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(Literarische) Begegnungen zwischen Neandertalern und Jetztmenschen

24.10.2001

Die Neandertaler, die seit dem ersten spektakulären Knochenfund von 1856 im Neandertal bei Düsseldorf die Gemüter erregten und die Phantasie beflügelten, lebten vor etwa 220 000 bis 30 000 Jahren in einem Gebiet, das von Westeuropa über den Nahen Osten und das Kaspische Meer bis ins heutige Usbekistan reichte. Über ihre Kultur wissen wir mittlerweile einiges: Sie bestatteten ihre Toten, sie besaßen heilkundliches Wissen und Invalide wurden in einem sozialen Netz aufgefangen. Sie konnten vermutlich alle Laute der menschlichen Sprache erzeugen. Sie waren wesentlich robuster und kräftiger gebaut als wir und somit dem kalten Klima und dem harschen Leben als Jäger und Sammler optimal angepasst. Ihr Hirnvolumen entsprach in Korrelation zur Körpermasse gesetzt dem unseren. Dennoch wurden sie von anderen, moderneren Menschen, die sich zuerst in Afrika entwickelt hatten, verdrängt. Dies geschah schleichend über einen Zeitraum von mehreren Tausend Jahren. Was spielte sich ab, als sich Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis) und Jetztmenschen (Homo sapiens sapiens) vor rund 80 - 30 000 Jahren begegneten? Gehört der Neandertaler etwa zu unseren Vorfahren? Diese Fragen sind in Fachkreisen bis heute nicht eindeutig geklärt. Auf alle Fälle würde ein Neandertaler, der versehentlich ins 20. Jahrhundert nach Christus gelangt wäre, kaum Aufsehen erregen, sofern er moderne Kleidung trüge.

Da nichts spannender ist als das Leben selbst, erobern seit rund einer Dekade Romane aus der Urgeschichte der Menschheit immer mehr Leserherzen und - wenn Steven Spielberg sein Vorhaben realisiert - auch bald die der Kinogänger. Aus der Fülle der "Paläo- Fiction" (dieser Begriff wurde vom finnischen Paläontologen und Schriftsteller Kurten geprägt) habe ich nun Romane ausgewählt, in denen die Begegnung von Neandertalern und Jetztmenschen phantasievoll thematisiert werden. Welche Konstrukte liegen den Geschichten zugrunde? Gibt es Modelle des Aufeinandertreffens, Zusammenlebens, der Verdrängung oder Vermischung, die überzeugen? Wie kritisch ist die archäologische Belletristik zu lesen?

Im Folgenden werden die Bücher "Die Erben" (1955) von William Golding, "Neandertal. Tal des Lebens" (1996) von John Darnton, "Ayla und der Clan des Bären" (1980) von Jean M. Auel, "Tochter des Feuers" (1983) von Barbara von Bellingen und "Der Tanz des Tigers" (1978) von Björn Kurten vorgestellt. In dieser Reihenfolge evolviert die Neandertal- Figur in den Romanen vom täppisch- äffischen, rückständigen Wesen mit suspekten, telepathischen Fähigkeiten zum freundlichen, lichten, wissenden Mit- Menschen.