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Die ungewöhnlich frühen modernen Menschen im Nahen Osten

24.10.2001
Die oberen Zähne von Qafzeh 7, Ansicht von unten, zeigen die mäßige relative Größe der vorderen Zähne zusammen mit der geringen relativen Abnutzung dieser Vorderzähne. (Photo: Erik Trinkaus / Institut de Paléontologie Humaine)
Die oberen Zähne von Qafzeh 7, Ansicht von unten, zeigen die mäßige relative Größe der vorderen Zähne zusammen mit der geringen relativen Abnutzung dieser Vorderzähne. (Photo: Erik Trinkaus / Institut de Paléontologie Humaine)

Seit dem Mittleren Miozän, als die Afrikanisch-Arabische Kontinentalplatte auf die Eurasische traf und so ein Austausch der Landfauna zwischen den zwei Kontinenten möglich wurde, ist der Nahe Osten eine Region der wechselseitigen Beziehungen, Konflikte und des Durcheinanders. Während des Mittelpaläolithikums, vom späten Mittelpleistozän bis zur Mitte der letzen Vereisung (Sauerstoffisotopenbereich 6 bis 3), fanden dort komplexe Muster von Bewegungen menschlicher Populationen und möglicherweise auch Interaktionen statt. Das Bild dieser Zeit ist - vor allem auf Grund der Schwierigkeiten, archäologische Schichten der betreffenden Perioden zu datieren - in einigen Aspekten noch unklar. Dennoch lassen sich Muster der menschlichen Evolution in dieser Region erkennen, die einen Rahmen für das Verständnis menschlicher Populationen des Nahen Ostens dieser Periode bieten.

Der allgemeine Rahmen

Die an dieser Stelle interessierenden menschlichen Überreste stammen aus einer Reihe von Fundorten entlang der Levante-Küste (Israel und Syrien) und von einigen Plätzen im Zagrosgebirge (die Funde aus dem Kaukasus werden hier nicht berücksichtigt). Diese beinhalten Fossilien aus Amud (Israel), Bisitun (Iran), Dederiyeh (Syrien), Kebara (Israel), Qafzeh (Israel), Shanidar (Irak), Shovakh (Israel), Skhul (Israel) und Tabun (Israel). Alle diese Exemplare können mit bestimmten Phasen und regionalen Varianten des Mittelpaläolithikums in Verbindung gebracht werden. Trotz geringer Unterschiede zwischen den Steingeräten, den Faunenresten und sozialen Verhaltensformen (z. B. Bestattungen), lassen sich die Funde der menschlichen Fossilien der verschiedenen Fundorte kaum sinnvoll unterteilen. Tatsächlich konnten auch bei den umfangreichen Untersuchungen vor allem der israelischen Fundplätze keine signifikanten Unterschiede in der Technologie, den Subsistenzstrategien oder dem Sozialverhalten festgestellt werden, die man nicht genau so gut einfach als Ergebnisse einer normalen kulturellen Variationsbreite infolge saisonaler und regionaler Faktoren und dem sich während mehr als 100.000 Jahren verändernden Klimas erklären könnte.

Dennoch wurde es offensichtlich, daß die Exemplare von zwei unterschiedlichen menschlichen Gruppen stammen: In Qafzeh und Skhul fanden sich die Überreste früher moderner Menschen, während an den übrigen Fundorten die Überreste später archaischer Menschen gefunden wurden. Die Funde von Qafzeh und Skhul stammen aus Ablagerungen, die ca. 90.000 Jahre alt sind, vor und nach ihnen kommen in der Region späte archaische Menschen vor. Obwohl ihre Schädelform robust ist, zeigen die Überreste von Qafzeh und Skhul eine Anzahl von Merkmalen des modernen Menschen auf, was sie zu den ältesten gut datierten Resten des modernen Menschen gehören läßt. Ihre Gesichtsmerkmale und Körperproportionen zeigen eine Ähnlichkeit insbesondere zu den afrikanischen menschlichen Populationen der Subsahara und stellen eine kurze, an ein warmes Klima gebundene Einwanderung des modernen Menschen aus dem Nordosten Afrikas in die Levante dar.

Die späten archaischen Menschen bestehen aus Merkmalen des späten Mittelpleistozäns und der frühen letzten Vereisung, deren Kombination die evolutionäre Richtung vom unspezialisierten Muster des archaischen Menschen des mittleren Pleistozäns (im Nahen Osten repräsentiert durch die Skelettfunde von Zuttiyeh und Tabun Schicht E) hin zum Neandertaler zeigt. Die Reihe der herkömmlichen cranialen und facialen Merkmale, wie auch der Körperproportionen, des europäischen und zentralasiatischen Neandertalers, tauchen allmählich im Nahen Osten während des Mittelpaläolithikums auf und möglicherweise fand im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen des Mittel- und Spätpleistozäns eine Ausbreitung der menschlichen Population in die Levante und andere Regionen des Nahen Osten statt, die von Populationen des Neandertalers in Anatolien, dem Kaukasus und Zentralasien ausging.

Fest steht, daß die Ausbreitung der Qafzeh - Skhul nach Norden in die südliche Levante nur von kurzer Dauer war und mit der Ausbreitung von Säugetieren zusammenhing, die an warmes Klima gebunden sind. Allerdings ist ihre mittelpaläolithische Technologie die gleiche, die im Nahen Osten zusammen mit den Resten spätarchaischer Menschen gefunden wird und unterscheidet sich von der in den benachbarten Regionen Nordafrikas. Im Gegensatz dazu ist die Besiedlung des Vorderen Orients durch den späten archaischen Menschen - man könnte auch sagen: vom Prä-Neandertaler bis zum Neandertaler - von langer Dauer (sowohl vor als auch nach dem Eindringen der Qafzeh-Skhul) und ist mit einer Fauna vergesellschaftet, die an ein kühles Klima gebunden ist. Die aus ökogeographischen Gründen unterschiedlichen Körperproportionen dieser zwei Gruppen korrelieren mit den Unterschieden der vergesellschafteten Faunenarten.