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Die Wiederentdeckung der Vesuvstädte

Die frühen Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum

19.7.2012
Abb. 1| Plan der Ausgrabungen in Pompeji, Francesco Piranesi, 1792. © Württembergische Landesbibliothek Stuttgart
Abb. 1| Plan der Ausgrabungen in Pompeji, Francesco Piranesi, 1792. © Württembergische Landesbibliothek Stuttgart

»Die Kraft des Königs hat die Stadt Herculaneum dem Rachen des Vesuvs entrissen.«
(Übersetzung: Helke Kammerer-Grothaus)

Diese plastischen, ursprünglich in Latein verfassten Worte begrüßten die Besucher bei ihrem Eintritt in das Herculanense Museum. Als Teil des Palazzo Reale in Portici beherbergte es ab 1758 die Funde der unter königlicher Leitung stehenden Ausgrabungen in Herculaneum und Pompeji. Laut Johann Wolfgang von Goethe stellte es »das ? und ? aller Antiquitäten-Sammlungen« dar.

Dem Faszinosum der untergegangenen Städte am Golf von Neapel, das bis heute nachwirkt, unterlagen bereits die Förderer und Ausgräber der ersten Stunde. Das Potential der unter der Erde schlummernden Schätze wurde jedoch nicht auf Anhieb erkannt. Bereits Ende des 16. Jh. stieß der königliche Architekt Domenico Fontana bei Arbeiten an einem Kanal vom Fluss Sarno nach Torre Annunziata auf Gebäudestrukturen, Wandmalereien und zwei Inschriften im Gebiet von Pompeji. Diese Funde regten aber noch nicht weiterführende Untersuchungen an. Als folgenreicher erwies sich die Bergung von Skulpturen aus einem Brunnenschacht auf dem Gebiet von Herculaneum. Auf Hinweis eines Bauern ließ der österreichische General Emanuel Moritz von Lothringen, Prinz d´Elboeuf, an dieser Stelle gezielt nach Antiken suchen. Die hier geborgenen Statuen schmückten ursprünglich die scaenae frons des herculanesischen Theaters. 1738 entschloss sich schließlich Karl III., König von Neapel und Sizilien, an diesem Ort offizielle Grabungen durchzuführen. Erst zehn Jahre später begannen auch die Arbeiten in Pompeji (s. Abb. 1).

Abb. 2| Der Tempel der Isis in Pompeji in seinem heutigen Zustand © J. Liptàk, München
Abb. 2| Der Tempel der Isis in Pompeji in seinem heutigen Zustand © J. Liptàk, München

Die frühen Untersuchungen – gemäß der Forderung des Königs – waren geprägt von der gezielten Suche nach Skulpturen, Wandmalereien und anderen Kunstdenkmälern. So wurden die ersten freigelegten Gebäude in Pompeji – die Prädia di Iulia Felix und die Villa di Cicerone – nach der Bergung der Skulpturen und Wandmalereien sogar wieder verschüttet. Erst nach dem königlichen Verbot der Zuschüttung konnten der Bereich des Großen Theaters, der Isistempel und ein kleines Areal um das Herkulaner Tor besichtigt werden (s. Abb. 2). Dadurch war ein Besuch der Ruinen bei Tageslicht möglich. In der Nachbarstadt Herculaneum musste man hingegen im Fackelschein in unterirdischen Gängen zum Theater der Stadt hinabsteigen. Eindrucksvoll schildert der hochrangige, französische Jurist Charles de Brosses seinen Besuch dieses Ortes im Jahr 1739:

»Man fährt heute in die Stadt ein vermittelst einer Seilfahrt durch einen zwölf bis dreizehn Klafter tiefen Schacht, wie in ein Bergwerk [...] Von der Tiefe dieses Schachts sind, wie ich feststellte, nach verschiedenen Seiten unterirdische Stollen gezogen, schief und krumm und stellenweise schon wieder verschüttet, weil man manchmal den Schutt, der beim neuen Stollen ausgegraben wurde, einfach in den alten hineinwarf [...] Sehr Ersprießliches wird man nie leisten, solange man die Arbeiten auf die Art fortsetzt.«

Des Präsidenten de Brosses Vertrauliche Briefe aus Italien an seine Freunde in Dijon 1739–1740,
übersetzt von W. Schwartzkopff, Bd. I (1918) S. 333–340.

Die ersten 'Touristen'

Abb. 3| Porträt des Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, Johann Friedrich August Tischbei., 1796 © Gleimhaus Halberstadt, A/120
Abb. 3| Porträt des Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, Johann Friedrich August Tischbei., 1796 © Gleimhaus Halberstadt, A/120

Die Ruinen der antiken Städte gehörten neben dem Vesuvaufstieg sehr bald zum festen Programm adliger Reisegesellschaften auf ihrer Grand Tour in Kampanien. Von der großen Beliebtheit eines Besuchs in Pompeji zeugt die Taverna del Rapillo. Das Wirtshaus Zum Bimsstein nahe den Ausgrabungen entwickelte sich schnell zur beliebten Anlaufstelle, um zu rasten und sich zu stärken.

Auf großes Unverständnis bei den Zeitgenossen stieß immer wieder das Dokumentationsverbot. So war es Außenstehenden während ihres Besuchs nicht gestattet, Zeichnungen der Architektur und der Funde anzufertigen. Das exklusive Recht des Besitzes, des Wissens sowie der Publikation der Ausgrabungen und Funde lag ausschließlich beim König Neapels und Beider Sizilien: Es wurde zur Mehrung des Prestige der jungen bourbonischen Dynastie eingesetzt.

Die Veröffentlichung oblag der Reale Accademia Ercolanese di Archeologia, die ab 1757 die Antichità di Ercolano esposte herausgab. Diese Publikation war ausschließlich als Geschenk des Königs erhältlich und daher zunächst nur einem kleinen Kreis zugänglich. Jedoch erwies sich die Taktik der Geheimhaltung als mäßig erfolgreich. Bald erschienen neben Zeitungsmeldungen und Reisebeschreibungen erste unauthorisierte Veröffentlichungen. Bereits 1748 publizierte der in Ungnade gefallene ehemalige Kustos der königlichen Antikensammlung, der Marchese Marcello Venuti, seine Descrizione delle prime scoperte dell´antica città d´Ercolano.

Die starke Reglementierung der Dokumentation erklärt auch, warum von dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff – sonst ein fleißiger Zeichner – keine Skizzen von Pompeji und Herculaneum existieren (s. Abb. 3). Von seinem Besuch haben sich nur Tagebucheinträge erhalten. Erdmannsdorff war Mitglied der Reisegesellschaft um den Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt Dessau, die bereits im März 1766 im Rahmen ihrer Grand Tour die Vesuvstädte besuchte. Nach einem mehr als zwei Monate dauernden Aufenthalt, den sie unter der Führung von Johann Joachim Winckelmann verbrachten, kamen sie nach Neapel.