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Pfahlbauten rund um die Alpen.

von Helmut Schlichtherle - 2.5.2001

Kulturelle Wurzeln im Mittelmeerraum ?

Hypothese zur Ausbreitung der 'Pfahlbauidee' und einer besonderen Form des Nacktweizens, des sogenannten 'Pfahlbauweizens': aus dem ursprünglichen Anbaugebiet im Mittelmeerraum (a) in die Zone nördlich der Alpen (b). (Abbildung: LDA Baden-Württemberg)
Hypothese zur Ausbreitung der 'Pfahlbauidee' und einer besonderen Form des Nacktweizens, des sogenannten 'Pfahlbauweizens': aus dem ursprünglichen Anbaugebiet im Mittelmeerraum (a) in die Zone nördlich der Alpen (b). (Abbildung: LDA Baden-Württemberg)

Die Besiedlung der Feuchtgebiete setzte offenbar eine gewisse Bereitschaft voraus, die den Ackerbaukulturen Mitteleuropas zunächst fehlte. Im Gegensatz dazu treffen wir bei den ältesten Bauern des westlichen Mittelmeerraumes, den Trägern der sogenannten Cardialkeramik, bereits im 6.Jt.v.Chr. auf erste Feuchtbodensiedlungen: bei Banyoles in Katalonien und im Lago di Bracciano in Latium. Nachfolgekulturen werden dann bereits im 5.Jt.v.Chr. in den südlichen Alpenrandseen faßbar, und es gibt Anzeichen für ein erstes Ausgreifen nach Norden zum Lac Chalain und an die Schweizer Mittellandseen. Die Siedlungen der Egolzwiler Kultur, die um 4300 v.Chr. den Zürichsee erreichen, stehen noch in der gleichen, westeuropäisch-mediterranen Kulturtradition.

Kurz danach scheint der Funke überzuspringen: Randkulturen der donauländischen Lengyelkultur beginnen am Federsee, am Keutschacher See und in Slowenien Feuchtbodensiedlungen zu errichten. Vielleicht erreichten erste Vorposten bereits den Attersee. So betrachtet ist die Feuchtbodensiedlung Ausdruck einer zunächst mediterranen Kulturtradition, die dann beidseits der Alpen nach Norden auszugreifen begann und dort von mittel- und osteuropäischen Kulturen adaptiert wurde. Bezeichnenderweise schloß sich der zirkumalpine Kreis in Bayern erst nach 3800 v.Chr., also zuletzt in dem Gebiet, das lange im Schatten der Ereignisse lag.

Pfahlbauten als Kulturtradition

In den Anfängen der Pfahlbauforschung hatte man von einer "Pfahlbaukultur" gesprochen und damit auf Gemeinsamkeiten rund um die Alpen abgehoben. Die Analyse der Keramikfunde zeigte jedoch, daß es sich um unterschiedliche Kulturkreise handelt. Dies verstellte jedoch den Blick für dennoch vorhandene Gemeinsamkeiten. So wurde z.B. wenig beachtet, daß das Hirschgeweihzwischenfutter - eine besondere Schäftungsvorrichtung für Steinbeile - eine Spezialität aller Siedlungen um den westlichen Alpenbogen darstellt und Kulturen westmediterraner wie donauländischer Tradition verbindet. Rund um die Alpen gab es also Traditionen, die zwar nicht stark genug waren, einen eigenen Kulturkreis zu begründen, die aber Eigenständigkeit besaßen und von außen herangetragene Kulturen überlagerten. Die Randlage zu den großen Siedelräumen könnte dies gefördert haben.

Die Ausbreitung einer bestimmten Kulturpflanze vermag die dargestellte These einer mediterranen Wurzel des Siedlungstyps "Pfahlbauten" zu stützen. Mit den Feuchtbodensiedlungen begann sich nämlich nördlich der Alpen der Anbau von Nacktweizen durchzusetzen. Die archäobotanische Untersuchung zahlreicher Ährenfunde spricht dafür, daß es sich um eine Form mediterranen Hartweizens handelte. Das Getreide muß vom Rhônetal ins Schweizer Mittelland gekommen sein, von wo sich sein Anbau sukzessive zum Bodensee und bis zum Federsee ausbreitete.