegebener Siedlungen meist dorfartigen Charakters im nordwestsyrischen Kalksteinmassiv zusammen. Mehr als 700 solcher Orte finden sich in einer Landschaft, die heute ebenso unwirtlich wie malerisch anmutet, zu ihrer Blütezeit vom 4. bis zum 7. Jahrhundert nach Christus aber recht dicht besiedelt war. Nachdem die Toten Städte in frühislamischer Zeit von ihren Bewohner aufgegeben worden waren, blieb der Landstrich bis in jüngste Zeit hinein weitgehend unbesiedelt. Vor allem diesem Umstand ist es zu verdanken, daß sich viele der Ruinen in einem einzigartig guten Erhaltungszustand befinden. Manche Bauten, wie z. B. die Säulenbasilika von Mushabbaq aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, erwecken den Eindruck, daß sie nur geringfügiger Reparaturen sowie eines neuen Daches bedürften, um wieder nutzbar gemacht zu werden.

Abb. 2 Basilika von Mushabbaq, Blick aus dem Langhaus auf die Apsis (Foto: M. Nick)
Abb. 2 Basilika von Mushabbaq, Blick aus dem Langhaus auf die Apsis (Foto: M. Nick)

Das in der Antike Belos oder Belus genannte Kalksteinmassiv besteht aus mehreren zusammenhängenden Bergketten von durchschnittlich 400 bis 900 m Höhe. Bei einer Breite von etwa 30 bis 40 km erstreckt es sich auf etwa 150 km Länge von Norden nach Süden. Große Wasserarmut kennzeichnen die baumlosen, verkarsteten Anhöhen. Leben und Wirtschaften einer größeren Bevölkerung war unter diesen Bedingungen zu allen Zeiten vom Wasser aus den großen, in den Fels geschlagenen Zisternen abhängig, in denen die Regenfälle des Winters aufgefangen wurden. Im Frühjahr überzieht dann ein dichter Grasteppich die Landschaft. So ungünstig die Voraussetzungen für die Landwirtschaft zunächst scheinen mögen, zumindest für eine Kultur bietet die durch die Verwitterung des Kalksteins rötlich gefärbte Erde gute Voraussetzungen:

Abb. 3 Serjilla im südlichen Kalksteinmassiv (Foto: S. Brather)
Abb. 3 Serjilla im südlichen Kalksteinmassiv (Foto: S. Brather)

Der Ölbaum liebt heiße und trockene Sommer sowie feuchte, milde Winter. Tatsächlich zeugen die Überreste zahlloser Ölpressen davon, daß die Toten Städte ihren zeitweiligen Wohlstand vor allem der Erzeugung von Olivenöl zu verdanken hatten. Abnehmer für das Öl fanden sich ganz in der Nähe, liegt doch das nordwestsyrische Kalksteinmassiv im Schnittpunkt zwischen den antiken Metropolen Antiochia, Aleppo (Boroia), Apameia, Kyrrhos und Chalkis. Darüber hinaus liegen aber auch deutliche Hinweise dafür vor, daß das Öl über diesen Bereich hinaus im gesamten ostmediterranen Raum verhandelt wurde. Die Landwirtschaft im Bereich der Toten Städte war keineswegs allein auf die Kultivierung des Olivenbaums beschränkt, so belegen etwa zahlreiche steinerne Wassertröge, daß die Viehzucht eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Rückgrat der Wirtschaft und Hauptquelle des Wohlstandes war aber die Ölbaumkultur.