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Die Neandertaler - eine hochspezialisierte Art

24.10.2001

Einleitung

Um unter natürlichen Bedingungen überleben zu können, benötigen - und das wissen wir spätestens seit den Erkenntnissen Darwins - die verschiedenen Lebewesen Merkmale, die ihnen ein Überleben unter den gegebenen Bedingungen in ihrem Biotop ermöglichen. Das kann so weit führen, daß eine Art mit vielen Varianten (Unterarten) in die Lage versetzt wird, z.B. in allen Längen- und Breitengraden der Erde überleben zu können, während andere auf sehr eng begrenzte Gebiete mit hochspeziellen Bedingungen angewiesen sind. Ferner wissen wir, daß Arten über mehr als 190 Millionen Jahre unverändert existieren können (z.B. das Perlboot Nautilus), wenn der Lebensraum (Biotop) sich nicht stärker ändert als ihre individuelle Flexibilität es zuläßt. Andere hingegen können sich innerhalb von wenigen 100.000 Jahren sehr stark verändern (z.B. Proboscidea = Elefantenähnliche), wenn der Lebensraum ständigem klimatischem Wechsel ausgesetzt ist, so z.B. in denjenigen Erdregionen, die dem Wechsel von Eis- und Warmzeiten unterworfen waren. Neben den Merkmalen, die eine Anpassung an die gegebenen Umweltbedingungen ermöglichen, muß man aber auch mit einer großen Anzahl an Merkmalen rechnen, die völlig wertneutral sind.

Spezialisierung des Neandertalers

Der klassische Neandertaler, dessen Definition die sogenannten Präneandertaler - eine sehr inhomogene Sammelgruppe - ausschließt, ist durch einige Merkmale charakterisiert, die vor seinem Auftreten nicht vorhanden waren und später auch nicht mehr nachweisbar sind. Sie sind z.B. in dem Münsteraner Ausstellungskatalog "Neandertaler und Co." auf Seite 16 übersichtlich zusammengestellt (Czarnetzki, 1998). Unter diesen sind völlig einmalig beim Neandertaler:

  • das weit ausladende Hinterhaupt
  • die durchgehende Krümmung der Scheitelbeine
  • die Warzenfortsätze (Processus mastoidei) medial der größten Schädelbreite
  • die gekrümmten Seitenwände von hinten gesehen (quere Eiform)
  • ein durchschnittlich größeres Gehirnvolumen als das des modernen Menschen
  • die großen Nasennebenhöhlen (Sinus maxillares)
  • der fast gerade Übergang vom Zahnhalteapparat (Processus alveolaris maxillaris) zum Wangenbein (Os zygomaticum)
  • die großen Augenhöhlen (Orbitae) im Verhältnis zum gesamten Gesicht
  • die allgemein riesigen Gelenkenden im Verhältnis zur Länge des Knochens
  • die schwachen Muskelmarken an Ober- und Unterschenkel (Femur und Tibia)

Diese Merkmale müssen aufgrund ihrer Einmaligkeit die Adaptation des Neandertalers an seine Umwelt ausmachen. Immerhin befähigten sie ihn, über die Rißeiszeit, das Eem (letzte große Warmzeit) bis in die Würmeiszeit vor dem letzten großen Kältemaximum zu überleben. Natürlich darf man dabei nicht übersehen, daß die physiologischen Merkmale nicht berücksichtigt werden können. Selbst die in letzter Zeit durchgeführten umfangreichen Spurenelementanalysen lassen kaum einen Einblick in diesen Bereich zu. Denn sie ergaben die gleiche Zusammensetzung der einzelnen Elemente wie die in den gleichen Bodenschichten gefundenen Knochenreste von Fleischfressern wie z.B. Wölfen. Damit ist eine stringente Argumentation im Hinblick auf eine carnivorenähnliche Ernährungsweise der Neandertaler hinfällig.

Adaptive und nicht-adaptive Merkmale

a: Das Gehirn eines modernen Menschen, virtuell in die Schädelkalotte des Neandertaler (Monte Circeo 1) eingebracht. b: Das Gehirn eines modernen Menschen, angepaßt an die Schädelform des Neandertalers von Monte Circeo. Auffällig ist die starke morphologische Verzerrung bestimmter Zentren des Gehirns gegenüber der heutigen Normalformen. (Graphische Gestaltung: Rainer M. Czarnetzki)
a: Das Gehirn eines modernen Menschen, virtuell in die Schädelkalotte des Neandertaler (Monte Circeo 1) eingebracht. b: Das Gehirn eines modernen Menschen, angepaßt an die Schädelform des Neandertalers von Monte Circeo. Auffällig ist die starke morphologische Verzerrung bestimmter Zentren des Gehirns gegenüber der heutigen Normalformen. (Graphische Gestaltung: Rainer M. Czarnetzki)

Der Schädel der Neandertaler zeigt die deutlichsten Anzeichen einer hohen Spezialisation. So fällt vor allem das Gehirnvolumen auf, das trotz der relativ flachen Stirn durchschnittlich größer ist als beim heutigen Menschen. Eine detaillierte Betrachtung macht sofort deutlich, daß die Gebiete für das Erkennen optischer Eindrücke oder die Differenzierung von Geräuschen in der Masse besonders groß ausgebildet sind. Durch das weit ausgezogene Hinterhaupt als Sitz des Hinterhauptlappens des Großhirns (Lobus occipitalis) wird signalisiert, daß der Bereich für die Wahrnehmung optischer Eindrücke wie z.B. optische Dingerkennung, Ortssinn, Ortsgedächtnis, Farberkennen, Helligkeitserkennen usw., aber auch beispielsweise für optische Gedanken ausgezeichnet ausgebildet war.

Damit war der Neandertaler z.B. in der Lage, das, was er einmal gesehen hatte, auch zielsicher wiederzuerkennen. Zu seinen optischen Fähigkeiten passen auch gut die großen Augenhöhlen, stellvertretend für große Augäpfel, die sich vor allem bei exzellenten Nachtsehern finden. Auch hier besagt der Analogieschluß, daß der Neandertaler nicht gerade ein Nachtseher, aber doch noch ausgezeichnet in der Dämmerung agieren konnte. Allein dieser Teil des Gehirnes gibt also Aufschluß darüber, daß der Neandertaler für diese Eigenschaften hochspezialisiert war.

Die scheinbare Verlagerung der Warzenfortsätze zur Mitte des Schädels ist ein Zeichen für die übermäßige Ausdehnung der Hirnrindenfelder, die oberhalb (kranial) von diesen lokalisiert sind. Auch hier sei kurz ein Blick auf die dort lokalisierten Fähigkeiten geworfen. Zu Ihnen gehören Geräusch-, Ton- und Lautempfindungen, Sinnverständnis für Geräusche und Musik und ähnliches mehr. Damit kann als gesichert gelten, daß diese Fähigkeiten bei ihm deutlich besser als bei uns heutigen Menschen ausgebildet waren oder ausgebildet werden konnten. Jede weitere Interpretation über "Das was" er besonders auf diesen beiden Gebieten seines kognitiven Erkennens differenzieren konnte, wäre daher reine Spekulation.