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Die Neandertaler - eine hochspezialisierte Art.

von Alfred Czarnetzki, Carsten M. Pusch - 24.10.2001

Zwei Merkmale werden häufig für seine spezielle Anpassung an ein kaltes Klima gewertet. Das ist zum einen die relativ große Nasenöffnung (Apertura piriformis), definiert durch den sogenannten Nasenindex, der die Breite der Öffnung ins Verhältnis zur Nasenhöhe setzt. Zum anderen wird die relative Länge der unteren Extremität in der gleichen Weise interpretiert. Seine Form der Nase findet man heute und in Zeiten vor dem Neandertaler ausschließlich in tropischen Biotopen oder während der Warmzeiten des Pleistozäns bei den Vorläufern des Neandertalers und des modernen Menschen (Czarnetzki, 1995). Die Annahme, daß die Nasenmuscheln (Conchae nasales) wesentlich kräftiger ausgebildet waren als bei heutigen Bewohnern der Tropen und somit den Naseninnenraum in ähnlicher Weise ausfüllten wie bei heutigen Ekimos, läßt sich nicht schlüssig beweisen. Denn eine kräftige Leiste (Crista conchalis) für den Anschluß einer knöchernen Struktur sagt nichts über die Stärke derselben aus. Die unterstellte Analogie zum Muskel ist völlig unzulässig und führt daher auch zum Fehlschluß. Mit der Gestalt seiner Nase entspricht also der Neandertaler den heute nur noch in tropischen Bereichen lebenden Menschen.

Anders verhält es sich, wenn man die Beinlänge im Verhältnis zu der des Rumpfes (relative Beinlänge) betrachtet. Für den Neandertaler wird - ähnlich wie bei den Vertretern des modernen Menschen, die heute in den Breiten nördlich 66° leben - eine relativ geringe Beinlänge angenommen. Diese erreicht dort 47% bis 48% der durchschnittlichen Schulterhöhe, bei den Eskimos aber bis zu 51%, während sie in den Tropen zwischen 46% und 56% variiert (Katzmarzyk und Leonard,1998). Damit ist bewiesen, daß dieses Größenverhältnis keinen adaptiven Charakter hat, da besonders in den Tropen alle Größenrelationen vorkommen. Die relativ geringe Beinlänge des Neandertalers wäre also für ihn kein Hindernis gewesen, auch in den Tropen zu überleben. Die beiden hier angeführten Merkmale, die für eine Anpassung an kaltes Klima beim Neandertaler sprechen, sind in Wirklichkeit eher tropentaugliche Merkmale.

Vergleich des Gelenkkopfes vom Oberschenkelknochen des 160 cm großen Neandertalers (links) mit dem eines 180 cm großen modernen Menschen (rechts). (Foto. Uni Tübingen)
Vergleich des Gelenkkopfes vom Oberschenkelknochen des 160 cm großen Neandertalers (links) mit dem eines 180 cm großen modernen Menschen (rechts). (Foto. Uni Tübingen)

Ein Merkmal, für das keine Vergleiche in der Gattung Homo vorliegen, ist die massige Gestalt der oberen (proximalen) und unteren (distalen) Gelenkenden von Oberschenkel (Femur) und Unterschenkel (Tibia). So erreicht das obere Ende des Femurs, in dem spongiöser Knochen enthalten ist, bei Neandertalern von durchschnittlich 160 cm Körperhöhe ein durchschnittliches Volumen von 200 ccm, während der durchschnittliche Europäer mit 175 cm Körperhöhe ein durchschnittliches Volumen von nur 144 ccm erreicht (Czarnetzki, 1995). Derartig beeindruckende Volumina wie die des Neandertalers findet man erst wieder bei heutigen Menschen, die über 185 cm groß sind. Da das Volumen der Gelenkenden allgemein direkt mit der Körperhöhe korreliert ist, müßten die Neandertaler nach unseren Gelenkproportionen über 180 cm groß gewesen sein. Das bessere Maß für die Körperhöhe ist aber die Länge des Oberschenkelknochens. Und danach kann der Neandertaler im Vergleich zu uns heute lebenden Menschen durchschnittlich 164 cm groß gewesen sein (Abb. 2). Diese Diskrepanz ließ sich bis heute noch nicht schlüssig klären. Nach den Untersuchungen von Copf/Czarnetzki (1989) kann lediglich daraus geschlossen werden, daß die Gelenke des Neandertalers in der Lage waren, ähnlich hohe Druckkräfte auszuhalten, wie sie heute bei einem 190 cm großen Mann unter natürlichen (physiologischen) Bedingungen auftreten. Im Gegensatz dazu deuten die Muskelmarken an der unteren Extremität auf eine schwach ausgebildete Muskulatur hin, während die der oberen Extremität durchaus der des frühen modernen Menschen oder der der Megalithiker in Mitteleuropa entsprachen.

Zusammenfassung

Die sogenannte Spezialisierung des Neandertalers steht im Zusammenhang mit bestimmten Fähigkeiten seines Gehirns, die sogar deutlich besser ausgebildet sein konnten als beim heutigen Menschen: nämlich das kognitive Sehen und Hören sowie ein möglicherweise verbessertes Sehen in der Dämmerung. Nach heutigen Berechnungen konnten seine Gelenke enorme Druckkräfte aushalten. Eine wie auch immer geartete Adaptation an kalte Klimate am Rande des Eises läßt sich nicht nachweisen. Ähnliches gilt für seine angebliche Beschränkung auf eine carnivorenähnliche Ernährungsweise oder für die Unfähigkeit, seine selbst hergestellten Geräte sinnvoll nutzen zu können.

Literatur

  • Copf, F. & Czarnetzki, A. 1989: Die hydrodynamische Komponente im Gelenk: Nachweis eines Membranen-Zysternen-Systems in der kalzifizierten Zone des Knorpels am Femurkopf. Acta Anat. 136, 248 - 254
  • Czarnetzki, A. 1995: Morphological evidence of adaptive characters in the genus Homo. In: Man and environment in the Paleolithic. (Ulrich, H.; edit.) E.R.A.U.L. 62, 97 - 110. Liége
  • Czarnetzki, A. 1998: Neandertaler: Ein Lebensbild aus anthropologischer Sicht. In: Neandertaler & Co., Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung in Münster, 11 - 17, Westfälisches Museum für Archäologie - Amt für Bodendenkmalpflege - im Auftrage des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Münster
  • Katzmarzyk, P. M. & Leonard, W. R. 1998: Climatic influence on human body size and proportions: Ecological adaptations and secular trends. Am. J. Phys. Anthrop. 106, 483 - 503