13.02.2012 - 20:53:02

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)
Mado wo akeru - Ein Fenster öffnen. Untersuchungen an Alamannenschwertern in Japan

von Stefan Mäder - 16.1.2001

Im Verlauf der Forschungsgeschichte zu frühem Stahl und den daraus hergestellten Blankwaffen konnten bis heute umfangreiche Erkenntnisse gewonnen werden, die Antwort auf ein Spektrum spezifischer Fragestellungen der einzelnen Fachrichtungen gegeben haben. Auf dem Gebiet der archäologischen Forschung ist es nur in einem eng begrenzten Rahmen möglich, Klingen von oberflächlich gleichem Erscheinungsbild anhand stilistischer Unterschiede und Besonderheiten ihrer Fertigung in Gruppen einzuteilen. Waren die makroskopisch sichtbaren Befunde der allgemeinen Konstruktion (z.B. Torsionsdamast, gezahnte Schweißnaht, etc.) mit den gegenwärtig angewandten Methoden nicht nachweisbar, wurden eingehendere Untersuchungen zur Herstellungstechnik mit dem Hinweis, daß es sich um “undamasziertes”, bzw. “homogenes” Material handele von archäologischer Seite bisher unterlassen.

Durch die Ergebnisse physikalischer, chemischer und metallographischer Untersuchungen konnte der inhomogene und individuelle Charakter des frühgeschichtlichen bis hochmittelalterlichen Stahles seit den 50-er Jahren in größerem Umfang belegt werden. Dennoch war dieser erste Fingerzeig daraufhin, daß die Charakteristika von Klingen der frühen Schmiede zum Großteil in ihrer “Schweißeisenstruktur”, d.h. dem individuell aufbereiteten Stahl und den Variationsmöglichkeiten seiner Härtung, zu suchen sind, für die Fragestellungen der Archäologie bislang nicht auswertbar.

Herr Sasaki beim Prüfen der merowingerzeitlichen Klinge. (Foto: Konichi Nakajima)
Herr Sasaki beim Prüfen der merowingerzeitlichen Klinge. (Foto: Konichi Nakajima)

In westlichen Publikationen zur Völkerkunde, Archäologie, Kultur- und Technikgeschichte Ostasiens wurde dem ausgereiften japanischen System zur Kategorisierung von Schwertklingen mittels der oben beschriebenen Kriterien seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis in die 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein immer wieder Aufmerksamkeit zuteil. In diesen Publikationen wurde jedoch nur peripher auf die Grundvoraussetzung für eine umfassende Begutachtung eingegangen, die in Japan in Form eines seit über 1000 Jahren ausgeübten Schwertpolierhandwerks gegeben ist. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß das im Westen entwickelte Methodenspektrum zur naturwissenschaftlichen Analyse von Klingenstahl an japanischen Klingen mit Erfolg angewandt wurde und wird, unternahm Verf. in entgegengesetzter Richtung den Versuch, das altüberlieferte japanische Begutachtungsverfahren an zwei merowingerzeitlichen Klingen aus Baden-Württemberg auf seinen Aussagewert für die westliche Forschung hin zu überprüfen. Es handelt sich dabei um die ersten ausländischen Klingen, die für eine solche Untersuchung in Japan mit einer traditionellen Politur versehen wurden. Die auf den vorangegangenen Seiten angestellten Überlegungen sind als theoretische Grundlage für eine ausführliche Publikation derjenigen Ausblicke zu verstehen, die sich durch ein japanisches “Fenster” auf europäischen Klingenstahl des frühen Mittelalters ergeben.

Literatur

  • Emmerling, J., 1972 Technologische Untersuchungen an eisernen Bodenfunden. Alt-Thüringen Bd. 12, Weimar 1972.
  • Ishii, M./ Sasaki, K., 1995: Kodaitô to Tetsu no Kagaku ("Schwerter der Frühzeit und die Chemie des Stahles"), Tokyo 1995.
  • Kapp, L./ Kapp, H./ Yoshihara Y.: The Craft of the Japanese Sword, Tokyo &
    New York 1987.
  • Schulz, E.H., 1961: Über die Ergebnisse neuerer metallkundlicher Untersuchungen alter Eisenfunde und ihre Bedeutung für die Technik und die Archäologie. Köln, 1961, 73-106.
  • Smith, C.S., 1960: A History of Metallography; the development of ideas on the structure of metals before 1890. Chicago 1960.
  • Straube, H., 1996: Ferrum Noricum und die Stadt auf dem Magdalensberg, Wien/New York, 1996.
  • Westphal, H., 1984: Besondere Schweißtechnik an zwei Saxklingen des 7. Jahrhunderts von Lembeck (Stadt Dorsten); Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe 2, 1984, 57-68.
  • ders., 1986: Ungewöhnliche Schweißtechniken und Dekorationen an zwei Saxen.des 8. Jahrhunderts. Restaurierung, Untersuchung, Dokumentation. Arbeitsblätter für Restauratoren, Mainz, Heft 1, 1986, Gruppe 1, 217-224.
  • ders., 1991: Untersuchungen an Saxklingen des sächsischen Stammesgebietes: Schmiedetechnik, Typologie, Dekoration. In: Studien zur Sachsenforschung 7, 1991, 271-365.


(Dieser Artikel erschien auch in: Ethnographisch - Archäologische Zeitschrift 41, 2000, 17-27)