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Häuptlingsgräber der Aunjetitzer Kultur (2200 - 1800 BC).

von Ilona Knapp - 1.9.2000

Bei der Beschreibung muß man jedoch strikt zwischen den Gräbern Mitteldeutschlands und den Gräbern Polens unterscheiden: In Polen sind, mit der Ausnahme von Szczepankowice, nur die Gräber der Nekropole Leki Male bekannt, während in Mitteldeutschland die Hügelgräber nicht in einer Gräbergruppe errichtet wurden. Die mitteldeutschen Befunde haben fast alle einen direkten Bezug zum Neolithikum. Sie wurden auf älteren, steinzeitlichen Grabhügeln errichtet und/oder mit einem neolithischen Steingerät (Steinhammer oder Schuhleistenkeil) ausgestattet. Die Hügelgräber in Leki Male wurden für weitere Nachbestattungen genutzt, die ähnlich reiche Beigaben aufwiesen, wie die eigentliche Bestattung im Zentrum des Hügels. Nachbestattungen sind auch in den mitteldeutschen Befunden bekannt, lassen sich aber eher mit den Normalbestattungen der Aunjetitzer Kultur vergleichen. Ein weiterer Zusammenhang mit dem Neolithikum läßt sich an der Grabform der mitteldeutschen Bestattungsanlagen nachvollziehen. Ähnlich wie bei den schnurkeramischen Grabkammern wurde eine zeltförmige Holzkonstruktion errichtet, die darüber hinaus mit Schilf bedeckt wurde. Eine dicke Steinpackung und eine Erdschüttung schützten das Grab. In Polen wurden für die Zentralbestattung verschiedenartige Grabgruben eingetieft, die von einem Steinwall umgeben wurden. Darüber wurde der eigentliche Hügel aus Erde errichtet. Ein einheitliches Beigabenmuster ist in keinem der Gebiete bekannt. Auffällig ist jedoch die große Anzahl der Metallbeigaben und die Beigabe eines sehr großen Grabgefäßes. Die Beigabe von Beilen des Typs Lanquaid II, Kreuzbalkennadeln, Lockenringe, Ringe mit Stollen- und Stempelenden sowie metallgeschäfteten Stabdolchen zeichnen die Gräber als Besonderheit aus. Diese Funde sind in seltenen Fällen aber auch in anderen Zusammenhängen, z.B. in Hortfunden, bekannt. Allen gemeinsam ist die direkte Nähe zu Verkehrs- bzw. Handelswegen. Ein Bezug zu einer nahegelegenen, befestigten Höhensiedlung ist nicht gänzlich gesichert.

Leubingen: Grabbeigaben (Foto: E. Hunold - Abb. m. freundl. Genehmigung des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt)
Leubingen: Grabbeigaben (Foto: E. Hunold - Abb. m. freundl. Genehmigung des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt)

Nach dieser Beschreibung fällt auf, daß die mitteldeutschen Häuptlingsgräber eng mit dem Neolithikum verbunden sind. Durch den traditionellen Grabbau veranschaulichen sie in direkter Weise die Vermittlung traditioneller Werte durch den Verstorbenen. Er beruft sich offenbar auf eine lange Abstammungslinie, die bis ins Neolithikum hineinreicht. Der Restbevölkerung, die in nicht-neolithischer Weise bestattet wurde, wurden diese Abstammungsrechte scheinbar abgesprochen. Die enorme Größe der Grabhügel, die reichen Beigaben und der direkte Bezug zu Handelswegen sind nur Beispiele, die einen politischen und wirtschaftlichen Machtanspuch des in ihnen Bestatteten veranschaulichen. Zudem scheint die Vermittlung traditioneller Werte und traditionellen Wissens diesen Machtanspruch zu legitimieren und den Verstorbenen als Häuptling auszuzeichnen. Insofern können die Häuptlingsgräber, aber auch die neolithische Steinaxtbeigabe, als Materialisation der neolithischen Idee oder Ideologie innerhalb der Aunjetitzer Gesellschaft angesehen werden. Zusätzlich nimmt diese, belegt durch die Metallbeigaben, neue Elemente, z.B. die Idee der intensiven Metallurgie, in sich auf. Daß bestimmte Bereiche, vor allem der Güteraustausch, durch den Häuptling und eventuell seiner Gefolgschaft kontrolliert wurden, dokumentiert die Errichtung der Grabanlagen in direktem Bezug zu Handelswegen. Um weitere Aussagen zur Aunjetitzer Gesellschaft treffen zu können, müßte das Gesamtgefüge der Aunjetitzer Kultur untersucht werden.

Diese Ergebnisse zeigen jedoch, daß die Betrachtung der herausragenden Bestattungen unter dem Blickwinkel reicher Beigabenausstattung und von der Norm abweichender Grabbauweise zu eng gefaßt ist und eine Öffnung zu weiterführenden Interpretationen führen kann.

Es soll jedoch nochmals darauf hingewiesen werden, das durch die ausschließliche Bearbeitung der 'Häuptlingsgräber' nicht die gesamtgesellschaftliche Organisation der Aunjetitzer Kultur dargestellt werden kann. Hierzu wäre eine gesamthafte Untersuchung der Aunjetitzer Funde und Befunde vorzunehmen.

Ilona Knapp M.A.
Freiburg

Literatur

  • Beier, H.-J. (1984): Die Grab- und Bestattungssitten der Walternienburger und der Bernburger Kultur (Halle 1984).
  • Childe, V.G. (1929): The Danube in Prehistory (Oxford 1929).
  • Earle, T. (1997): How Chiefs come to Power (Stanford 1997).
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  • Feustel, R., Ullrich, H. (1965): Totenhütten der neolithischen Walternienburger Gruppe. Alt-Thüringen 7, 1965, 105-202.
  • Fischer, U. (1956): Die Gräber der Steinzeit im Saalegebiet (Berlin 1956).
  • Knapp, I. (1999): "Fürst" oder "Häuptling"? Eine Analyse herausragender Bestattungen der frühen Bronzezeit. Archäologische Informationen 22/2, 1999, 261-268.
  • Lenerz-de Wilde, M. (1991): Überlegungen zur Funktion frühbronzezeitlicher Stabdolche. Germania 69/1, 1991, 25-48.
  • Müller, J. (1996): Konsequenz: Die Beschreibung von Hierarchien wenig strukturierter prähistorischer Gesellschaften. In: Müller, J. Bernbeck, R. (Hrsg.): Prestige - Prestigegüter - Sozialstrukturen. Beispiele aus dem europäischen und vorderasiatischen Neolithikum (Bonn 1996) 115-118.
  • Popitz, H. (1986): Phänomene der Macht: Autorität - Herrschaft - Gewalt - Technik (Tübingen 1986).
  • Service, E.R. (1977): Ursprünge des Staates und der Zivilisation. Der Prozess der kulturellen Evolution (Frankfurt a.M. 1977).
  • Strahm, C. (1995): Die Frühbronzezeit. In: Débuts de l'Age du Bronze entre Rhône et Aar. Ed. Museum Schwab (Biel 1995) 1-14.
  • Zich, B. (1996): Studien zur regionalen und chronologischen Gliederung der nördlichen Aunjetitzer Kultur (Berlin-New York 1996).