11.12.2017 - 01:09:50

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)

Zur Geschichte des Neandertalerfundes

24.10.2001
Ansicht des Neanderthales von 1843. (Abbildung: Fuhlrott-Museum)
Ansicht des Neanderthales von 1843. (Abbildung: Fuhlrott-Museum)

[1]Zu den schönsten Stellen des landschaftlich ohnehin reizvollen Bergischen Landes gehörte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Neandertal bei Düsseldorf. Hier, zwischen Erkrath und Mettmann, hatte das schnell fließende Wasser der Düssel einen Canyon von etwa 500 m Länge durch 40 m starke mitteldevonische Kalkablagerungen gefräst und dabei steil aufragende, senkrechte Felswände mit Klüften, Katarakten und beckenartigen Erweiterungen entstehen lassen [2]. Im Volksmund wurde der Ort "das Gesteins" oder auch "Hunsklippe" genannt, wobei die Bedeutung des letzteren Wortes nicht mehr eindeutig zu klären ist. Der Name "Neanderthal" kam erst in den 20er Jahren des 19. Jh. im Zusammenhang mit einer argen Umweltzerstörung in Gebrauch. Er erinnert an den Bremer Pastor Joachim Neander [3] (1650-1680), Verfasser zahlreicher Kirchenlieder ("Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren"), welcher von 1674 bis 1679 Rektor der Düsseldorfer reformierten Lateinschule war. Neander war ein früher Liebhaber des Gesteins und hatte offenbar viele Stunden auf einer ihm zu Ehren "Neanders Stuhl" genannten Felsklippe zugebracht. Eine darunter befindliche Höhle trug als "Neanders Höhle" ebenfalls seinen Namen. 1821 schlug ein Leser des Rheinisch-Westfälischen Anzeigers erstmnalig die Bezeichnung "Neanders Felsenthal" für das Gesteins vor [4]. Als dann im Zuge der westdeutschen Industrialisierung 1847 in der Nachbarschaft ein Eisenhüttenwerk, die Hochdahler Hütte "Eintracht" entstand, wurde der zur Auskleidung der Hochöfen benötigte Kalk von einer "Actiengesellschaft für Marmorindustrie im Neanderthal" gewonnen. So wurde die Bezeichnung "Neanderthal" offiziell. Der Kalkabbau veränderte den Charakter des Tales so grundlegend, dass heute nichts mehr an die einstigen Felswände, Schluchten und Katarakte erinnert. Nur der Name ist geblieben. Er aber hat internationale Berühmtheit erlangt.

Zu Anfang September des Jahres 1856 erschien in zahlreichen Zeitungen der Gegend gleich lautend die folgende Notiz:

"Mettmann, den 4. Sept., Im benachbarten Neanderthale, dem so genannten Gesteins, ist in den jüngsten Tagen ein überraschender Fund gemacht worden. Durch das Wegbrechen der Kalkfelsen, das freilich vom pittoresken Standpunkte nicht genug beklagt werden kann, gelangte man an eine Höhle, welche im Laufe der Jahrhunderte durch Thonschlamm gefüllt worden war. Bei dem Hinwegräumen dieses Thons fand man ein menschliches Gerippe, das zweifelsohne unberücksichtigt und verloren gegangen, wenn nicht glücklicherweise Dr. Fuhlrott von Elberfeld den Fund gesichert und untersucht hätte.

Nach Untersuchung dieses Gerippes, namentlich des Schädels, gehörte das menschliche Wesen zu dem Geschlechte der Flachköpfe, deren noch heute im amerikanischen Westen wohnen, von denen man in den letzten Jahren auch mehrere Schädel an der oberen Donau bei Siegmaringen gefunden hat. Vielleicht trägt dieser Fund zur Erörterung der Frage bei: Ob diese Gerippe einem mitteleuropäischen Urvolke oder blos einer (mit Attila?) streifenden Horde angehört haben." [5]

  • [1] Vgl. hierzu: E. Leverkus, Wie der Neandertaler zu seinem Namen kam, Stuttgart (Reinsburg Verlag), 1999
    [2] siehe Hanna Eggerath, Im Gesteins, das ursprüngliche Neandertal in Bildern des 19. Jhs, Köln (Wienand), 1996
    [3] über ihn: K. Vormbaum, J. Neanders Leben und Lieder, 1860; J. F. Ilken, Joachim Neander, 1880; W. Nelle, Joachim Neander, der Dichter der Bundeslieder und Dankpsalmen, 1904; L.Esselbrügge, Neander (Marburger Diss.), 1921; H. Ackermann, Joachim Neander. Sein Leben, seine Lieder, sein Tal, 1980
    [4] H. Eggerath, a.a.O, S. 40 ff.
    [5] Elberfelder Zeitung Nr. 212 v.6. Sept. 1856. Urheber dieser Notiz war vermutlich der rheinische Schriftsteller und Volksliedsammler A. W. F. von Zuccalmaglio (vgl. Ursula Zängl-Klumpf, Zuccalmaglio und die Entdeckung des Neandertalers, in: Bonner Jahrbücher 187 (1987), S. 367 ff. und die dort zitierte Arbeit von P. Herder in: Romerike Berge 3 (1981) S. 22 ff..