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Möglichkeiten und Grenzen der experimentellen Archäologie

27.11.2001

Die grandiosen Ruinenstätten früher Zivilisationen und musealen Schausammlungen ihrer prächtigsten Relikte, Ziel von Bildungsreisen und neuerdings sogar des Erlebnismassentourismus, täuschen: Die große Menge dessen, was das Leben bis in die historischen Epochen im Wesentlichen ausgemacht hat, ist verloren. Vor allem von den alltäglichen Dingen wurde das meiste verbraucht und zerstört; und von dem Wenigen, was davon in den Boden gelangte, hat wiederum nur Weniges die Jahrhunderte oder Jahrtausende der Einlagerung überdauert.

Unter allen denkbaren Gesichtspunkten untersuchten deshalb die Archäologen ihre Funde solch materieller Zeugnisse, um eine immer genauere Vorstellung von unserer vor- und frühgeschichtlichen Vergangenheit zu gewinnen. Seit Anbeginn dieser Forschung hat dabei interessiert, wie Bauten und Gerätschaften - gerade wenn davon nur spärliche Reste erhalten sind - ursprünglich ausgesehen haben, wie sie entstanden sind und wie sie genutzt wurden. Vielfach erschließen sich ihre mutmaßlichen oder wahrscheinlichen Funktionen erst durch den nachvollziehenden Gebrauch von Rekonstruktionen.

Diese Methode, die experimentelle Archäologie, hat in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern eine bedeutende Tradition. Hingegen scheint in der Bundesrepublik das Verständnis dafür noch wenig entwickelt zu sein. Zwar sind in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus besonders viele Publikationen dieser Art erschienen, insbesondere volkstümliche; doch dabei ging es weniger um exakte wissenschaftliche Befunde, als um den Versuch, ideologische Vorgaben zu bestätigen. Freie Erfindungen sollten die Überlegenheit einer nur in rassistischem Wahn existierenden arischen Urbevölkerung Nordeuropas dokumentieren. Dies war wohl der Grund, weshalb nach dem Zweiten Weltkrieg die dadurch belastete deutsche Archäologie nicht den Anschluss an das sach- und fachkundige experimentelle Arbeiten in anderen Ländern fand.